Süddeutsche Zeitung

Nabokov: Neuer Roman:Lolita mit Wikipedia-Mitteln

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Besuch einer Romanbaustelle: Vladimir Nabokovs letzte Karteikarten wurden jetzt als "Das Modell für Laura" zwischen Buchdeckel gepfercht.

G. Seibt

Es gibt vermutlich weniges, was Vladimir Nabokov mit mehr Verachtung gestraft hätte als die Idee vom "offenen Kunstwerk", hätte er von ihr Notiz genommen. Rechnet man von Nabokovs universitären Unterrichtsmethoden herunter auf das, was er vom normalen Leser gedacht hat, dann kann die Vorstellung, dieser sei eine Art Co-Autor oder Mitschöpfer eines Sprachkunstwerks, ihn nur mit Schaudern erfüllt haben.

Nichts überließ er in seinen Büchern dem Zufall, ihre stilistische Oberfläche zeigt bis in die Feinheiten des Rhythmus eine Politur von abweisender Glätte, ihr tieferliegendes Motivgeflecht ist von einer anderswo kaum erreichten Dichte und Ökonomie. Die durchaus unendliche Sinnfülle, die sie bieten, verdankt sich keineswegs dem Spielraum für die Willkür der Rezeption, sondern ist Effekt von raffiniert austarierten erzähltechnischen Effekten, verglichen mit denen einander ins Endlose wiederholende Spiegel ein läppischer Kindertrick sind.

Die Verweisungsfülle vor allem in Nabokovs Spätwerk ist auch ein Ergebnis seiner berühmten nicht-linearen Arbeitsweise. Der Grundriss des Buches, das er niederzuschreiben begann, war in seinem Kopf bereits fertig und so schrieb er es nicht vom Anfang zum Ende, sondern von allen Seiten gleichzeitig, auf die handlichen, postkartengroßen Karteikarten, die erst im letzten Arbeitsgang zu einem durchlaufenden Ganzen verbunden wurden. Was dem von ihm wenig geschätzten Thomas Mann das "täglich Blatt" in einem fortlaufenden Anstückelungsvorgang war, das waren Nabokov drei bis sechs solcher Kärtchen mit jeweils ein paar Zeilen Text, manchmal zusammenhängend, oft auch weit voneinander entfernt.

Nur eine Frage der Zeit

Dass der schlechthin nicht zu regierende Zufall, der Todeszeitpunkt, den Nabokovs von einem Krankenhausinfekt geschwächter Organismus nicht mehr zu bestimmen vermochte, nun 32 Jahre nach seinem Tod eine kaum noch zu erschütternde Nachwelt zum unbefugten Besucher seiner letzten Romanbaustelle macht, mag man tragisch oder komisch finden, allzu hoch sollte man es nicht hängen.

Zwar geistert durch die 138 Karteikarten, die sich von Nabokovs letztem, seit 1975 geplanten Werk erhalten haben, auch ein Neurowissenschaftler, der mit seiner stückweisen, lustvoll erlebten Selbstabschaffung durch Selbstsuggestion experimentiert - eine Art säkularer Buddha mit fetter Wampe und stinkenden, zum Abfaulen neigenden Füßchen -, der Autor selbst hat von der Präsentation unfertiger Einfälle vor unbefugten Augen nichts gehalten. Es gab offenbar klare Anweisungen an die Frau Vera und den Sohn Dmitri, den letzten Papierkram zu vernichten. Sterben sei fun, war ein offenbar erwogener Titel für das Buch, doch da hat man schon Lustigeres gelesen.

Aber natürlich landen Karteikarten, die von Nabokovs penibler Kurrentschrift gefüllt sind, nicht einfach im Papiermüll, und so war es nur eine Frage der Zeit, dass "The Original of Laura" oder "TOOL" (wie sein Verfasser abkürzte), von dem sich manierlich zierenden Sohn Dmitri am Ende doch veröffentlicht würden - mit entsprechenden Tamtam beim literarischen Agentengewerbe, das den aristokratischen Autor der "Lolita" ein letztes Mal in die abgestandene Luft der Herrenmagazine schleifte. Dass daneben Vergleiche mit Kafkas Nachlassromanen und Vergils "Aeneis" angestellt werden, gehört zum "Poschlost" unserer Zeit, dem unverwelklichen Kitsch des Marketings.

Lesen Sie auf Seite 2, warum sich die Geister bei Nabokov scheiden.

Sex im Mädchenzimmer

So ist es jetzt geschehen, und der Rezensent sieht sich in einer peinlichen Lage: Er muss einen Handlungsgrundriss mitteilen, den die Edition und vor allem ihr kundiger Kommentator Dieter E. Zimmer nahelegen und zu dem natürlich die Nabokov-Gemeinde längst beliebig viele Zusatz-Hypothesen verbreitet, der aber doch so dämlich klingt, als würde man "Lolita" oder "Fahles Feuer" mit "Wikipedia"-Mitteln abbilden. Und dann kann man noch ein paar "scharfe" Stellen aus dem Scherbenhaufen hochhalten, Pornograpisches, Priapea, Zeitkritisches, Schriftstellerbashing.

