Süddeutsche Zeitung

Immobilienwirtschaft und Denkmalpflege:Schweizer Abrisskommando

In Schwyz müssen Wohnhäuser einem Bauprojekt Platz machen. Aber hinter den Fassaden verbergen sich die ältesten Häuser des Ortes - und sind Denkmale von nationaler Bedeutung.

Mitten in dem Kantonsstädtchen Schwyz, in der schönsten Zentralschweiz, klafft ein großes schwarzes Loch. Dort standen einmal fünf schlichte Wohnhäuser mit schleppenden Dächern und kleinen Zwerchgiebeln. Als die Abrissgenehmigung erteilt wurde, ahnte kaum jemand, dass sich hinter den Fassaden des 19. Jahrhunderts die ältesten Häuser des Ortes verbargen.

Auf dem knapp 3700 Quadratmeter großen Areal soll bald "attraktiver Wohnraum" entstehen, "der sich harmonisch in die umliegende Bebauungsstruktur" einfügt. Attraktiv ist das vor allem für den Bauherren. Denn nachdem die Gemeinden am Zürichsee keinen ansprechenden Bauplatz mehr bieten können, wächst das Interesse der Immobilienwirtschaft an den zentralschweizerischen Südhängen mit Fernblick. Das klaffende Loch in Schwyz ist ein erstes Fanal. Die Urbanisierungswelle riss dabei die ältesten Häuser mit sich, die der Kanton, die Eidgenossenschaft - ja Europa besitzen.

Die Denkmalpflege konnte dabei nur tatenlos zu sehen, denn bei der Schnellinventarisierung wurden diese Häuser einfach übersehen. Ein Versäumnis, dass aktuell auch in deutschen Städten wie dem bayerischen Landshut, das inzwischen zum Großraum der 100 Kilometer entfernten Landeshauptstadt München gerechnet wird, immer wieder zum Verlust stadtbildender Mittelalterbauten führt. Denn bei den laufenden Nachinventarisierungen wird nicht gründlich gearbeitet. Der äußere Anschein muss genügen. Und der trügt.

Spätmittelalterliche Quartiersbildung

Der investorenfreundliche Gestaltungsplan des Schwyzer Dorfbachquartiers war deswegen schon in Kraft, die Abrissgenehmigung erteilt, da erlaubte sich der kantonale Denkmalpfleger doch noch einmal genauer hinzuschauen. Denn die Häuser waren merkwürdigerweise schon auf einer Karte aus dem Jahr 1746 verzeichnet, mussten also älter sein als das Erscheinungsbild es vermuten ließ.

Das Erschrecken von Historikern im ganzen Land war groß, als die beauftragte Bauforscherin, Ulrike Gollnick vom Atelier D'Archéologie médiévale in Moudon, die ersten dendrochronologischen, nach den Jahresringen der verbauten Holzbalken ermittelten, Daten lieferte. In jedem der Häuser steckte ein mittelalterlicher Blockbau. Der älteste stammte aus dem Jahr 1280 und war vermutlich die örtliche Schmiede. Direkt am Bach entstand 1308 eine Mühle. Nur drei Jahr später wurde in der unmittelbaren Nachbarschaft ein weiteres großes Blockhaus errichtet.

Die spätmittelalterliche Quartiersbildung steht damit in zeitlichem Zusammenhang mit dem um 1300 zunehmenden Handel über den Gotthard-Pass. Mehr noch, diejenigen, die diese Häuser hier aufschlugen, der Schmied und der Müller, gehörten wahrscheinlich zu den ersten "Eidgenossen", die auf dem Sattel bei Morgarten im Jahr 1315 die Steine gegen das österreichische Heer ins Rollen brachten.

Die Schwyzer sind mächtig stolz auf diese Geschichte. Die Kantonsstadt bewahrt den Bundesbrief von 1315 auf, mit dem die "Eidgenossen" aus Uri, Schwyz und Unterwalden nach der überraschend erfolgreichen Schlacht ihr Bündnis bekräftigten. Es ist das Ur-Schweizer Dokument.

