Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Schwerelos

Stanley Donen ließ Gene Kelly und Audrey Hepburn strahlen, schuf Klassiker wie "Singin' in the Rain" und "Charade". Mit ihm ist der letzte Meister aus Hollywoods goldener Ära gestorben.

Von Fritz Göttler

Die irrste, überdrehteste, den Kopf komplett verdrehende Choreografie, die er je geliefert hat, arbeitet gar nicht körperlich, mit Beinen und Armen, sondern lässt die Worte tanzen, auf eine Weise, die an Christian Morgenstern erinnert: "Moses supposes his toeses are roses", singen Gene Kelly und Donald O'Connor da, "but Moses supposes erroneously". Es ist die berühmte Sprechübungsepisode in "Singin' in the Rain", wenn die erfolgreichen Stummfilmstars bei der rasanten Umstellung auf Tonfilm plötzlich artikulieren lernen müssen. Und Stanley Donen hilft, dass die Sprache die gleiche Freiheit entwickeln kann wie die Tänzer.

"Singin' in the Rain", 1952, gilt als der Inbegriff des amerikanischen Filmmusicals, der Film, mit dem der Name Stanley Donens primär verbunden bleiben wird - auch wenn man nicht wirklich exakt zuschreiben konnte, was genau er selbst beigesteuert hat. Es ist ein grandioses Gemeinschaftswerk, vom Produzenten Arthur Freed, Betty Comden und Adolph Green, die das Drehbuch schrieben, den Akteuren Gene Kelly und Donald O'Connor. Sie alle sind vom gleichen Enthusiasmus belebt und vom entschiedenen Willen, das Kino zu feiern.

Geboren wurde Stanley Donen am 13. April 1924 in Columbia, South Carolina, aber schon als Teenager war er dann am Broadway in New York, in der chorus line, als Sänger und Tänzer. Mit sechzehn hat er dort den zwölf Jahre älteren Gene Kelly getroffen, gemeinsam haben sie erste Choreografien erarbeitet, und schnell sind sie dann in Hollywood gelandet. 1949 hat Kelly ihn als Regisseur geholt für "On the Town": Kelly, Frank Sinatra und Jules Munshin sind drei Matrosen, die für ein paar Tage auf Landurlaub in New York sind, ihre 'Landnahme' dort ist auf den Straßen der Stadt gedreht, nicht im Studio, und feiert New York so wie "Singin' in the Rain" Hollywood feiert.

Stanley Donen war fünfundzwanzig bei dieser seiner ersten Regie, ein Jahr jünger als Orson Welles, als der seinen legendären "Citizen Kane" drehte und für sein außergewöhnliches Jungtalent gerühmt wurde. "Aber drucken Sie das nicht", merkte Donen kokett an, als ein Interviewer von Vanity Fair ihn darauf ansprach: ",Citizen Kane' ist der bessere Film". (Immerhin: Auf der Top Ten Liste der Filmzeitschrift Sight and Sound, die Jahrzehnte lang "Citizen Kane" anführte, hat sich auch "Singin' in the Rain" lange gehalten.)

Stanley Donens Kino ist pure Energie, seine Figuren sind dynamisch und kühn

Die Musicals von Donen (und Kelly) sind muskulöser, athletischer, zupackender als die der Kollegen Vincente Minnelli, Charles Walters, George Cukor - die inszenieren und choreografieren dekorativ, von den Räumen und ihrer Ausstattung her, die Figuren bewegen sich darin wie in Träumen, suchen Orientierungspunkte, probieren Schritte. Donens Kino ist pure Energie, seine Figuren sind dynamisch und kühn, gehen raumgreifend vor, Gene Kelly, der durch Pfützen tanzt im Regen (die man durch Löcher im Boden extra groß machte), oder die akrobatischen Holzfäller in "Seven Brides for Seven Brothers". Selbst wenn Donen mal mit dem eher distinguierten Fred Astaire arbeitete, in "Royal Wedding", musste der tatsächlich die Wände hochtanzen. Und wenn es Träume gibt in Donens Filmen, dann sind sie offenkundig fabriziert, wie der von Gene Kelly für Debbie Reynolds, die sein Lucky Star ist, im leeren Filmatelier von "Singin' in the Rain".

