Süddeutsche Zeitung

Sachbuch "Die Schatzjäger des Kaisers":Tricks und Täuschungen

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Das Buch "Die Schatzjäger des Kaisers" erzählt hochspannend, wie skrupellos sich der Westen im Orient antike Kunst besorgte.

Von Christiane Schlötzer

In einem anderen Krieg, in einer anderen Zeit, gelangte der deutsche Ausgräber Theodor Wiegand nach Odessa. Der Archäologe kam aus Istanbul, das Osmanische Reich hatte gerade kapituliert, aber die mit den Türken verbündeten Deutschen hielten noch Odessa. Gern hätte Wiegand auch in der Ukraine noch nach Schätzen gegraben, doch der Zusammenbruch war nicht mehr aufzuhalten. Als einer der letzten Deutschen verließ der Altertumsforscher mit einem Truppentransporter Odessa.

Wiegand hatte davor in Kleinasien das berühmte "Markttor von Milet" ausgegraben, eines der Prunkstücke des Pergamonmuseums in Berlin. In 533 Kisten verpackt gingen die tonnenschweren Teile 1908 auf die Reise, obwohl die osmanische Antikenbehörde schon jede Ausfuhr archäologischer Funde untersagt hatte. Seinem Tagebuch vertraute der stolze Ausgräber seine Freude über den Coup an: Unter der Formulierung "Architekturstücke" sei es gelungen, alles außer Landes zu schaffen, "ohne dass die türkischen Behörden eine Vorstellung davon haben, dass sie uns nun ein ganzes Monument, so groß wie der Konstantinbogen in Rom, überlassen haben".

Auch bei formal legalen Erwerbungen spielten politische Erpressung und "koloniale Arroganz" keine geringe Rolle

Tricks und Täuschung gehörten wie Spaten und Kelle zum Werkzeug deutscher Ausgräber, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Orient ihrem Forscherdrang folgten. Dabei trieb sie nicht nur echter archäologischer Eifer an, sondern auch der Wunsch, mit sensationellen Funden zuerst Preußens und dann Deutschlands Ansehen in der Konkurrenz der europäischen "Kulturgroßmächte" zu mehren. In der Geschichte der Kunstraubzüge ist Wiegands Stippvisite in Odessa nur eine Fußnote.

Nun werden gerade in Odessa wieder Kunstwerke in Keller getragen und Kirchenfenster zugenagelt. Museumsdirektoren und Bibliothekare fürchten, die russischen Invasoren könnten es auch deshalb auf ihre Schätze abgesehen haben, weil Kunst inzwischen als integraler Teil der Identität eines Volkes gilt. Als deutsche, britische und französische Schatzgräber die jahrtausendealten Hinterlassenschaften der Hochkulturen des Mittelmeerraums und Mesopotamiens wegschleppten, machten sie sich in der Regel noch keine Gedanken darüber, wem sie dieses Erbe eigentlich entführten.

Allenfalls plagte sie die Angst, man könnte ihnen auf die Schliche kommen, wenn sie bei "großen Brocken" (Wiegand) allzu dreist vorgingen. Dabei sahen sie sich selbst als Retter der Antiken vor jenen "Barbaren", die dort lebten, wo die Hellenen einst ihre Tempel und die Ägypter ihre Pyramiden errichtet hatten. "Der Westen holte sich so nicht nur Artefakte, sondern gleichzeitig auch die Hoheit über die Geschichte", schreiben Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptçıoğlu-Gottschlich in ihrem Buch "Die Schatzjäger des Kaisers" über "Deutsche Archäologen auf Beutezug im Orient".

Der Journalist und die Historikerin recherchierten im weitgehend digitalisierten Osmanischen Archiv in Istanbul, in Zettelkästen des Archäologischen Instituts in Berlin, in Briefen und Biografien. Sie fanden in den verstreuten Quellen genügend Stoff für eine hoch spannende Erzählung jener Zeit, als der Orient der Wilde Westen der Archäologie war. Grundsätzliches ist bekannt, aber Teile des Buches lesen sich wie ein Kriminalstück, das den Schluss zulässt: Auch bei formal legalen Erwerbungen der großen Berliner Museen spielten politische Erpressung und "koloniale Arroganz" keine geringe Rolle. Zwar war das Osmanische Reich keine Kolonie, aber es war pleite und abhängig, es brauchte Deutschland als Verbündeten.

