Süddeutsche Zeitung

Klassik:"Man spürt eine große Demut vor dem Notentext"

Die Pianistin Ragna Schirmer über ihre Leidenschaft für die Komponistin Clara Schumann.

Interview von Michael Stallknecht

200 Jahre alt wäre Clara Schumann in diesem Jahr geworden, die als Pianistin und Komponistin, als Gattin Robert Schumanns und Lebensfreundin von Johannes Brahms zu den prägenden Figuren der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts gehört. Die Pianistin Ragna Schirmer, die sich schon länger intensiv mit ihrer Musikerkollegin auseinandersetzt, verfolgt aus diesem Anlass ein ganz besonderes Projekt. In fast 100 Konzerten spielt sie in diesem Jahr an mehreren Orten die historischen Programme nach, die Clara Schumann als Pianistin zusammenstellte und meistens auch selbst veranstaltete. Nachzuhören sind zwei davon nun auf einem neuen Doppelalbum, das bei Berlin Classics erschienen ist: eine Matinee aus dem Berlin des Jahres 1847, in der neben Werken von Robert und Clara Schumann unter anderem auch ein Lied von Fanny Mendelssohn, der Schwester von Felix, erklang, sowie ein Klavierabend, den Clara Schumann 1872 im englischen Badeort St Leonards-on-Sea gab.

SZ: Frau Schirmer, wenn Sie Clara Schumann treffen könnten, was würden Sie sie gern fragen?

Ragna Schirmer: Wenn ich sie treffen könnte, würde ich nichts sagen, sondern nur ihre Aura aufnehmen. Aber eigentlich möchte ich das gar nicht, vielleicht, weil sich mein Bild von ihr verändern könnte. Ich fühle mich ihr näher, wenn ich ihre Werke und ihre Programme spiele.

Schumanns Karriere als Pianistin umfasst zwischen den Tagen als Wunderkind und den späten Konzerten eine ungewöhnlich lange Spanne von gut 60 Jahren. Welche Impulse sind aus Ihrer Sicht für den Konzertbetrieb von ihr ausgegangen?

Sie hat zum Beispiel als eine der Ersten reine Klavierrecitals gespielt. Gerade bei ihren großen Englandtourneen in den späten 1860er- und 1870er-Jahren gab es ganze Abende nur mit Soloklaviermusik. Das war damals nicht nur unüblich, sondern galt schlicht als Zumutung.

Für heute verblüffend, beginnt das englische Programm, das Sie eingespielt haben, gleich mit Beethovens "Waldsteinsonate", erst danach folgen kürzere Stücke unter anderem aus dem Barock. Warum?

Sie begann mit dem längsten Werk, weil sie der Ansicht war, dass das Publikum zu Beginn am aufnahmefähigsten und konzentriertesten sei. Es war damals keineswegs selbstverständlich, ganze Sonaten zu spielen, oft gab es nur einzelne Sätze daraus. Bei den barocken Werken von Scarlatti, Händel und Gluck dagegen improvisierte sie kurze harmonische Überleitungen, um Applaus zwischen den Stücken zu vermeiden. Das tue ich auch, wobei ich einen Komponisten zu Rate gezogen habe, der sich intensiv mit den entsprechenden Lehrwerken von Claras Vater beschäftigt hat, der ja auch ihr Klavierlehrer war.

Deutlich aufwendiger ist das Reenactment der "gemischten" Programme wie das des Programms für Berlin. Welche Erfahrungen machen Sie damit heute?

Viele Konzertprogramme entstanden damals spontan, oft hat Clara Schumann einfach kurzfristig befreundete und bekannte Musiker vor Ort integriert. Mit den Vorlauffristen des gegenwärtigen Konzertbetriebs bedeutet es viel Planung und Aufwand, diese Programme wieder aufzuführen. Lieder und Arien waren damals ein fester Bestandteil der Konzerte. Clara war das Lied als Form sehr wichtig, weil sie der Meinung war, dass der Gesang die Urform des Musizierens ist. Deshalb hat sie auch selbst viele Lieder komponiert.

