Süddeutsche Zeitung

Literatur:Der Abstieg Gottes

Der französische Philosoph Michel Onfray konstruiert nach einem bekannten Schema "Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur".

Von Friedrich Wilhelm Graf

In einem autobiografischen Text hat Michel Onfray davon berichtet, als junger Schüler in einem von Salesianern geleiteten Internat den "Terror der Pädophilie" erlitten zu haben. Die Traumata von Kindheit und Jugend hat der 1959 in der Normandie geborene französische Philosoph in zahlreichen Büchern zur Kritik des christlichen Theismus zu bearbeiten versucht. Nun bündelt der erfolgreiche Autor einer lesenswerten "Gegengeschichte" der abendländischen Philosophie seine Fundamentalkritik der Gegenwart in einer ebenso pathetischen wie widersprüchlichen Geschichtserzählung über den definitiven Niedergang der westlichen Kultur.

Alle Kulturen seien durch die Stadien von Aufgang, Höhepunkt, Niedergang und Tod bestimmt. Im religiösen Glauben sieht Onfray das Kraftzentrum jeder Kultur. "Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter." Onfray will zeigen, dass die kulturelle Prägekraft des Christlichen seit Renaissance und Reformation zunehmend geschwunden und nun mit Beginn des neuen Jahrtausends "das Endstadium" des Niedergangs erreicht sei. Das europäische Christentum sei leichenstarr, der von ihm begründeten Kultur könne man demnächst die Totenmaske abnehmen.

Der einstige Trotzkist und entschiedene Kritiker der Europäischen Union erhebt den Anspruch, die Krankheiten unserer Kultur so nüchtern wie ein Arzt zu diagnostizieren. Dies ist jedoch nicht der Fall. Seine bisweilen wirren Beschreibungen alter theologischer Debatten sind von massiven Werturteilen geprägt. Den Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion des Römischen Reichs vermag er nicht zu erklären. Denn er weiß gar nicht, ob der jüdische Wanderprediger Jesus von Nazareth überhaupt gelebt hat. Mehrfach bezeichnet der bekennende Atheist die neutestamentlichen Geschichten von Jesu Leben und Lehre als bloße "Fiktionen" und spricht davon, dass es Jesus "physisch nie gab". Auch hätten die Kreuzigung und "alle anderen Ereignisse der christlichen Mythologie" "so nie stattgefunden". Doch ist in späteren Passagen des Buches plötzlich davon die Rede, "die Kirche" habe Jesu Botschaft "verraten". Das ist eine wundersame Argumentation. Hat Jesus nur in der Einbildung seiner Jünger gelebt, kann er nicht gelehrt haben. Und der Satz "kein Christ war Zeuge der Kreuzigung" ist einfach Unsinn, denn die Anhänger des Juden aus Nazareth, der eine Glaubensreform predigte - seine historische Existenz einmal vorausgesetzt - verstanden sich gewiss noch nicht als Christen. Die einschlägige Literatur zur komplexen Entstehungsgeschichte der beiden "Schwesterreligionen" (Peter Schäfer) Christentum und rabbinisches Judentum kennt Onfray nicht. Dies erlaubt es ihm, die Grenzen des Wissenkönnens immer wieder durch fantastische Spekulation zu überspringen. So teilt er etwa mit, dass Paulus nicht homosexuell war, aber an "Impotenz durch erektile Dysfunktion" litt. Weshalb die Paulus zugeschriebenen Briefe seriösere Geschichtsquellen sein sollen als andere Texte des Neuen Testaments, insbesondere die Evangelien, sagt er nicht. Doch macht er die mangelnde Virilität des Apostels für die Leibfeindlichkeit des Christentums verantwortlich.

Seriöser Geschichtswissenschaft begegnet Onfray mit souveräner Ignoranz. Sein Versuch, die zweitausendjährige Geschichte der europäischen Christentümer "von Jesus bis Bin Laden" im simplen Schema von Aufstieg und Verfall zu erzählen, führt unumgänglich zu Verallgemeinerungen. Immer weiß er, dem Zweifel und Skepsis fremd sind, es ganz genau und viel besser als die anderen. Die Geschichte der christlichen Kirchen schreibt er weithin als Gewaltgeschichte. Schon Konstantin habe einen christlich-totalitären Staat begründet, Mord, Rache und Strafe als Heilswege ins Paradies gepriesen. Auch Bernhard von Clairvaux habe die Ermordung von Heiden als heilige Tat gefeiert. Das Morden im Namen der Nächstenliebe stellt für Onfray die entscheidende Konstante in der Gesichte des Christentums dar.

