Süddeutsche Zeitung

Natan Sznaider Buch "Politik des Mitgefühls":Richtig gut

Der israelische Soziologe Natan Sznaider hat einen inspirierenden Essay zur Frage geschrieben, ob in der Demokratie das Mitgefühl die Grundlage von Moral sein muss.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Mitleid und Gefühle sind elementare Aspekte der Demokratie, die entscheidend zu Bewegungen und Mentalitäten beitragen. Der israelische Soziologe Natan Sznaider sieht etwa im "Nie wieder"-Impuls nicht nur die zentrale Triebfeder für die deutschen Lehren aus dem Holocaust, sondern auch den Grund für die Erklärung der Menschenrechte oder die Aufarbeitung der Militärdiktatur in Argentinien. In seinem neuen Essay formuliert der in Deutschland aufgewachsene Soziologe, der an der New Yorker Columbia University über die "Sozialgeschichte von Mitleid" promoviert wurde, diesem Gedanken entsprechend: "Wir müssen imstande sein mitzufühlen, wenn wir verlangen, dass etwas nie wieder geschehen soll."

Sznaider geht es dabei um das "öffentliche Mitgefühl". Wie dieses Gefühl Politik und Moral beeinflusst, analysiert er mit vielen historischen Bezügen. Das Buch spannt einen weiten Bogen von der Antike über die Französische Revolution bis zur Flüchtlingskrise 2015. Dabei nimmt er immer wieder Bezug auf Hannah Arendt, für die Mitleid ein Ersatz für Solidarität war.

Nietzsche beschrieb Mitgefühl als ansteckende Krankheit

Die Überlegungen zum Begriff selbst und die Abgrenzung von Mitgefühl und Mitleid gehören zu den Stärken dieses Essays, mit dem Sznaider das ethische Ideal als universellen Anspruch verankern will. Er bettet diese Begriffe ein in den größeren Kontext von Humanität und Utilitarismus. Dabei schafft er es mit seiner Herangehensweise immer wieder, neue Perspektiven aufzuzeigen und diese mit praktischen Beispielen konkreter Politik oder Handlungsoptionen zu versehen, wobei vor allem die Entwicklungen in Europa und den USA in den Blick genommen werden.

Platon und Aristoteles kommen vor, die das Mitgefühl als Grundlage moralischer Verpflichtungen ablehnten, weil damit die Gefahr einer Dominanz von Emotionen verbunden war, die mit Tugend kollidieren konnte. Hier greift Sznaider auch die Kritik von Nietzsche auf, der Mitgefühl als ansteckende Krankheit, als Verlust der Autonomie und Selbstbeherrschung beschrieb. Auch Immanuel Kant fehlt nicht, ebenso wenig wie eine Auseinandersetzung mit Verantwortungs- und Gesinnungsethik.

Es ist so über weite Strecken ein philosophisches Buch. Mehrfach fragt der Autor, ob seine Gedanken nun eigentlich noch mit Soziologie zu tun hätten, und gibt sich selbst die Antwort: "Ich glaube schon." Schließlich würden "allbekannte Fragen über moralischen Relativismus" erörtert.

Immer wieder kehrt Sznaider zum Holocaust zurück, als dem zentralen ethischen Bezugspunkt gerade in Deutschland. Zu den interessantesten Passagen gehört die Schilderung und Einordnung eines Briefwechsels zwischen Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1965, der frappierend gut zu den Debatten um Geflüchtete 50 Jahre später passt und sogar Parallelen zur Diskussion um Achille Mbembe aufweist.

Enzensberger habe, so Arendt, in seinen "Reflexionen über den Glaskasten" über den Prozess gegen Adolf Eichmann, der sich am 11. April zum sechzigsten Mal jährt, den Holocaust verallgemeinert und der deutschen Besonderheit beraubt. Ihr Fazit: "Wenn ein Deutscher das schreibt, ist es bedenklich." Enzensberger wehrt sich gegen dieses "argumentum ad nationem" und dagegen, bloß als "Appendix seiner Nationalität" wahrgenommen zu werden. Für ihn sei nicht das Schlimmste an den Untaten, "dass Deutsche sie begangen haben, sondern dass solche Untaten überhaupt begangen worden sind, und dass sie wieder begangen werden können". Auf die "Moralkeule Auschwitz" von Martin Walser geht Sznaider nicht ein, stellt jedoch eine Verbindung zur "Willkommenskultur" her, die er als Versuch beschreibt, Mitfühlen als "Heimatbegriff zu verallgemeinern".

Was Sznaider weniger überzeugend gelingt, ist der Nachweis für die These, dass es in der Natur des modernen Kapitalismus liege, Mitgefühl entstehen zu lassen und dass die Veränderung unserer Sensibilitäten mit dem Aufstieg des Kapitalismus zusammenhängen. Für ihn gilt: "Mitgefühl ist Teil des Kapitalismus." Seine Argumentation dafür, dass gerade der moderne Markt und die Demokratie dieses Gefühl erst möglich machten, geht leider nicht wirklich auf. Über weite Strecken ist ihm dennoch ein Essay gelungen, der zum Weiterdenken anregt.

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