Süddeutsche Zeitung

Nachruf auf Jörg Schlaich:Der Brückenbauer

Als Co-Autor einer Baukunst von Weltruhm war der Bauingenieur Jörg Schlaich oft in der zweiten Reihe zu finden. Unwohl fühlte er sich dort nicht.

Von Gerhard Matzig

Die Nachricht vom Tod des für seine filigranen Konstruktionen bekannten Bauingenieurs Jörg Schlaich, der am Samstag im Alter von 86 Jahren gestorben ist, kommt zur Unzeit. Oder, vielleicht würde Schlaich, den man als bescheidenen und souveränen Menschen kannte, es so formulieren: Das ist irgendwie auch wieder typisch. Vielleicht sogar typisch schwäbisch. Auf jeden Fall aber typisch Ingenieur.

Der Begriff der Unzeit bezieht sich auf die Tatsache, dass soeben auch der Tod von Jean-Paul Belmondo, 88 Jahre alt, in den Feuilletons vermeldet wurde. Und naturgemäß - angesichts des weltweiten Glamours des Filmstars - die vorderen Plätze einnimmt. Das Typische bezieht sich passgenau auf die Tatsache, dass Jörg Schlaich, der unzählige Brücken und Türme realisierte, aber zum Beispiel auch am Zeltdach des Münchner Olympiastadions mitarbeitete, oft in der zweiten Reihe zu finden war. Unwohl fühlte er sich dort nicht.

Sein Credo: nur etwas gut und richtig Gebautes kann auch richtig gut aussehen

Seine Ingenieurskunst, die klug durchdacht, kühn konstruiert und elegant entworfen ist, war für ihn immer auch eine Art Dienstleistung für das Wirken anderer Entwerfer. Getreu seinem Credo, dass nur etwas gut und richtig Gebautes auch richtig gut aussehen könne, war der gebürtige Schwabe, der 1934 im Remstal als Sohn eines evangelischen Pfarrhaushalts geboren wurde, meist der entscheidende Co-Autor einer Baukunst von Weltruhm.

Das ikonisch gewordene Olympiadach, die Namen Fritz Auer, Günter Behnisch und Frei Otto verbinden sich damit, wäre ohne seine Mitwirkung kaum möglich gewesen. Auch Schlaich gebührt also jener Entwurfs-Ruhm, nach dem er nie verlangt hat. Mit Gottfried Böhm, neben Otto noch ein deutscher Pritzkerpreisträger, gestaltete Schlaich das Züblin-Haus in Stuttgart als Glas-Kathedrale der Nachhaltigkeit zu Zeiten, da die meisten Ingenieure die Nachhaltigkeit noch im Lexikon nachschlagen mussten.

Zuletzt, beim Wettbewerb um den Wiederaufbau des vor zwanzig Jahren in einem Terrorakt zerstörten World Trade Centers tauchte sein Name einmal mehr in der so wichtigen zweiten Reihe auf: als Co-Autor der Gruppe "Think". Der Freedomtower konnte dann nicht nach Schlaichs Plänen realisiert werden. Wer sich heute anschaut, was stattdessen gebaut wurde, denkt sich: schade. Etwas mehr Bescheidenheit in der Form und etwas mehr konstruktive Noblesse hätten dem Projekt gut getan.

Schlaich war als Ingenieur eine Art Pontifex des Irdischen, das sich gleichwohl immer auch dem Himmel entgegenstemmt

Dass der Kosmopolit Schlaich Brückenbauer nicht nur von Welten, sondern auch im Wortsinn wurde, bezeugen seine faszinierend leichten Brücken in aller Welt. Vom "Golden Gatele", der Hängebrücke über den Neckar, über Kiel, Duisburg bis Kalkutta (Hooghly Bridge): Schlaich war als Ingenieur eine Art Pontifex des Irdischen, das sich gleichwohl immer auch dem Himmel entgegenstemmt.

Wie übrigens auch der "Schlaichturm", ein Aussichtsturm in Seilnetzkonstruktion, der zur Landesgartenschau in Weil am Rhein entstanden ist. Wenig später, 2001, errichtete der Turmbauer auch den 43 Meter hohen Killesbergturm in Stuttgart. Die Konstruktion, Leichtigkeit ist kaum ein Begriff dafür, fügt sich wie selbstverständlich, ja natürlich ein in die Landschaft. Schlaich hat gezeigt, dass sich die Baukunst des Menschen und die der Schöpfung wunderbar ergänzen. Auch diese Brücke hat er geschlagen.

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