Ja, der Leser findet hier nicht nur zarteste Mädchenlenden, sondern auch die Anatomie eines pubertierenden Jungs-Penis beim ersten Mal. Dass Malraux oder Mauriac als "Repräsentanten unserer Epoche" selbstredend das Allerletzte sind, wird wohl weniger aufregen, zumal etliche heutige Leser für diese Namen schon wieder auf "Wikipedia" zurückgreifen müssen.

Und war nicht schon in den siebziger Jahren die Verhöhnung der Psychoanalyse - "nur irgendein sehr teurer, super-orientalischer Arzt mit langen sanften Fingern hätte ihre allnächtlichen Träume von erotischen Foltern in sogenannten ,Labors' analysieren können" - längst ein ganz leichter Sieg geworden? Das sind ziemlich vergangene tempi passati.

Fast jeder dieser kurzen Griffe ins Klavier lässt den altvertrauen Klang von Nabokovs späten Jahren hören, und hier werden sich die Geister schon scheiden: Wer die "Gabe" und "Pnin" für seine besten Bücher hält, dicht gefolgt von "Lolita" und "Sebastian Knight", der ist nicht unbedingt ein Liebhaber der allerletzten Bücher des Meisters mit ihrer Verbindung von steriler Mystik und Sex im Mädchenzimmer.

Zum Grundriss des Plots: Das "Modell" der titelgebenden Laura ist eine Lady namens Flora, die mit dem schon erwähnten ekligen Neurowissenschaftler - er heißt "Wild" - in gänzlich untreuer Ehe verbunden ist, auf die sie durch widerwärtige Zudringlichkeiten während ihrer Adoleszenz von Seiten eines Hubert H. Hubert (ächz!) vorbereitet wurde. Flora wird nun Gegenstand eines pornographischen Schlüsselromans, den ein Geliebter namens Eric über sie verfasst hat, mit dem Ziel, sie durch diese Darstellung zu töten. Dieses funeste Buch im Buch wird nun von beiden Eheleuten gelesen, dem abstoßenden Neurowissenschaftler, der seine Frau meisterhaft getroffen sieht, und dem Modell selbst, das auf den letzten Karteikarten am Bahnhof eines Schweizer Kurorts mit dem Namen "Sex" in die Lektüre des Paperbacks vertieft gezeigt wird.

Erotischer Kitzel und Verachtung

Was die lustigen Selbstabschaffungsversuche von Professor Wild (der im buchinternen Schlüsselroman "Sauvage" heißt) mit der Flora/Laura-Vernichtung durch Romankunst zu tun haben könnte - das mag die Nabokov-Gemeinde auspusseln, die der Verlag vorzüglich bedient hat: Er bietet nicht nur Abbildungen und Übersetzung der Karteikarten als fortlaufendes Buch an, sondern in eigener Box die Karteikarten als Facsimiles, sodass jeder die Anordnung selbst verändern und ein Spiel mit dem Geist des wehrlosen Meisters treiben kann - do your own Nabokov yourself. Ohne ein bisschen Petrarcismus und Mythologie wird es im Reich der "Flaura" - Wortspiel, Wortspiel - natürlich nicht gehen.

Mr. Adair, übernehmen Sie, würden wir hier am liebsten abschließend ausrufen, denn der britische Schriftsteller Gilbert Adair, als Stilmimetiker wie erzählerischer Strukturvirtuose gleichermaßen ausgewiesen, scheint unter den Lebenden wie keiner geeignet, aus dem tristen, unfertigen Papierstapel noch etwas Gold zu machen. Doch dergleichen Versuche dürfte Dmitri Nabokov, der sich nach eigener Aussage über alle Nachlassfragen mit seinen verstorbenen Eltern persönlich und direkt im Jenseits berät, wohl untersagen.

"Das ,Ich' des Buches", heißt es auf Karte 61 über den Schlüsselroman "Meine Laura", "ist ein neurotischer und zögerlicher Literat, der seine Geliebte vernichtet, indem er sie porträtiert. Statisch gesehen - wenn man es so sagen kann - handelt es sich um ein getreues Porträt. Feststehende Einzelheiten wie ihre Art, den Mund zu öffnen, wenn sie sich in der Leistengegend abtrocknete, oder die Augen zu schließen, wenn sie an einer duftlosen Rose roch, entsprechen dem Modell haargenau." Noch so eine Stelle lautet: "Eine Träne ohne Bedeutung schmückte den harten oberen Teil ihrer Wange." Da haben wir die Mixtur aus erotischem Kitzel und Verachtung, die den allerletzten Nabokov so oft kennzeichnet. Das muss man mögen.

VLADIMIR NABOKOV: Das Modell für Laura. (Sterben macht Spaß). Romanfragment auf 138 Karteikarten. Herausgegeben von Dmitri Nabokov. Aus dem Englischen übersetzt von Dieter E. Zimmer und Ludger Tolksdorf. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 319 Seiten, 19,90 Euro. Mit den Faksimiles der Karteikarten in Extrakasette 50 Euro.

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SZ vom 12.11.2009/iko
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