Süddeutsche Zeitung

John Banville:Hohle Gassen im Dunkeln

Unter dem Pseudonym "Benjamin Black" schreibt der irische Großschriftsteller auch Krimis: Sein neuer Mantel-und-Degen-Roman "Alchimie einer Mordnacht" spielt im Prag des 16. Jahrhunderts.

Im späten 19. Jahrhundert war die "akademische" Malerei en vogue: Szenen aus exotischen Harems, von sagenhaften Schlachten, von imperialen Herrschern samt Entourage wurden auf die Leinwand gebracht: minutiös, korrekt, fantasielos. Bei aller Kunstfertigkeit der Maler war das unglaubwürdige Kunst. Das Gleiche kann ein Könner auch mit einem Buch erreichen. Der irische Schriftsteller John Banville hat zu Recht einen sehr guten Ruf. Nebenbei schreibt er Krimis unter dem Pseudonym Benjamin Black.

Rudolf II. wurde 1576 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt, er zählte 24 Lenze, war also nach damaligem Dafürhalten ein erwachsener Mann. Er suchte ihm angenehme Gefilde, weshalb er Prag zur Residenzstadt erkor. Dort gab er sich seinen Lüsten und Schwächen hin. Zeitgenossen sagten, Rudolf sei oft melancholisch gewesen. Gewiss ist, dass er sich für alles Neue interessierte. Seine "Wunderkammer" gibt heute Anlass zu fantastischen Ausstellungen. Er holte große Astronomen an seinen Hof, etwa Johannes Kepler.

Christian Stern wird des Mordes verdächtigt, aber freigelassen, weil er Stern heißt

Der Arzt Taddeus Hájek und der schwedische Adelige Tycho Brahe publizierten gleichzeitig 1572 einen Bericht über einen neuen Stern, den sie am Himmel gesehen hatten. Dieser Stern weist Banville in seinem neuesten Krimi den Weg. Sein Held heißt Christian Stern. Der junge Mann ist eine Waise, wurde im rechten katholischen Glauben, samt Schlägen und Einführung in die Wissenschaften, erzogen und sucht nun seine Forschungen zu vertiefen. Die deutsche Übersetzung klingt kaum weniger aufgesetzt als das englische Original: Ein Mann "mit einer so eigenwilligen und zielstrebigen Persönlichkeit, wie ich sie besaß", musste in die Weite schweifen, also nach Prag. Banville alias Black bemüht sich, die für heutige Begriffe umständliche Diktion des 16. Jahrhunderts nachzuahmen. Das gelingt schlecht und recht und stört eher.

Das Erste, worüber Christian Stern in Prag stolpert, ist die Leiche einer schönen jungen Frau. Es folgt, was folgen muss. Es geht zu wie im "Tatort". Christian Stern zeigt den Mord an, wird des Mordes an der Frau verdächtigt, aber freigelassen, weil er Stern heißt. Denn: Dem Kaiser Rudolf war ja ein "Stern" verkündigt worden. Rudolf ist dem abenteuerlustigen Adepten der Wissenschaften zugeneigt; einmal versteckt er sich gar hinter einem Vorhang, um ihn von dort zu taxieren.

Die Frage ist nun: Wer hat die junge Frau ermordet? Auf dem Weg zur Lösung des Rätsels hat der junge Stern erotische Abenteuer zu überstehen. Hinzu kommen gewaltvolle Techtelmechtel mit Widersachern. Außerdem muss er immerzu im Prag des 16. Jahrhunderts hin und her laufen. Es gibt jede Menge schmale Stiegen, dunkle Schatten, hohle Gassen und so weiter. Wer Freude an "akademisch" konstruierten Kriminalromanen hat, ist mit Benjamin Blacks "Alchimie einer Mordnacht" gut bedient.

John Banville alias Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht. Ein historischer Kriminalroman. Aus dem Englischen von Elke Link. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 372 Seiten, 20 Euro.

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SZ vom 01.04.2019
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