Süddeutsche Zeitung

Mode:Neu betrachtet

Gleich zwei Ausstellungen in Bocholt und im Historischen Museum in Frankfurt dokumentieren, wie Sport und Massenmedien die Frauenmode von den komplizierten Konventionen des 19. Jahrhunderts befreit haben.

Von Catrin Lorch

Dass der Hollywood-Star Ginger Rogers so gut tanzte wie ihr Partner Fred Astaire, aber auf Stöckelschuhen und rückwärts - das ist der Satz, der einem einfällt, wenn man sich frühes Damentennis anschaut. Beim gemischten Doppel darf nämlich einer in bequemen Hosen, ärmellosem Pullunder und bequemen Schuhen antreten. Und die andere Hälfte des Teams spielt eingewickelt in unzählige Unterröcke und straff geschnürte Mieder. Das Jackett einer Tennis-Pionierin war so schmal geschnitten, dass sie unmöglich den Arm heben konnte, wobei Überkopfspiel ohnehin ausgeschlossen war, weil sich eine Dame in der Öffentlichkeit nicht ohne Hut blicken lassen durfte.

Die Befreiung der Tennisspielerinnen von Hut und Unterröcken wurde dann entscheidend von Suzanne Lenglen befördert: die junge, talentierte Französin spielte ohne Korsett und Unterrock, ein Tuch bändigte die Frisur. Das Kleid, in dem sie es im Jahr 1919 bis ins Finale von Wimbledon schaffte, hatte angeschnittene Ärmel und einen weit aufspringenden Plisseerock, der auch nur bis zur Wade reichte statt bis zum Knöchel.

Da auch Bürgerstöchter Radfahren wollten, wurde erst an einem Damensitz getüftelt

Bis heute gilt ihr schwebendes, tänzerisches Spiel als unübertroffen - und wer auf Youtube alte Filme von ihr sieht, der kann nachvollziehen, warum die elfenhafte, aber eisern aufschlagende junge Frau auch jenseits des Tennisrasens zur Ikone wurde.

Dass der Sport im frühen 20. Jahrhundert entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Mode hatte, ist die These von zwei Ausstellungen, die der Frage nachgehen, warum sich mit einem Mal Konventionen änderten und Frauen buchstäblich das Korsett - das sie jahrhundertelang eingeschnürt hatte - ablegen konnten. Und beide, sowohl die Schau "Mythos Neue Frau" im Textilmuseum in Bocholt, als auch "Mode in Bewegung" im Frankfurter Historischen Museum, identifizieren den Sport als entscheidenden Faktor.

Lange galt es als ausgemacht, dass sich das Selbstbild der Frauen und die Mode dann ändern, wenn Modeschöpfer den Zeitgeist spüren und sich etwas Geniales ausdenken. Beispielsweise, indem Paul Poiret den Damen der Gesellschaft weichfallende, nur etwas übers Knie reichende, schlichte Seidenkleider und pelzbesetzte weitschwingende Mäntel anzieht. Doch verkennt eine auf Stile, Moden und Kreative fokussierte Geschichtsschreibung, wie demokratisch Mode damals wurde, wie alltagstauglich sie werden musste.

Dass "alltagstauglich" im 19. Jahrhundert weder praktisch, noch bequem bedeutete, das malen die Kuratoren in Bocholt und Frankfurt aus: wie so viele Ausstellungen, die eigentlich die Entschlackung und Verschlichtung in der Mode nach der Jahrhundertwende feiern, werden zunächst die alten, verkrüppelnden Kleider in aller Opulenz ausgebreitet. In Frankfurt spiegeln die Roben die eigenartigen Verpflichtungen einer bürgerlichen Frau; vom schweren Morgenkleid und ausladenden "Hauskleidern" bis zum Nachmittagskleid, dem reich bestickten Gesellschaftskleid und einem Promenadenkleid aus violettem schimmernden Stoff, der von einer Unterkonstruktion in Form gehalten wird.