Großzügige Anwesen

Die Vorbereitungen für das 700. Jubiläum dieses Ereignisses im nächsten Jahr laufen auf Hochtouren. Es soll einen Geschichtspfad geben. Das alte Dorfbachquartier hätte da, ergänzend zu dem bereits prächtig herausgeputzten, musealisierten Haus Bethlehem in der Ortsmitte, mit dem Schwyz in seinen Tourismusprospekten kräftig wirbt, eine beeindruckende Etappe bilden können. Das hatte nur niemand erkannt. Die neuen Forschungsergebnisse kamen zu spät. Eine einmal erteilte Abbruchgenehmigung wird nicht zurückgezogen. Der Bauforscherin Ulrike Gollnick blieb nur noch im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege, sich neben den Abrissbagger zu stellen und die ältesten Bauteile für die Wissenschaft zu retten.

Inzwischen sind die geborgenen Holzwände wie Kulissen in einem ehemaligen Munitionslager aufgestellt. Außenrum lagern Balken und Bohlen der ältesten bisher datierten Holzbohlendecke. Kein Wurm hat sich je durch die Kernbretter gebohrt, kein Schwamm je zerstörerische Myzelien gebildet. Wer durch die Türen der Kulissenwände steigt, merkt schnell, dass die spätmittelalterlichen Schwyzer Holzblockbauten keine bescheidenen Hütten, sondern großzügige Anwesen waren.

Die nach Süden gelegene Wohnstube maß immerhin 20 Quadratmeter. Jenseits des breiten Hausgangs lag mittig die Küche mit offener Feuerstelle. Da der Raum keine Geschossdecken hatte, konnte der Rauch direkt übers Dach abziehen. Einen Kamin kannte man noch nicht. Gewöhnungsbedürftig für uns: Statt aufrechten Fenstern gab es zunächst nur schmale, liegende Luken. Viel Licht kann es in den Räumen nicht gegeben haben. Dafür aber waren Kältebrücken auf ein Minimum reduziert.

Sparsamkeit war eine Selbstverständlichkeit

Heute erfreuen sich Holzblockbauten wieder neuer Beliebtheit. Wer ökologisch, nachhaltig und biogesund bauen möchte, der schwört auf Holz - möglichst mondgeschlagenes. Doch das, was in Schwyz um 1300 Standard war, könnte sich heute niemand mehr leisten: Für die dicken Balken der Blockwände und für die Bohlen der Decken und Böden verwendeten die Zimmerer ausschließlich Kernholz, um jede Verwerfung zu vermeiden. Wofür wurde das Äußere der Stämme verwendet? Die Forschung steht vor einem Rätsel. Abfall wird es jedenfalls keinen gegeben haben. Sparsamkeit, die wir heute wieder lernen sollen, war eine Selbstverständlichkeit.

Wer sich die Wände der Abrisshäuser genau anschaut, sieht an den aufgesägten Stellen, dass die Balken nicht plan aufeinanderlagen. Die Zimmerer hatten die Auflageseiten leicht gekehlt. In die Hohlkehle wurden Moose für die Wärmedämmung und Dichtung gelegt. Der Balken der Blockwand stehen durch die Kehlung nur auf ihren Außenkanten aufeinander. Das gesamte Gewicht der Holzwand lastet nur auf schmalen Stegen, so dass sich die Fugen winddicht schließen.

Gollnick zeigt ein dürres graugrünes Geflecht: Jahrhunderte altes, getrocknetes Moos. Als Nächstes zieht die Bauforscherin einen etwa 35 Zentimeter langen Hartholzdübel hervor, der die Balken gegen mögliches Ausscheren und Verdrehen sicherte. Der Dübel sieht aus, als sei er gerade frisch gebeilt worden. Nie war er mit Luft und Feuchtigkeit in Berührung gekommen. Nur die Außenseiten der Balken sind hier und da verwittert.

