Süddeutsche Zeitung

Mediaplayer:Gequollene Erbsen für die Prinzessin

Wie man den Geist des Gags mit dem Naturalismus versöhnt: Chaplins "Gräfin von Hongkong", "Die preußische Heirat" von Helmut Käutner und der neue Film von Terrence Malick.

Von Fritz Göttler

Hosea und Obadja, Jona und Habakuk ... Die preußische Prinzessin Wilhelmine muss nachsitzen und die kleinen Propheten der Bibel auswendig lernen, dazu muss sie alle zwei Tage ein Paar Strümpfe stricken für das Berliner Waisenhaus, zu essen gibt es, aus der Garnisonsküche, gequollene Erbsen. So läuft die Erziehung am Hofe des Königs Friedrich Wilhelm I., in Die preußische Heirat, 1974 inszeniert von Helmut Käutner. Besagte Heirat ist angesetzt, natürlich auch vom König, zwischen der Prinzessin und dem Prince of Wales. In den Siebzigern gab es für Käutner keine Kinoprojekte mehr, also machte er intensiv Fernsehen. "Die preußische Heirat" entstand nach dem Stück "Zopf und Schwert" von Karl Gutzkow, Verfasser der fabelhaften "Ritter vom Geiste". Käutner, der ein poetischer Freigeist war, hatte gleichwohl große Lust auf Rituale, Stil, Manierismen. Sein Friedrich Wilhelm soll das kantige Königsbild der Nazi-Preußen-Filme zurechtrücken, mit Carl Raddatz, der schon mal strumpfsockig erscheint. (Pidax)

Ebenfalls bei Pidax erschien Kampf um Kautschuk, 1967, von Falk Harnack. Er hatte Kontakt mit verschiedenen Widerstandsgruppen im Dritten Reich, wurde zusammen mit Mitgliedern der Weißen Rose verhaftet, kam in ein Strafbataillon, floh zu den Partisanen. Nach dem Krieg arbeitete er bei der Defa, dann in der Bundesrepublik, schließlich viel Fernsehen. "Kampf um Kautschuk" erzählt von Henry Wickham, der 1876 das Kautschukmonopol von Brasilien und Peru durchbricht und Samen des Kautschukbaums aus dem Land herausschmuggelt, erzählt von Kolonialismus, Rassismus und Ausbeutung, Weltmarkt und Monopole, bis nach dem Ersten Weltkrieg.

Widerstand im Dritten Reich, im neuen Film von Terrence Malick, Ein verborgenes Leben. August Diehl als Franz Jägerstätter, ein österreichischer Bauer, der sich weigert den Treueeid auf Hitler zu leisten und zu kämpfen. Malick verachtet das Erzählkino, das gern Botschaften dient, er feiert den einzelnen Augenblick, das Leben. Seine Erlöserfiguren haben eine Nähe zum Nihilismus. Urteilen Sie über mich, fragt der Richter beim Tribunal in Berlin, er wird gespielt von Bruno Ganz, seine vorletzte Rolle. (Pandora)

Ein eleganter Ballsaal, Männer im Smoking und Frauen im Abendkleid tanzen. Ein Luxusdampfer auf dem Weg nach Honolulu. Einer von ihnen, Marlon Brando, hat gerade eine junge blasierte Engländerin erwischt, die altklug beim Shimmy daherplappert. "Ich glaube, Tanzen stimuliert die Konversation. War das nicht Aristoteles, der im Lyzeum herumging und über die Seele redete? Daddy sagt, the soul is desire ..." Das Wort desire rollt sie, dass es sie dabei schüttelt. Die Gräfin von Hongkong ist der letzte Film von Charles Chaplin, ein fantastisches Meisterwerk, er wurde 1967 verrissen und verhöhnt von den Kritikern. Der Film geht darum, schrieb Eric Rohmer, "wie man den Geist des Gags, seine Fantasie, seine Poesie versöhnen kann mit dem fürs Kino heute obligatorischen Naturalismus". Marlon Brando als US-Diplomat, Sophia Loren als falsche Gräfin, die sich in seine Luxusdampferkabine geschlichen hat, um nach Amerika einzureisen, sie zappeln ganz slapstickhaft bei jedem Klopfen oder Klingeln an der Kabinentür, bei dem Entdeckung droht. Der Traum jeder Ozeanreise, der auch der im Kino ist, dass sie nicht enden möge, dass man nie ankommen und aussteigen müsse. (explosive media)

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SZ vom 10.08.2020
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