In der Berliner Matinee treffen mit Claras Klaviertrio und Roberts Klavierquintett zwei Werke des Ehepaars aufeinander. Wo sehen Sie eine Nähe zwischen beiden, wo die Eigenständigkeiten von Clara?

Clara hat ihr Klaviertrio zu einer Zeit geschrieben, in der Robert die Gattung noch gar nicht angefasst hatte. Sie hat damit also auch kompositorisch Neuland im Hause Schumann betreten. In der Form hat sich ihr Trio durchaus an seinem Quintett orientiert, eigenständig ist es dagegen gerade, wenn es um Melodiöses geht. Mich fasziniert an Claras Kompositionen vor allem dieser melodiöse Tiefgang, der deutlich vom Lied her kommt. Gleichzeitig finden sich aber auch harmonische Wendungen, die man bei männlichen Kollegen der Zeit in dieser Form nicht findet. Schon in den Kompositionen, die sie als Teenager geschrieben hat, wagt sie da immer wieder Kühnheiten und geht teilweise sehr weit.

Nach Roberts Tod finden sich auch keine Kompositionen von Clara mehr. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Der Zeitmangel muss dramatisch gewesen sein, schließlich musste sie sieben Kinder ernähren mit ihren Konzerten. Es finden sich noch ein paar Anfänge zu Kompositionen, manches hat sie wohl auch vernichtet. Aber in den Wintermonaten musste sie so viel wie möglich konzertieren, um Geld zu verdienen, während die Kinder in Internaten und bei Verwandten waren. Dabei hat sie immer darauf geachtet, dass auch die Mädchen eine gute Schulbildung bekamen. Die Sommermonate verbrachte sie dagegen mit der ganzen Familie im Sommerhaus in Baden-Baden. Den gern erhobenen Vorwurf, Clara sei eine Rabenmutter gewesen, kann ich deshalb nicht nachvollziehen. Natürlich hat sie ihre Karriere vorangetrieben, aber in den Sommermonaten hat sie sich komplett der Familie gewidmet. Aus meiner Sicht hat sie beide Sphären auch emotional getrennt und wollte deshalb im Sommer nicht auch noch nebenher komponieren.

Clara Schumann wird von den Zeitgenossen als Pianistin beschrieben, die ihr Spiel ganz in den Dienst der Musik stellte und auf Showelemente verzichtete. Wie sehr lassen Sie sich von dem prägen, was man über ihren Interpretationsstil weiß?

Ich beschäftige mich für eine Neuausgabe der Werke von Robert Schumann gerade mit den Fingersätzen, die sie in ihrer eigenen Ausgabe seiner Werke hat drucken lassen. Man spürt eine große Demut vor dem Notentext, sie bemüht sich um jedes Detail. Gerade in langsamen Sätzen bezeichnet sie so genau, mit welchem Finger man welchen Ton spielen soll, dass sich daraus große Auswirkungen für die Interpretation ergeben. Bei einer Umsetzung darf man allerdings nicht vergessen, dass wir in einer anderen Zeit leben. Man sprach und bewegte sich damals langsamer. Deswegen versuche ich, mit dem Wissen um die damalige Zeit eine für heute gültige Interpretation vorzulegen.

Sie sammeln auch Quellenmaterial und Sekundärliteratur zu Clara Schumann. Wie hat sich unser Bild von ihr verändert?

Ich denke, dass man sie jetzt stärker als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt. In vielen Büchern war sie immer nur die Frau von Robert Schumann, jetzt wird sie eher als die starke Persönlichkeit wahrgenommen, die sie tatsächlich war. Wenn sich dieses Bild von ihr als eigenständige Künstlerin in diesem Jahr noch weiter vertieft, freue ich mich sehr.

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Quelle:
SZ vom 11.06.2019
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