Süddeutsche Zeitung

Männlichkeit in der Krise:Wo Frauen noch vor Männern niederknien

Wie kommt man als Mann in Deutschland an, wenn man aus der Heimat Nigeria völlig andere Geschlechterrollen kennt? Die Geschichte einer Befreiung.

Von Olaleye Akintola

Für den SZ-Kolumnisten Olaleye Akintola gehörte es in Nigeria drei Jahrzehnte lang zum Alltag, dass Frauen sich unterwerfen müssen. Seit seiner Flucht vor knapp zwei Jahren nach Bayern ist er mit einer Gesellschaft konfrontiert, die das größtenteils anders sieht. Über einen Versuch, zu verstehen.

Manche Gesellschaft lehrt den Mann, Gefühle zu verstecken und nicht zu weinen. Manche Frauen verabscheuen Chauvinisten, andere wiederum bewundern Männer, die eine maskuline Dominanz ausstrahlen. Einer, der stark auf so eine Wirkung achtet, ist Nigerias Präsident Muhammadu Buhari, der vor nicht allzu langer Zeit öffentlich über seine Frau sprach. Und zwar während eines gemeinsamen Auftritts mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Auf die Frage eines Journalisten, wo seine Frau politisch steht, antwortete er: "Ich weiß nicht, zu welcher politischen Partei meine Frau gehört. Soweit ich weiß, gehört meine Frau in mein Wohnzimmer, in die Küche und in den anderen Raum".

Männlichkeit in der Krise - ein Schwerpunkt

Dem Mann geht es nicht gut. Heißt es gerade immer wieder. Man gibt ihm die Schuld an allem, was schief läuft in der Welt. Sexismus, Gewalt, Populismus. Was ist los mit dir, Mann? Zeit für eine Inspektion.

Es wurde nicht geklärt, welchen Wohnbereich Buhari mit "the other room" meinte. Bekannt ist hingegen, dass es nach seinem Statement auf der Pressekonferenz unter den Journalisten leicht unruhig wurde. Ich fand gut, dass Angela Merkel diesen Satz mit einem in sich gekehrten Lächeln hinnahm, so, als müsse man diese Aussage nicht sonderlich ernst nehmen. Es entstand also keine Diskussion, obwohl es wohl viel zu reden gegeben hätte.

Ich muss mich jedes Mal distanzieren von dem, was ich über mein Land erzähle

Überraschungen bleiben nicht aus, wenn Nigerianer und Deutsche aufeinander treffen. Zwei Jahre nach meiner Flucht aus Nigeria ins oberbayerische Ebersberg weiß ich, was Sätze wie diese auslösen können. Ich konnte es von den Lippen vieler deutscher Frauen lesen, wie wenig sie mit dem einverstanden waren, was der nigerianische Präsident da im Oktober 2016 sagte. Es war, als hätte er nicht nur seine Frau, sondern die Frauen an sich beleidigt. Der Satz steht für vieles, worin sich Nigeria und Deutschland unterscheiden.

In Nigeria hatte Buharis Satz kaum größeren Nachrichtenwert. Sätze wie diese gehören dort zum Alltag. Was Buhari sagte, repräsentiert zwar nicht die Haltung aller Nigerianer. Es zeigt aber, dass die alten Zeiten in Nigeria gebietsweise noch gar nicht so alt sind. Zeiten, in denen es als Statussymbol galt, mehr als eine Frau zu haben.

Mein Vater erzählte mir immer gerne von meinem Großvater, der früher ein erfolgreicher Farmer und Landbesitzer war. Eines Tages berichtete er nicht ohne Stolz, dass Großvater 25 Ehefrauen hatte und jede von ihnen eine seiner Farmen managte. Ganz so extrem geht es heute zwar nur noch selten zu. In den ländlichen Regionen des Landes herrschen allerdings immer noch Verhältnisse wie auf einem Lehnsgut. Der Mann ist der Gutsbesitzer, die Frau seine Sklavin. Was der Mann sagt, ist sakrosankt. Die Frau ist ihm untergeben und gehorcht, wie Schafe, die vom Schäfer ab und zu einen Stoß in die Rippen bekommen. Die Frauen knien meist immer noch am Boden, wenn sie ihren Männern das Essen servieren. In ländlichen Gegenden Nordnigerias werden die Eltern eines Mädchens bei der Hochzeit mit Farmland bezahlt. Eine Frau ist dort auch erst vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft, wenn sie die Mutter eines Sohnes ist.

So hatte ich es gelernt, und so kam ich in München an. Hier, wo Frauen in Autowerkstätten, als Taxifahrerin oder als Ingenieurin arbeiten, wo sie in ihrer Freizeit boxen oder Fußball spielen. Erstaunlich auch, dass so viele Ehen in Deutschland geschieden werden. Es dauerte, ehe meine Überraschung über das freie Leben der Münchener Frauen in die Neugier umschlug, diese Lebensform zu verstehen.

