Süddeutsche Zeitung

Klassik & Architektur:Verblüffendes Wunder

Der neue Kammermusiksaal der Kronberg Academy im Taunus klingt schon im Rohbau erstaunlich gut.

Als der große Geiger Gidon Kremer beim Richtfest auf der provisorischen Bühne des Saalrohbaus des Casals-Forums erschien und etwas aus den von ihm für die Violine transferierten Préludes für Solocello von Mieczysław Weinberg spielte, begab sich etwas doch sehr Unerwartetes: Kremers Spiel war nicht einfach den jeden brauchbaren Klangeindruck verwehenden Unbilden eines noch nach allen Seiten offenen zugigen Betonbaus in seiner rohesten Form ausgesetzt, sondern es behauptete sich überraschend als schon plausibel klingendes Ereignis. András Schiff, der bedeutende ungarische Pianist, staunte anschließend, man habe schon die verschiedenen Klangregister von den Bassfrequenzen bis zum Diskant so plastisch wahrnehmen können, dass man wirklich auf etwas Gutes hoffen dürfe, wenn der Saal, für 550 Personen ausgelegt, in etwa zweieinhalb Jahren fertiggestellt sei und dann seine wirklichen akustischen Qualitäten zeigen könne.

Die kleine Stadt Kronberg, hoch gelegen am Taunus, wird zu ihren Füßen mit dem Casals-Forum für die renommierte Kronberg Academy, in der sich angehende Spitzenmusiker aus aller Welt mit den großen ihres Fachs treffen zu Meisterklassen und gemeinsamem Musizieren, einen der sehr seltenen Säle bekommen, der nur der Kammermusik gewidmet ist. Angeschlossen ist ein ebenfalls im Entstehen begriffenes Studienzentrum für etwa dreißig Studenten nebst der Verwaltung der Kronberg Academy. Meistens sind kleinere Säle Anhängsel an große Konzerthausbauten. Ausnahmen wie etwa der 2017 eröffnete Pierre-Boulez-Saal in Berlin oder der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie bestätigen die Regel. Kammermusik vom Soloinstrument bis zum Kammerorchester braucht aber in der Tat angemessene Räume, in deren Volumen sie nicht versinkt, weil sonst die Spieler klanglich oft sehr forcieren müssen, um einigermaßen präsent zu sein.

Das Herz des Kronberger Projekts ist natürlich der Saal, der in enger Abstimmung zwischen dem Architekturbüro von Volker Staab und dem Akustiker Martijn Vercammen und seinem Team konzipiert und nun in seiner Rohform errichtet ist. "Reibung erzeugt Wärme", sagt lächelnd der Architekt, und Vercammen grinst einverständig dazu. Die beiden haben gebraucht, um zu fruchtbarer Gemeinsamkeit zu kommen. Volker Staab erzählt, da das Casals-Forum sein erster Konzertsaalbau sei, habe er einiges gelernt. Vor allem habe ihm Vercammen klargemacht, dass ein Akustiker den Raum zuerst von seinen Reflexionsmöglichkeiten her versteht. Als er am Bahnhof Kronberg ankam, empfand er diese Endstation der S-Bahn mit dem hässlichen Parkdeck vor Ort so, als sei man auf dem Abstellgleis der Deutschen Bahn gelandet.

Die Topografie des Geländes war dennoch vielversprechend. Der Bauplatz liegt unterhalb der Stadt, von Westen senkt sich sanft der Viktoriapark herab, von Norden bricht der Hang in einer Kante ab. Direkt am Bahnhof ragt jetzt geradezu brüsk die Wand des Hotelneubaus empor, der das Forumsgelände nach Osten hin abschließt. So bildet sich eine Piazza zwischen Konzertsaal, Studienzentrum und Hotel.

Das Studienzentrum ist am unauffälligsten, weil es wie unter die nördliche Hangkante geschoben wirkt und später ein begrüntes Dach bekommt, das den Hangverlauf gleichsam fortsetzt. Den Konzertsaal plante Staab als Pavillonbau, der aus dem Viktoriaparkabhang vor allem mit dem noch nicht vorhandenen Dach hervorschauen wird, während er zur Piazza hin durchaus stolz emporragt. Staabs Gedanke von Offenheit und Transparenz prägt das Saalprojekt, denn rings um den Saal verläuft ein verglastes Zwischenband, das den Zuschauerbereich unten und die Raumhalle darüber voneinander trennt. So kann jeder Flaneur, jede Passantin von außen durchs Fenster hineinschauen, was denn in dieser Halle alles geschieht. Musikern bei der Arbeit zuzuschauen, ist anziehend. Der Saal lädt zum Besuch ein, ganz gleich, ob dort geprobt, ein Workshop veranstaltet wird oder ein Konzert stattfindet.

Staab berichtet, dass er, beeinflusst von der kleinen Philharmonie in Berlin, sich eine Art Weinbergsaal vorgestellt hatte. Doch Raimund Trenkler, Gründer der Kronberg Academy 1993 und unermüdlicher Initiator des Casals-Forums, dachte dagegen an eine sogenannte Schuhschachtel wegen der akustisch wesentlich günstigeren Bedingungen. Aber die Schachtel sah im Grundriss irgendwie unpassend, ungeschickt aus.

So kam es schließlich nach erneuter Intervention Trenklers zur jetzigen Form eines bewegten Raumes von angenehm überschaubaren Dimensionen mit konvex und konkav geschwungenen Wänden, in der zwar ein klassisches Gegenüber zwischen Bühne und Publikum vorherrscht, aber durch die umlaufenden Emporen auch etwas von der Versammlungsmagie des Weinbergssaals um ein Zentrum mit eingegangen ist.

"Die Akustik ist schon in den Betonwänden sicht- und hörbar", erklärt Vercammen. Der Mensch habe die Ohren seitlich am Kopf, also müssten die Reflexionen der Wände dazu beitragen, dass der Klang dorthin transportiert werde. Konkave, also nach innen gewölbte Wandflächen und Nischen schluckten den Klang, konvexe, also nach außen gewölbte Wandflächen, reflektierten den Klang sehr gut, so Vercammen. So kam es darauf an, beides in ein optimales Verhältnis innerhalb des Raumes zu bringen. Alle Berechnungen und Messungen mussten daher architektonisch bereits mitumgesetzt werden, was eben auch zu Reibereien mit den Architekten geführt hat, über die beide Teams jetzt nahezu vergnügt schmunzeln angesichts des sehenswerten und begehbaren Ergebnisses und auch schon des hörbaren Erklingens.

So war es für Martijn Vercammen kein verblüffendes Wunder, dass Gidon Kremers Violine schon im Rohbau einen verheißungsvollen Klangeindruck hinterlassen konnte. Das löst Vorfreude auf den wohl 2021 fertiggestellten Saal aus, auch wenn wie bei allen neuen, noch so genau berechneten Konzerthallen immer ein letzter Rest an akustischen Unwägbarkeiten möglich ist.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2019
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