Es muss ein stundenlanges, tägliches Umziehen gewesen sein, schließlich war es unmöglich, allein in die weiten Röcke, Mieder und eng taillierten Jacken zu steigen, die so fest gezurrt und vernäht wurden, dass die Bürgersfrau selbst wohl nicht weniger steif dastand als die Mannequins in der Ausstellung. Schon deswegen begrüßte die Frauenaktivistin Louise Otto-Peters wohl im Jahr 1876 die Erfindung der "Faltentaille", die man eigenhändig schließen konnte, als "Hauptschritt zur weiblichen Selbständigkeit". Aktivistinnen bemitleideten Frauen, "die wie Puppen dahinschreiten (...) vom Konfektionär zur Karikatur" gemacht. Und sogar Männern fiel auf, dass Kleider "schritthemmende Fesseln" waren, wie der Politiker Friedrich Theodor Vischer 1879 feststellte. 1896 wurde die britische "Rational Dress Society" gegründet und ein Künstler und Lebensreformer wie Paul Schultze-Naumburg arbeitete mit Anna Muthesius und Henry van de Velde an Reformkleidung: "Für viele Leute ist Frauen-Emanzipation, Radfahren, Verein zur Reform der Frauentracht, Rauchen und freie Liebe so ziemlich und dasselbe. Darum erschrecken sie, sobald man überhaupt nur an die hergebrachte Tracht rühren will und halten es für gefährlich, der Frage offen ins Gesicht zu schauen und sie vorurteilsfrei durchzudenken."

Doch es waren nicht die guten Absichten der elitären Lebensreformer, sondern Erfindungen wie das Tennisracket, die Badeanstalt, Bergsteigerei und Fahrrad, die Schnitte und Konventionen veränderten. Dass auch Bürgerstöchter Rad fahren wollten, führte zunächst dazu, dass Konstrukteure an Rädern tüftelten, auf denen man auch im Damensitz radeln konnte. Aber die Diskussion, ob es für Frauen passender sei, in einem "Rockbeinkleid" oder einem "Verwandlungsrock" über die Straßen zu kurven, führte immerhin dazu, dass sie dabei eine Art Reitkostüm mit Hosenrock tragen durften.

Die von Fahrradfahrerinnen, Tennis-Spielerinnen und Bergsteigerinnen als passend empfundene Kleidung konnte sich dann auch deswegen jenseits von Tennis-Court und Sommerfrische durchsetzen, weil es noch keine Stadien oder Sportstätten gab. Auf alten Filmen ist zu erkennen, dass Tennis in Stadtparks gespielt wurde, Läufer auf Bürgersteigen unterwegs waren und Schwimmer an städtischen Flussufern badeten. Die als "neu" und "modern" apostrophierte Mode wurde zudem von den aufkommenden Massenmedien verbreitet. Magazine und sogar der Film widmeten sich ihrer Verbreitung. Während Coco Chanel in den Zehnerjahren in Deauville ihre erste Boutique einrichtete, produzierten Pathé Freres und Gaumont längst Mode-Reportagen, die als handkolorierte Erzählungen sogar während des Krieges ausmalten, wie drei junge Frauen in Gärten und Salons immer wieder neu kostümiert zusammentreffen: "Trotz des Krieges bestimmt Paris immer noch, was weltweit in Mode ist", hieß es patriotisch.

Die Verbindung, die damals von der Mode mit den Massenmedien und dem Sport eingegangen wurde, hält bis heute. Phänomene wie Wintersport, Skateboard, Basketball und Rennrad waren für die Mode folgenreicher als jedes Couture-Haus. Und die einflussreichsten Stil-Ikonen sind heute Stars wie Rihanna, deren Entwürfe als Athleisure den Tagesablauf nahtlos vom Morgenlauf bis zum Workout im Gym begleiten; hauteng und in strahlenden Farben glänzen sie auch auf Selfies in den Sozialen Medien. Nicht einmal die globale Pandemie kann solchen Phänomenen etwas anhaben. Die einsame Joggingrunde und die private Yoga-Session sind in der Ära der Selbst-Isolierung die einzigen Anlässe, zu denen man sich überhaupt noch umzieht.

Mythos Neue Frau. Mode zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik bis 25. Oktober im Textilmuseum Bocholt. Der Katalog kostet 9,95 Euro.

Kleider in Bewegung. Frauenmode seit 1850 bis zum 24. Januar 2021 im Historischen Museum in Frankfurt. Der Katalog kostet 30 Euro.

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Quelle:
SZ vom 11.07.2020
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