Das Ego vieler nigerianischer Frauen ist unermesslich klein

Das Verlangen, das alte Narrativ in Frage zu stellen, wurde von vielem blockiert, was einst gut und richtig schien. In Nigeria ist der Begriff "Back Pisser" ein gängiges Wort, das Männer Frauen zurufen, um die Verhältnisse klar zu stellen. Hintergrund ist ein alter Brauch: In einem kleinen Dorf in Westnigeria gab es einen Wettkampf, zwischen Frauen und Männern. Man musste eine Strecke gehen, während man uriniert. Wer dabei sauber bleibt gewinnt, wer sich beim Urinieren hinten am Bein schmutzig machte, galt als "Back Pisser". Bei diesem Wettkampf der Geschlechter hatten die Frauen nie eine Chance.

Das Ego vieler nigerianischer Frauen ist auch durch Geschichten wie diese unermesslich klein, das der Männer meist entsprechend groß. Und je fester die kulturellen Säulen eines Menschen verankert sind, desto schwerer ist es, das kulturelle Erdreich herumzugraben. Kurz: Als ich, damals im Alter von 33 Jahren in Deutschland ankam, war das ein echter Kulturschock. Die deutschen Frauen erschienen mir galant bis charmant, dabei aber ungewohnt bestimmt, fast schon herrisch, wie ich es nur von Männern kannte.

Manch anderem Afrikaner, den ich hier kennen lernte, ging es da ähnlich. Ein Mann aus meinem Bekanntenkreis verlor seinen Job, weil er einer Kollegin ein Schimpfwort zurief. Und zwei Bekannte wurden von ihren deutschen Frauen aus der gemeinsamen Wohnung ausgesperrt, nachdem sie sich vorher gestritten hatten. Von seiner Frau vor die Tür gesetzt werden, ist ein stehender Begriff in der deutschen Sprache. In Nigeria gibt es dafür nicht einmal eine Redewendung.

Dies ist mein innerer Konflikt, den ich tagtäglich mit mir und meinen Freunden und Kollegen in Deutschland austrage. Als ich in meiner Anfangszeit erzählte, wie in manchen ländlichen Regionen mit Frauen umgegangen wird, habe ich mir immer wieder angewiderte Blicke eingefangen. Wenn ich gesagt habe, es sei ganz normal, dass sich eine nigerianische Frau eine Watschen einfängt, wenn klar werden soll, wer Herr im Haus ist, wurde ich angeschaut wie ein Krimineller. So lange, bis ich erzähle, dass ich noch nie eine Frau geschlagen habe. Ich muss mich jedes Mal distanzieren von dem, was ich über mein Land und seine Sitten erzähle.

Würde man die deutsche Frau exemplarisch beschreiben wollen, so steht sie für Selbstständigkeit und Unabhängigkeit mit der Bereitschaft sich zu verteidigen, wenn es denn nötig ist. Sie versprüht die Aura einer wachsamen Löwin: Schön, aber auch gefährlich.

Über nigerianische Frauen lässt sich das in den selteneren Fällen sagen. Über sie sagt man eher, dass sie nicht in der Lage sind, einen Autoreifen zu wechseln. Ich nahm diesen Zustand immer hin, aber wie kann man dies guten Gewissens tun, wenn man einer nigerianischen Frau nicht einmal die Chance dazu gibt?

Meine Mutter hatte keine Chance auf Bildung, weil nur Buben zur Schule gehen durften

Es gibt Chauvinisten, wie man sie häufig in Nigeria findet. In Deutschland wird man mit Bewegungen konfrontiert, die aus der anderen Richtung kommen. Frauenrechtler und der Feminismus sind hier bereits tief in der Gesellschaft verankert. Der Weltfrauentag hat hier eine ehrliche Bedeutung. In Nigeria ist die Aufmerksamkeit für diesen Tag gering, selten, dass jemand dafür mit Plakaten auf die Straße geht. Und so unaufgeklärt das für viele Deutsche klingen macht, es zerreißt mich noch immer bei dem Gedanken, dass all das, was mir in 30 Jahren auf den Weg gegeben wurde, in meiner neuen Heimat so in Frage gestellt, nein, verurteilt wird. Gleichzeitig erinnere ich mich dann an meine Mutter, der die Chance auf Bildung von Anfang an genommen war, weil nur die Buben zur Schule gehen dürften. So sah es mein Großvater, ein angesehener Mann, dessen Tochter Zeit ihres Lebens in der Küche arbeitete. Ganz so, wie es auch Präsident Buhari gerne sieht.

Frauen werden geschlagen. Das gibt es auch in Deutschland. Der Unterschied ist, dass man sich in Nigeria nicht dagegen wehren kann. Beschwert sich eine Frau bei der Polizei, dass sie von ihrem Mann vergewaltigt wird, würde sie ausgelacht werden. Ein altes nigerianisches Sprichwort sagt, dass Männer das Heim aufbauen und Frauen dafür sorgen, dass es sich heimisch anfühlt. Es gibt aber ein zweites Sprichwort, eine Parabel. Ein Mann und eine Frau gehen durch den Wald. Der Mann sieht eine Giftschlange auf dem Weg, worauf die Frau sie mit einem Stock erschlägt. Wichtig ist nicht, wer den Stock hält, wichtig ist, dass niemand verletzt wurde.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger. Alle Texte aus der Reihe "Neue Heimat" unter sz.de/neueheimat

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3430996
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.03.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.