Süddeutsche Zeitung

Lou Reed in Berlin:Alter Reptilienkönig

Als wolle er dem Publikum das verdammte Ding wie einen übergroßen Keks in den Rachen rammen: Lou Reed traktiert die Zuhörer seines Konzertes in Berlin mit vier Stücken aus seinem "Lulu"-Zyklus und anderen Songs, in denen nicht mal die Andeutung einer Entertainment-Strategie steckt. Doch wer lange genug durchhält, wird belohnt.

Joachim Hentschel

Lou Reed sieht aus dem Garderobenfenster. Regen. Der von der ekligen Sorte: kalt, leicht sprühend. "Sehr gut", murmelt er und passt dabei auf, auch zu sich selbst nicht unnötig nett zu sein. "Das geschieht den Motherfuckern ganz recht." Spät ist es, sein Konzert geht bald los. Ein Open-Air im Innenhof der Zitadelle Berlin-Spandau vor rund 3000 Zuhörern, die schon im nassen Kies auf ihn warten. Er befiehlt dem Tourmanager, eine Extraladung Heizlüfter auf die Bühne zu stellen, damit die Musiker es besonders warm haben. "Und beschallt die Leute vor dem Auftritt mit lauter, atonaler Gitarren-Avantgarde-Krachmusik! Falls sich da draußen noch irgendjemand gut unterhalten fühlen sollte."

Die Backstage-Szene ist selbstverständlich frei erfunden. Oder besser: die Zwangsvorstellung, die er nach 45 Jahren offen zur Schau getragener mieser Showgeschäft-Laune nun mal haben dürfte. Völlig klar, in Wahrheit ist Lou Reed, der notorische Schwarzkopf und Muffbold des Rock'n'Roll, sicher reizend. Liebt die Fans in aller Welt, streichelt kleine Katzen.

Aber die Feedback-Folter vor Konzertbeginn, die mussten die Besucher beim deutschen Tourauftakt am Mittwoch in Berlin wirklich ertragen. Klänge wie von einer barbarisch gequälten Buckelwalfamilie. Der lurchcoole, knirschlederne, heute 70-jährige Straßenpoet Lou Reed hat ja immer ein abstraktes, um Gottes willen kunstsinniges Alter Ego gehabt. Und will, dass sein Publikum das nie vergisst. Selbst wenn es möchte.

Das Tour-Motto "From VU To Lulu" suggeriert ja auch, dass hier Bilanz gezogen, ein Minimum an Greatest-Hits-Service geleistet werden soll, vielleicht zum letzten Mal: VU steht für Velvet Underground, die Pop-Art-Garagenband, mit der Reed dem Rock'n'Roll Ende der sechziger Jahre die Hippieblumen wegdrosch (und den halben Kopf gleich dazu).

"Lulu", mehr als 40 Jahre später, sein bislang letztes Werk von 2011, sollte eine große Interpretation der Wedekind-Dramen werden, in Kooperation mit der Heavy-Metal-Gruppe Metallica. Am Ende war es eine hingeschluderte, wenn auch nicht reizlose Kunstübung. Die Hörer hatten fast nur Spott übrig - für Lou Reed, wie wir ihn kennen, wieder ein Beweis dafür, wie dämlich die Leute sind.

Gleich das erste, lange Stück des Abends in Berlin holt er aus dem "Lulu"-Zyklus, drei weitere daraus wird er noch spielen, als wolle er dem Publikum das verdammte Ding wie einen übergroßen Keks in den Rachen rammen: "Brandenburg Gate", irgendwas mit Titten, Blut und Klaus Kinski. Reed, der über Jeans und T-Shirt eine Art schwarzen Bademantel trägt, wufft und doziert, die unfassbar große Begleitband - acht Musiker insgesamt, kurzhaarig und jung, langhaarig und alt, alles auch noch mal umgekehrt - bemüht sich mit ausladender, höchst verzweifelter Gestik, aus dem musikalischen Stein wenigstens ein bisschen Stimmung zu pressen.

Kein cooler großer Bruder

Danach "Heroin", die Hymne vom ersten Velvet-Underground-Album, Drogensucht als Liebe und Sklaverei. Auch das: eine Qual. Es gibt ernsthaft Leute, die hier mitklatschen. Nach dem zweiten Stück ist die erste halbe Stunde vorbei, die verregnete Menge sieht in ihren Folienmänteln wie ein Flüchtlingscamp aus. Etwaige Bundestagsabgeordnete der Grünen, die sich in Berlin gerne auf Rockkonzerten zeigen, sind spätestens jetzt auf dem Heimweg.

Lou-Reed-Konzerte laufen oft wie dieses Pokerface-Spiel. Und natürlich lacht das Publikum immer zuerst, und selbstverständlich merkt Lou Reed nicht, dass er gewonnen hat, und spielt immer weiter. Eine Stunde, zwei Stunden.

Aber - und das wird einem tatsächlich erst klar, wenn man das Ganze mal eine Weile ertragen hat, wenn man obskure Stücke wie "Senselessly Cruel" von 1976 hinter sich hat, ein endlos gehämmertes "I'm Waiting For The Man" und weitere "Lulu"-Dröhnungen, während es im Zitadellenhof immer dunkler und kälter wird: Gleichzeitig ist Lou Reed - so sieht nun mal die Kehrseite der Muffigkeit aus - auch einer der wenigen Künstler, die ihre Zuhörer keine Sekunde lang für dumm verkaufen.

Das bedeutet natürlich auch: In dieser Musik scheinen nicht mal Andeutungen einer Entertainment-Strategie zu stecken. Kein Rausch, obwohl es so oft um Drogen ging, bevor Reed irgendwann die klassische Literatur entdeckte. Dass es durchaus legitim sein kann, dem tanzwilligen Pulk eben keinen Spaß zu machen, ihm von der Bühne herunter nicht mühelose Absolution zu erteilen, ihm ein wenig Arbeit abzufordern, das hat er mit Velvet Underground eingeführt in die Popmusik.

Er hat nie viele Platten verkauft. Keiner wollte mit Lou Reed werben oder angeben. Außer Wim Wenders. Wer das alles begreift, den Reed-Psychotest besteht, der kann am Ende plötzlich doch noch Freude an diesem Auftritt haben. Als die konfuse Bigband ihre Verzerrer herunterdimmt, die Sache luftiger und kammermusikalischer angeht, der Regen stoppt. Und der alte Reptilienkönig "Think It Over" singt oder "Walk On The Wild Side". Der giftige Stoizismus klingt beim Velvet-Underground-Klassiker "Sweet Jane" auf einmal nachtblau lakonisch.

Wie viele seiner Rock'n'Roll-Kollegen aus den 40er-Jahrgängen, die derzeit ihre 70. Geburtstage feiern, hatte Lou Reed natürlich ein Vaterproblem. Vielleicht will er ja, ganz tief drinnen, am Ende das für sein Publikum sein: kein cooler Bruder, sondern ein besserer Papa. Und der ist immer auch erziehungsberechtigt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1389912
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.06.2012/mahu/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.