Süddeutsche Zeitung

Geschichte und Zeitlichkeit:Auslauf im Gefängnis der Zeit

Christopher Clarks Essays treffen den gegenwärtigen Moment der Ungewissheit erstaunlich genau.

Von Gustav Seibt

Der unangenehme gegenwärtige Moment der Ungewissheit - wiederholtes Warten aufs Sinken der Infektionsraten, dauerndes Warten auf die Entwicklung wirksamer Gegenmittel - bietet für Historiker beträchtliche Möglichkeiten. Wo die Zeitgenossen im Dunklen tappen und sich über Begriffe und Deutungen noch nicht einigen können, dürfen Historiker erst einmal mit Kasuistik aufwarten, mit gespeicherten Erfahrungen. Vergleichen, Differenzieren, Ähnlichkeiten und Unterschiede herausfinden, diese Basiskompetenzen eines eher anschaulichen als definitorischen Wissens sind in unklaren Situationen besonders wertvoll. Das Herumprobieren der Politik hat sein Äquivalent im gelehrten Zusammenstellen von Empirie.

Christopher Clarks Aufsätze stammen aus den letzten Jahren (leider gibt es keine genauen Angaben, denn sie wurden großenteils für die Buchpublikation umgearbeitet), doch es gelingt ihnen überraschend gut, den Moment zu treffen. In der Einleitung macht Clark darauf aufmerksam, dass die Pest von 1348 ein großes Thema der Mediävistik ist, die neuzeitlichen Pandemien aber nur ein Randdasein in den Geschichtsbildern spielen: Externe, naturhafte Faktoren finden bei Neuzeithistorikern wenig Anerkennung.

Dieses systematische Desinteresse hat seine Parallele in dem eigentlich erstaunlichen Umstand, dass die derzeit angewendeten Mittel (Quarantäne- und Schutzmaßnahmen aller Art) sich nicht wesentlich von den schon in der Frühen Neuzeit entwickelten unterscheiden. Historia magistra vitae, Geschichte als Lehrmeisterin kommt wieder zur Geltung, wenn fortgeschrittene Mittel fehlen.

"Suche die Provokation, Meistere das Chaos, Agiere unberechenbar ..."

Das gilt auch für andere Formen der Unsicherheit. Clark ist bestens mit der These Reinhart Kosellecks vertraut, dass die sich immer überholende moderne Geschichte den alten Topos vom Lernen aus der Vergangenheit außer Kraft gesetzt habe. Aber Clark führt doch vor, wie das Tappen im Dunkeln ihm neues Leben einhaucht: Man hat halt nichts anderes. Und so geraten seine von weit verstreuten Gegenständen handelnden Studien zeitdiagnostisch.

Die Verteidigung gegen Angriffe auf seine monumentale Darstellung der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs - sie habe die Deutschen ungebührlich entlastet -, gibt Gelegenheit, den entscheidenden Punkt herauszuarbeiten. Die Krise von 1914 zeigt weniger entfesselten Imperialismus als allgemeinen Vertrauensverlust, den Zusammenbruch der Kommunikation unter misstrauischen Staaten. Diese Problematik, die Christopher Clark im multipolaren Weltsystem nach dem Kalten Krieg wiederentdeckte, hat sich seit dem Erscheinen der "Schlafwandler" (deutsche 2013) verschärft. Vor allem Donald Trump setzte auf eine Politik der Unvorhersehbarkeit.

Charakterliche Sprunghaftigkeit, die Clark in einem Porträt Kaiser Wilhelms II. gegen Vorwürfe, der Kaiser habe eine planvolle Kriegspolitik betrieben, hervorhebt, ist bei Trump womöglich absichtsvoll und damit umso verhängnisvoller. Noch professioneller ist das Überraschungsmanagement bei Dominic Cummings, dem soeben entlassenen Berater Boris Johnsons.

Cummings berief sich immer wieder in auffälliger Weise auf Bismarck. Für Clark wird das Anlass, einen ironischen Ratgeber zur "Methode Bismarck" zu entwerfen: "Suche die Provokation, Meistere das Chaos, Agiere unberechenbar, Rekrutiere den Boss, Trachte nach mehreren Zielen", lautet sie in der Übersetzung von Norbert Juraschitz, abgekürzt: SMART.

Dabei findet Clark im preußischen Verfassungskonflikt zwischen Krone und Parlament, auf den Bismarck reagierte, auch eine ernste Parallele zum heutigen Großbritannien. Ihm entspreche der Zwiespalt von direkter und indirekter Demokratie in der Brexit-Frage.

Selbst eine spezialistische, aktengestützte Studie zu einem Königsberger Religionsstreit um 1830 wird zum Exempel. Eine kosmologisch-panerotisch gefärbte Gefühlsreligiosität geriet in Konflikt mit Bemühungen des Königs, Preußen konfessionell zu vereinheitlichen, Religion also staatlich-vernünftig zu regulieren: Traditionsverlust begünstigte religiöse Erhitzung. Clark nutzt den Fall, um die begriffliche Koppelung von "Öffentlichkeit" und "Vernunft" in Frage zu stellen, denn dieser Konflikt war ein Kampf der wilden Gerüchte, der ziemlich aktuell anmutet.

Eine andere Untersuchung zeigt, wie pietistische Judenmission, die sogar wohlwollend agierte und die Verbesserung der materiellen Lage von Juden im Blick hatte, zur Genealogie eines Antisemitismus gehört, der das Judentum nicht nur überwinden, sondern auslöschen will.

Wundervoll ist die Parallele, die Clark in einer Festrede zwischen dem Werk des Historikers Jürgen Osterhammel und der Dichtung von Walt Whitman zieht. Umfassende Kollektivpoesie, aufmerksame Liebe zu buchstäblich allen Aspekten des Lebens verbindet die "Grashalme" und die "Verwandlung der Welt".

Die Formulierungskunst, die hier gerühmt wird, beweist Clark immer wieder selbst. Schlachten seien heute nicht mehr entscheidend, sondern erhellend, resümiert er in einem kriegshistorischen Beitrag: Sie legen Schwächen bloß. Essays zu den Gewalthabern des Dritten Reichs sind Meisterstücke der Differenzierung, die direkt an eine weiträumige Typologie von Macht anschließen, die dem Band eine Art Rahmung gibt. Clarks vermischte Schriften haben das Potenzial, ihre Leser in der Gefangenschaft der Zeit ein wenig Auslauf zu verschaffen.

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SZ vom 24.11.2020
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