Unzumutbar - das Wort gab es nicht

Die meisten Außenwände dagegen sind erstaunlich glatt. Sie hatten - das zeigen neueste Laborbefunde - steinharte, guthaftende Anstriche. Innen waren die spätmittelalterlichen Häuser seidig schwarz ausgemalt. Eine Wand zeigt einen edlen rötlichen Anstrich. Später im 16. Jahrhundert haben die Bewohner die Wände hell überstrichen und mit floralen Ornamenten und Bildern bemalt. Man sieht die Reste einer Gans - der Kirchenpatron von Schwyz ist der Heilige Martin.

An der gegenüberliegenden Wand sind blasseste Spuren einer gotischen Kreuzigungsgruppe zu erkennen. Fast überall finden sich verpfropfte Bohrungen in den Wänden. Gefüllt mit Kräutern oder scharfkantigen Scherben. In der Kreuzigungsgruppe steckt eine Messingperle: Zauber gegen böse Geister. Im 18. Jahrhundert wurden die Wände mit den Seiten alter Rechnungsbücher kaschiert, um eine saubere Grundlage für neue Wandkleider zu erhalten. Später gaben Zeitungen neuen Tapeten Halt.

Was sich in Fragmenten an einer Wand ablesen lässt, kann auf die Haltung gegenüber dem gesamten alten Holzhaus übertragen werden. Bis ins 20. Jahrhundert wäre niemanden ein Abriss in den Sinn gekommen. Jede Generation arrangierte sich mit dem Geerbten, baute um, baute an, schob Keller unter, lupfte das Dach, sägte aus, übermalte und überklebte. Unzumutbar - das Wort gab es nicht. Heute bedeutet dieses Wort den Tod jedes alten Hauses, das sich angeblich nicht mehr "rechnet" oder unserem Wohnungsgrößenwahn gewisse Grenzen setzt.

Eine neue Holzarchitektur

"Wenn die Substanz gut ist, dann finden sich immer architektonische Lösungen, um so ein uraltes Holzhaus zeitgemäß weiter nutzen zu können", erklärt der Züricher Architekt Aaron Wegmann. Er betreut gerade die Eigentümer eines Hauses im Dorfbachquartier, das keine 20 Meter von der Abbruch-Brache entfernt liegt. Der Kern dieses Gebäudes ist auf 1349 datiert.

Bis zum 17. Jahrhundert gab es drei markante Ausbaustufen. Wegmann konnte seinen Bauherren in vielen Gesprächen vermitteln, dass durch das Bauen im Bestand mehr Nutzfläche und Volumen gewonnen werde, als bei Abriss und Neubau, für den neue Abstandslinien zur Straße und zu den Nachbarn gelten würden. Und was ist mit den niedrigen Decken? Im Erdgeschoss ist die historische Bodenkonstruktion verrottet - da kann man tiefer graben und die Decke zum Dachgeschoss ist nicht mehr die alte, da gewinnt man Luft nach oben. Im barocken Anbau will der Architekt ein Geschoss aufgeben, um großzügigen Raum zu schaffen.

Wenn die Bauherren und der Denkmalschutz seinen Plänen zustimmen, dann wird eine neue Holzarchitektur entstehen, die in einer langen Tradition steht, die das Historische bewahrt und doch zeitgemäßen Komfort bietet. Für solche Baumaßnahmen braucht es Mut und ein kulturelles Selbstverständnis, das in Politik und Bauwirtschaft häufig fehlt - nicht nur in Schwyz. Ohne eine systematische Erfassung und Untersuchung der mittelalterlichen Holzhäuser - bisher sind in der Zentralschweiz nur 25 überhaupt erforscht - ist zu befürchten, dass im Herzen der ältesten Dörfer und Städte weiterhin Denkmale nationaler Bedeutung aus Ignoranz zerstört werden. Auch im Jubiläumsjahr der legendären Schlacht von Morgarten.

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Quelle:
SZ vom 09.09.2014/tgl
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