So kann er einen großen Bogen von Konstantin zu Hitler schlagen. Im Autor von "Mein Kampf" sieht er einen "katholischen Deisten", der "sein antisemitisches Projekt gemeinsam mit der katholischen Kirche verwirklichen" wollte. Pius XII. wirft Onfray "Kollaboration" mit den faschistischen Regimen vor. Überhaupt begreift er die europäischen Faschismen "als christliche Reaktion" auf den revolutionären Geist des Bolschewismus: "Das Christentum ist gestorben, weil es die Faschisten für sein Überleben nutzen wollte."

Scharf kritisiert Onfray den christlichen Antisemitismus, greift aber selber auf antijüdische Stereotype zurück. Moderne gegenstandslose Kunst sei spezifisch jüdisch, und in der "kleinen, jüdisch geprägten New Yorker Szene aus reichen Käufern, mächtigen Galeristen, mondänen Journalisten" und Mäzenen werde mit dem kapitalgetriebenen Kult des Abstrakten das Ende des Christlichen gefeiert. Mit der gedankenlosen Rede vom "judäo-christlichen Westen" unterschlägt Onfray nur die Tatsache, dass Juden immer wieder von Christen gehasst und verfolgt wurden.

Witzig ist seine Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als "Mai 1968 der Christen" habe es dem zeitgenössischen "Relativismus" den Weg bereitet und in der Liturgiereform die "Zerstörung des Heiligen" betrieben. Wie ein konservativer Rechtskatholik beklagt Onfray das "Massaker an der Transzendenz" und den "Abstieg Gottes auf die triviale Erde". Mit dem Konzil habe die Kirche ihren eigenen Untergang beschleunigt. Allein Benedikt XVI., den Onfray für seine Regensburger Rede lobt, habe dem zu widerstehen versucht. Dessen Formel von der "Diktatur des Relativismus" macht Onfray sich leicht modifiziert zu eigen. Die 1968 begonnene "dritte Phase der Entchristianisierung Europas" habe mit dem Prinzip der Gleichberechtigung nur in eine "egalitaristische Diktatur" geführt.

Außer "Negation" und "Dekonstruktion" hätten die Achtundsechziger nichts zu bieten gehabt. Auch hätten sie sexuelle Gewalt gegen Kinder gutgeheißen. Onfrays emotionale Kritik der französischen Linksintellektuellen richtet sich insbesondere gegen Roland Barthes und Michel Foucault. Im Strukturalismus sieht er lediglich die Vollendung der Entchristianisierung, seien hier doch "der Liberalismus", "die Märkte", "das Geld" und überhaupt "der Konsum" als neue, postchristliche Gottheiten inthronisiert worden. Seine Kritik der "liberalen Ideologie" richtet sich insbesondere gegen das "Maastricht-Europa", in dem nur die "Religion des Geldes und der Tanz um das Goldene Kalb" herrschten.

2002 hatte Onfray in Caen eine Freie Volksuniversität gegründet, die mit ihrem philosophischen Lehrprogramm auch den Front National bekämpfen sollte. Inzwischen macht sich der Linksnietzscheaner viele Vorstellungen seiner politischen Gegner von einst zu eigen. Die knapp 700 Seiten europäischer Religions- und Geistesgeschichte laufen auf eine islamophobe Beschwörung der drohenden Überfremdung Europas hinaus, die das Differenzierungsniveau von Stammtischgeschwätz unterbietet. Zeugungsstarke junge Kampfmuslime hätten ihren Heiligen Krieg in Europas Betten getragen und würden mit ihrem Glauben an Macht und Körperstärke über die in jeder Hinsicht erschöpften Christen der alten Welt siegen: "Wir haben den Nihilismus, sie haben die Inbrunst." Die aus muslimischen Ländern eingewanderten "neuen Europäer kompensieren mit ihren höheren Geburtenraten die niedrige Fortpflanzungsrate der postchristlichen Europäer, die inzwischen alle der individualistischen Konsumreligion anhängen".

Dieses Krisenszenario, für das Onfray sich auf Oswald Spengler und Samuel Huntingtons "Clash of Civilizations" stützt, verknüpft er mit dramatischen Warnungen vor dem Siegeszug des Transhumanismus. In einer entterritorialisierten Globalkultur werde das Gehirn mit der Festplatte so verbunden, dass einige auserwählte Posthumane die breiten Massen versklavten. Onfray sieht das alles als unausweichlich an und verkündet mit der ihm eigenen Gewissheit: "Das Schiff sinkt. Uns bleibt nur, möglichst elegant unterzugehen." Von solcher Eleganz ist in seiner Assoziationsprosa nichts zu erkennen. Statt prägnanter Begriffe bietet Onfray nur Klischees.

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Quelle:
SZ vom 16.07.2018
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