Süddeutsche Zeitung

Konzert:Dylans Cousine

Die amerikanische Musikerin Sonia Rutstein kommt ins Eine-Welt-Haus

Von Dirk Wagner

"Wenn mir eine Musikerin als Bob Dylans Cousine angepriesen wird, weckt das in mir erst einmal keine Neugier sondern Zweifel", sagt Wolfgang Weber, Veranstalter der Konzertreihe "Tonfolgen" im Münchner Eine-Welt-Haus. Im September 2005 hatte Weber die Reihe mit der Formation Digital Orient im Keller des Hauses gestartet. Fünfzig Zuschauer passten in den Raum mit der kleinen, gerade mal zwei mal drei Meter großen Bühne. "Wenn dort Embryo mit acht Musikern auftraten, war der Raum schon fast von der Band alleine gefüllt", sagt Weber, der mittlerweile in einen größeren Saal im Erdgeschoß umgezogen ist. Der ist zwar nicht mehr ganz so gemütlich wie der "Weltraum" im Keller, in dem die Zuschauer auch nach dem Konzert gerne noch auf ein Getränk blieben. Der große Saal verfügt dagegen nicht einmal über eine eigene Bar, dafür aber über eine deutlich größere Bühne. Und es finden hier mehr als 100 Zuschauer Platz.

Trotzdem sind Webers monatliche Konzertangebote auch hier häufig ausverkauft. Und das nicht etwa nur wegen des günstigen Eintrittspreises von fünf Euro, der auch weniger betuchten Menschen eine kulturelle Teilhabe ermöglichen soll. Sondern auch deshalb, weil Webers Programm mit Musik überzeugt, etwa wenn syrische Künstler oder eine iranische Trommelgruppe dort zu Gast sind.

Weil zur Weltmusik, wie man sie in dem aus dem Dritte-Welt-Café in der Daiserstraße hervorgegangenen Eine-Welt-Haus in der Schwanthalerstraße erwartet, dem Begriff nach auch die US-amerikanisch geprägte Popkultur der westlichen Welt gehört, versuchte Wolfgang Weber mit seiner Veranstaltungsreihe anfangs auch, Münchner Popmusikern wie dem Singer-Songwriter Phil Vetter oder der Band Goya Royal ein Forum zu bieten. "Ich dachte, damit auch eine neue Klientel für das Eine-Welt-Haus zu gewinnen, die sonst in anderen Münchner Clubs verkehrt", sagt Weber, der selbst ein passionierter Konzertbesucher ist. Tatsächlich hätten dann aber die Zuschauerzahlen bestätigt, dass die Besucher des Eine-Welt-Hauses letztlich doch eher Konzerte bevorzugen, die die Auseinandersetzung mit Kulturen jenseits der westeuropäischen ermöglicht.

Eine US-amerikanische Liedermacherin wie Sonia Rutstein, auch wenn sie die Cousine von Bob Dylan ist, passt da eigentlich nicht wirklich ins Konzept. Zumal der Hinweis auf den berühmten Verwandten irritierenderweise noch vor dem Verweis auf die Werke Rutsteins kam. Zum Glück hörte Weber dann aber trotzdem in die Musik der aus Baltimore im Bundesstaat Maryland stammenden Sängerin hinein und stellte schnell fest, dass sie es versteht, großartige, politische Songs zu schreiben, die sie dann entweder als Solistin oder mit ihrer Band Disappear Fear formvollendet zu interpretieren weiß. Die Musik ist eine Mischung aus Blues, Folk und Rock, und Rutstein singt gelegentlich auch mal in Hebräisch, Arabisch, Spanisch oder Deutsch. Der Name ihrer Band ist der Bezeichnung "The Disappear Fear Center" entnommen, die Rutstein für das Baltimore Center for Victims of Sexual Assault, einer Einrichtung, in der sie selbst eine Zeitlang tätig war, erfunden hat. Mit ihrem Namensvorschlag kam sie zwar nicht durch, in der Arbeit mit Opfern häuslicher Gewalt gehe es aber nun einmal vorrangig um die Befreiung von Angst, sagt Rutstein.

Mit Blick auf ihre Songtexte steht der Bandname aber auch für den Abbau ganz anderer Ängste. Etwa der Angst von homosexuellen, bisexuellen und transsexuellen Menschen vor Diskriminierung. Und es geht immer wieder auch um die Wahrung der Menschenrechte und um die Ziele der Friedensbewegung. "No Bomb Is Smart" heißt Rutsteins 2004 für den Grammy nominiertes Solo-Album. Ein anderes Album, das sie 1996 mit Roy Bittan, dem Keyboarder von Bruce Springsteens E Street Band, eingespielt hatte, forderte dem Titel nach "Seed In The Sahara".

18 Prozent des Umsatzes ihrer aus dem Internet hochgeladenen Songs spendet die engagierte Künstlerin Sonia Rutstein an die Welthungerhilfe. Ihre weltweiten Tourneen ließen sie ebenso im Opernhaus in Sydney auftreten wie in einem Schutzraum vor Bomben während des zweiten Libanonkriegs. Am 20. Mai gastiert Sonia Rutstein im Eine-Welt-Haus, das mit seinen mehr als hundert dort beheimateten Vereinen und Organisationen wie zum Beispiel dem Nord-Süd-Forum oder dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac zweifellos ein angemessener Auftrittsort für eine so vielseitig engagierte Künstlerin ist. Eintrittskarten für das Konzert gibt es wie immer bei den Tonfolgen nur an der Abendkasse.

Sonia Rutstein; Samstag, 20. Mai, 20.30 Uhr, Eine-Welt-Haus, Schwanthalerstr, 80

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Quelle:
SZ vom 17.05.2017
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