Die Deutschen ließen nicht locker, sie widersetzten sich dem Ausfuhrverbot und überließen den Türken das Minderwertigere

Die Istanbuler Antikenverwaltung war dabei keineswegs so naiv, wie man das in Berlin gern gesehen hätte. Das erste osmanische Gesetz gegen Plünderungen von Antiken stammt aus dem Jahr 1858, weitere folgten. Den Schatzgräbern und den Museen, für die sie meist unterwegs waren, wurden zunächst feste Funde-Anteile zugestanden, gewöhnlich ein Drittel, bevor die Ausfuhr 1906 ganz verboten wurde. Den Deutschen war das Drittel nicht genug. Sie setzten 1899 ein Geheimabkommen zwischen Kaiser Wilhelm II. und Sultan Abdülhamid II. durch. Es legte 50 Prozent fest, ungeachtet dessen, "was sonst gesetzlich vorgeschrieben ist". Für diesen heiklen Geheimvertrag nahmen sie später, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sogar fast den Bruch der politischen Beziehungen in Kauf.

Zu jener Zeit stritt man über Funde aus Assur in Mesopotamien, im heutigen Nordirak. Der deutsche Botschafter am Bosporus, Baron Hans von Wangenheim, drängte mit einer kaiserlichen Direktive in der Hand auf Abtransport der wertvollen Funde und drohte bei Widerstand mit "Unannehmlichkeiten". Sultan Abdülhamid, der sich auf den Geheimvertrag eingelassen hatte, war da schon gestürzt, in Istanbul regierten die Jungtürken. Aber die Deutschen ließen nicht locker, sie setzen gegen das Ausfuhrverbot ihre Teilung halbe-halbe durch und überließen den Türken das nach deutscher Meinung Minderwertigere.

Das schlechte Gewissen schien manchmal aber doch durch. So wurde die Büste der Nofretete in Berlin erst einmal zehn Jahre im Keller versteckt. Ihr Entdecker, der Ägyptologe Ludwig Borchardt, hatte in Panik darum gebeten, den Sensationsfund "nicht nur diskret, sondern auch sekret zu behandeln". Der Krieg beendete die antike Selbstbedienung. Noch danach aber verwiesen die Verantwortlichen gern darauf, dass es "die anderen", die Briten und die Franzosen, doch genauso gemacht hätten. Der Brite Lord Elgin galt dabei als abschreckendes Beispiel Nummer eins, nachdem er schon 1800 große Teile des Parthenon-Frieses auf der Athener Akropolis mit der Brechstange entfernen ließ. Der Ferman, die Erlaubnis von Sultan Selim III., auf die sich das Britische Museum im Fall Elgin bis heute beruft, "existiert nicht", schreiben die Gottschlichs. Im Osmanischen Archiv ist ein solches Dokument nicht zu finden. "Ein Ferman des Sultans wäre aber unbedingt im Archiv, weil diese hohen Erlasse alle sorgfältig dokumentiert wurden." Womit man mitten in der aktuellen Restitutionsdebatte wäre, nicht nur für die Elgin-Marbles, den Parthenon-Fries.

Was tun? Warum nicht gute Rekonstruktionen finanzieren, mit Teilen der Originale?

Die Autoren empfehlen dazu keine radikalen Lösungen, also nicht die völlige Leerung der Weltkulturerbe-Museen in Berlin. Aber sie fordern einen ehrlichen Umgang mit deren Geschichte und mehr Kreativität. Warum nicht gute Rekonstruktionen finanzieren, mit Teilen der Originale? Beispielweise für Bergama, das einstige Pergamon. Wo der Zeus-Altar stand, 400 Meter hoch über dem Kaikos-Fluss, herrscht heute Leere unter ägäischer Sonne. Der Verlust antiker Kulturgüter habe für muslimische Gesellschaften nicht nur einen materiellen Aspekt, so die Autoren. Gefördert werden so auch Vorstellungen von Monokultur. Im Fall von türkischen Rückgabeforderungen raten sie zu Gesprächen "auf Augenhöhe".

Ein Beispiel, wie es heute besser geht, sehen sie in Göbekli Tepe im Südosten der Türkei. Dort erforschen Experten des Deutschen Archäologischen Instituts aus Istanbul und türkische Archäologen gemeinsam eine jungsteinzeitliche Tempelanlage, eine der aufregendsten Fundstätten weltweit. Niemandem würde mehr einfallen, die mit Tierbildern reich geschmückten Stelen ins Ausland zu entführen.

Das Buch würdigt durchaus die Leistungen der Ausgräber, "die nach den Regeln ihrer Zeit handelten und bei der Suche nach der Vergangenheit oftmals ihre Gesundheit, manchmal sogar ihr Leben riskierten". Aber die Zeiten haben sich geändert. Mit einem großartigen neuen Museum in Troja hat die Türkei die Grundlage dafür geschaffen, um auch die Troja-Funde aus deutschen Museen einmal an Ort und Stelle zu zeigen. Die Bitte des in Deutschland bestens bekannten Troja-Chefarchäologen Rüstem Aslan wenigstens um Leihgaben war bislang vergeblich. Das ist bitter.

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