Mit solchen Träumen beschäftigt sich Donen weiter, als er dann das Musical sein lässt und anfängt, Liebesgeschichten zu erzählen, er geht dafür nach England, arbeitet mit englischen Schauspielern oder solchen, die eine europäische Sensibilität ausstrahlen. Drei Filme hat er mit Cary Grant gedreht, drei mit Audrey Hepburn, gemeinsam spielen sie in "Charade", einer Suspense-Travestie in Paris zwischen Romantik und Zynismus, die sogar Hitchcock weit hinter sich lässt. Der schönste Film mit Hepburn ist "Two for the Road", in dem sie und der junge Albert Finney ein Liebes- und dann Ehepaar spielen, und wie das Hin und her dieser Beziehung sich entwickelt, erlebt man an vier Reisen in den Süden Frankreichs, die sie innerhalb von zwölf Jahren absolvieren. Der Film springt vor und zurück in diesen Jahren, ist verschachtelter als sogar "Citizen Kane". Donen selbst war fünfmal verheiratet, aber keine der Ehen hielt - und Elaine May, die dann seine späte Seelenverwandte wurde, war schließlich offenbar abergläubisch: Donen erzählte, sie habe exakt 172 Heiratsanträge abgelehnt.

Schaut wie man tanzt, hat Jean-Luc Godard noch als Kritiker seine Leser bei Stanley Donens "Pajama Game" aufgefordert, und in seinen eigenen Filmen "Eine Frau ist eine Frau" und "Die Außenseiter-Bande" riskieren Anna Karina und ihre Jungs immer wieder ein paar improvisierte Tanzschritte. Die jungen Franzosen von der Nouvelle Vague, die sonst die markanten Filmautoren priesen, liebte auch das wilde Gemeinschafts-, das Ensemblekino. Man muss nicht unbedingt einen Widerspruch darin sehen. Truffaut feiert, wenn er über "Singin' in the Rain" schreibt, jenen Moment, da Debbie Reynolds für den Bruchteil einer Sekunde im Schwung einer furiosen Nummer mit Kelly und O'Connor der Rock an entscheidender Stelle hochrutscht.

Man weiß nicht recht, welchen Anteil Stanley Donen an seinem vorletzten Kinofilm hatte, "Saturn 3". Ursprünglich sollte er nur produzieren, dann musste er, als John Barry, der Star-Wars-Ausstatter, die Regie nicht mehr weitermachen wollte, für diesen einspringen, und sein Star Kirk Douglas hatte auch eigene Vorstellungen. "Saturn 3" gilt als völlig missglücktes Stück, drei Menschen isoliert auf einer Raumstation auf dem Saturn, Douglas, Farah Fawcett und Harvey Keitel, zwischen denen verwickelte und kaum kaschierte Momente des Begehrens sich ergeben. Ein vierter ist noch im Spiel, der Roboter, den Keitel mitgebracht hat und auf der Station zusammensetzt, er trägt den unglückseligen Namen Hector. Keitel und Hector, sie bilden eine schmerzlich gespaltene Persönlichkeit. Man spürt, wie fern die Zeit ist, da es eine Vorstellung vom selbstbewussten, einheitlichen Menschen gab im Kino, der sang, tanzte, spielte mit vollem Körpereinsatz, mit absoluter Körperbeherrschung.

Am Donnerstag ist Stanley Donen, der letzte Meister aus dieser fernen Zeit, im Alter von 94 Jahren in Manhattan gestorben.

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Quelle:
SZ vom 25.02.2019
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