Süddeutsche Zeitung

Laurenz Lütteken über die Musik:Das Wunderbare und das Staunen

Lesezeit: 3 min

Seit wann singt das Individuum eigentlich seine eigene Geschichte? Laurenz Lüttekens eindrucksvolles neues Buch zur Entwicklung der Musik.

Von Helmut Mauró

Was zunächst wie ein später Widerhall aus dem Poststrukturalismus anmutet, entpuppt sich bald als ein zeitloses, grundmusikalisches Thema: das Verbergen und Offenbaren, die illusio und representatio, Okkultation und Epiphanie. Der deutsch-schweizer Musikforscher Laurenz Lütteken beschränkt sich auf das erste Begriffspaar, und so heißt auch sein jüngstes Buch: "Verhüllung und Enthüllung in der Musik", und im Haupttitel "Der verborgene Sinn".

Es ist ein bisschen reißerisch, hier eine erfolgreiche Sinnsuche zu behaupten. Lütteken ist auch viel zu informiert und schlau, um der Musik einen konkreten Sinn zuzusprechen. Das Versteckspiel mit anvisierten Bedeutungsebenen aber, die sich am Ende dann doch wieder als Chimären erweisen, ist allemal ein spannender Zugang zur Musik der vergangenen Jahrhunderte. Lütteken verfolgt ihn anhand prägnanter Beispiele aus 400 Jahren, in präziser und sprachsensibler Weise.

Um 1600 herum verändert sich die Musik grundlegend. Es wird nicht nur die moderne Oper erfunden. Während Musik im Mittelalter Wissenschaft war wie Mathematik und Architektur und bis in die späte Neuzeit vor allem die göttliche Schöpfung darstellen sollte, gewinnt sie spätestens mit dem italienischen Komponisten und Erneuerer Claudio Monteverdi zu Beginn des 16. Jahrhunderts neue Dimensionen hinzu. Weniger durch Ausweitung als vielmehr durch die Konzentration aufs subjektiv Menschliche. Und auf die gleichsam theatralische Dimension des Menschlichen.

Erst jetzt geht es um Liebesleid und andere Frustrationen

Als Verteidiger in eigener Sache nennt Monteverdi seinen neuen Stil seconda prattica, im Gegensatz zur althergebrachten Praxis des polyphonen Stils, bei dem mindestens vier, oftmals mehr Stimmen gleichberechtigt das gleiche Thema aufnehmen und phasenversetzt gegeneinander stellen. Nun aber soll es nur noch zwei Hauptstimmen geben, den stützenden Bass, den basso ostinato, der gerne schrittweise wie der moderne walking bass geführt wird, und darüber die Gesangsstimme. Dieses Prinzip hat sich bis heute, bis in die Popmusik hinein erhalten. Die Füllstimmen zwischen Bass und Sopran sind zweitrangig und ergänzen die Struktur zu einem vollstimmigen Akkord.

Entscheidend ist aber nicht der neue strukturelle Aufbau des Gesangs, sondern die Tatsache, dass der polyphone Gruppengesang nun abgelöst wird vom individuellen Musizieren. Das Individuum tritt in den Vordergrund und singt seine eigene Geschichte. Von Liebesleid und anderen Frustrationen, gerne mit einem absteigenden sogenannten Lamentobass unterlegt, oder von kriegerischen Heldentaten.

Wie immer in der Musik werden hier auch die Techniken von Komponisten und Analysten genau diskutiert. In Briefen, Traktaten, oder in Begleittexten zu Kompositionen. Manchmal sogar in der Komposition selbst. Am Beispiel von Monteverdis szenischem Madrigal "Il combattimento di Tancredi e Clorinda" - ein in mehrfacher Hinsicht revolutionäres Werk - zeigt Lütteken, wie der Komponist die Bedingungen musikalischer Darstellung reflektiert. Das geht so weit, dass Monteverdi in einer ungewöhnlich detaillierten Aufführungsanweisung genau jenes Phänomen der Verhüllungs- und Enthüllungs-Dialektik in die Praxis umgesetzt haben will, das man bis dahin eher als theoretische Überlegung vermutete.

Die Enthüllung ist dabei theatralisch gestaltet - als Überraschungseffekt: "Nachdem einige Madrigale ganz ohne Aktion gesungen worden sind", sollen nun die beiden Figuren Tancredi und Clorinda die Bühne betreten. "Clorinda in Rüstung und zu Fuß, gefolgt von Tancredi in Rüstung und auf einem Streitpferd, und in diesem Augenblick beginnt der Erzähler mit seinem Gesang." Dies ist ein fundamentaler Bruch der Aufführungsästhetik der Madrigal-Kultur, wie sie in aristokratischen Kreisen gepflegt wurde. Der Normalfall sind die "canti senza gesto", also das musikalische Erzählen einer Szenerie, die aber Fiktion bleibt.

Nun fordert Monteverdi dagegen, diese Ebene zu durchbrechen und damit für maximale Irritation zu sorgen. In Anwesenheit des singenden Erzählers (Testo) sollen die beiden Protagonisten dann einen Kampf vollführen - mit dem Testo in narrativer Distanz und gleichzeitig mittendrin. Die physische Realität überschreibt die Erzählung und umgekehrt. Gleichwohl ist diese neue Gattung "in genere rappresentativo" kein Illusionstheater, sondern noch immer der descrizione verpflichtet, der Kunst des anschaulichen Beschreibens, das auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt. Es ist eher ein trickreich erweitertes Breitwand-Kopfkino.

Von hier bis zu Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöten-Mystik, Richard Wagners Walhalla-Enthüllung im "Rheingold" und Thomas Manns Lohengrin-Verständnis und Ring-Deutung, dem Schleiertanz der Salome bei Richard Strauss bis zu den "Entgrenzungen" - so heißt das letzte Kapitel - des 20. Jahrhunderts ist es ein weiter Weg. Aber, einmal beschritten, scheint er irreversibel. Und wenn der Blick mit Hilfe des Musikforschers Lütteken geschärft ist für dieses Perspektivenspiel, entdeckt man das Phänomen auf Schritt und Tritt. Am Ende geht es um das Kunst-Urerlebnis: um das Wunderbare, die "maraviglia", und das Staunen, "stupore". Und damit verbunden wieder um die gerade der Musik wesentliche Kategorie der Zeit, um das Anhalten derselben durch Öffnen des Mundes sozusagen.

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