Süddeutsche Zeitung

Klassikkolumne:Klangfarbenorgien

Bernhard Leonardy improvisiert über Gerhard Richters Kirchenfenster zu Tholey, Alkan schreibt eine Sinfonie fürs Klavier, und Joana Mallwitz ermöglicht das Wunder von Salzburg.

Von Reinhard J. Brembeck

Was für eine grandiose Idee! Bernhard Leonardy ist einer der agilsten Musikermanager dieser Republik, er residiert ganz im Westen, leitet die Musikfestspiele Saar und ist Organist. Als solcher ist er in diesem von den Landesmusikräten zum Orgeljahr erklärten 2021 besonders gefragt und wird seinem Ruf als Originalgenie gleich mit zwei grandiosen Aufnahmen gerecht, beide eingespielt an einem magischen Ort, der Abtei Sankt Mauritius zu Tholey, Deutschlands ältestem Kloster. Durch die Vermittlung von Leonardy erklärte sich der Maler Gerhard Richter bereit, Entwürfe für drei große Chorfenster in Tholey zu machen, es sind Farborgien geworden voller Lebensbejahung, die letztes Jahr eingebaut wurden. Leonardy hat an der Orgel über diese Fenster improvisiert, das Farbspektrum und die Vitalität Richters in eine erweiterte Tonalität übertragen, die gar nicht erst versucht, die Herkunft aus der französischen Orgeltradition mit ihrem Größtmeister Olivier Messiaen zu verbergen: Musik gewordene Bildgewalt. Zudem hat Bernhard Leonardy einen Parcours durchs riesige Repertoire von Bearbeitungen des Chorals "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!" aufgenommen, als fantastisches Prélude zu den ausufernden Richter-Gemälde-Rhapsodien. (Musikfestspiele Saar)

Teodor Currentzis ist der Popstar der Klassikszene, auch weil seine Aufführungen gern zu Tanzorgien werden. Das prädestiniert ihn für jenes Stück, das Richard Wagner einst hochtrabend als "Apotheose des Tanzes" verklärte, die Siebente Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Currentzis, der seinen Beethoven-Sinfonien-Zyklus großspurig mit einer überwältigenden Fünften begonnen hat, schiebt nun die Siebte nach. Doch der Rausch um des Rausches willen, den einst sein Kollege Carlos Kleiber hier so unwiderstehlich zu entfalten wusste, ist bei Currentzis nicht das entscheidende Thema. Bei ihm geht es um Melancholie, resultierend aus dem Grübeln über die Vorzüge und Schrecknisse der Vergangenheit, um die Drohungen und Verlockungen der Zukunft und damit darum, was in der Gegenwart zu tun bleibt. Manchmal zerbröselt Currentzis dabei die Musik zu hochmodernen Klanggespinsten der Verzagtheit, sodass diese Aufführung den Hörer nicht wild taumelnd, sondern recht nachdenklich verlässt. (Sony)

Der jüdisch-französische Komponist und Klaviervirtuose Charles-Valentin Alkan wurde wie Richard Wagner 1813 geboren, er hat ihn um fünf Jahre überlebt. Mit seiner oft schwer zu spielenden Musik - Alkan hat fast nur für Klavier geschrieben -, hat er zu Lebzeiten nicht viel Erfolg gehabt. Das ändert sich gerade. Im Gegensatz zu seinem großen Konkurrenten Franz Liszt, im Gegensatz auch zum Schwulst vieler Spätromantiker verbindet Alkan rhythmischen Schwung, klassisches Formgefühl, logische Entwicklungsarbeit und große Emotionen in großen Tableaus zusammen, die dem Hörer unmittelbar einleuchten. Gerade in den überwältigenden, farbenreichen und poetisch tänzerischen Einspielungen Mark Viners, der auf seinem vierten Alkan-Album bei Piano Classics die große viersätzige "Symphonie" als Höhepunkt präsentiert, die, das ist ein typischer Alkan-Einfall, sich in den "Douze Études dans tous les tons mineurs" findet. Was für eine Verrücktheit, Sinfoniesätze als Etüden zu camouflieren!

Diese Aufführung von Wolfgang A. Mozarts Liebeswechselkomödie "Così fan tutte" war die Sensation der letztjährigen Salzburger Festspiele. Erstens weil trotz der Seuche dennoch Oper vor Publikum möglich war, zweitens weil Dirigentin Joana Mallwitz die Wiener Philharmoniker, das Publikum und ihre Sängertruppe mit einer geschickt eingekürzten Version durch Leichtigkeit, Witz und Erotik verzauberte, drittens weil Regisseur Christof Loy genauso leicht, unverschnörkelt und modern erzählte, viertens weil Elsa Dreisig und Marianne Crebassa ganz ungeschminkt Liebe verhandelten, fünftens weil ... Ach was, es hat keinen Sinn, von dieser Zauberaufführung zu schwärmen, zumal sie jetzt auf DVD erschienen ist und damit der ganzen Welt ihre Vorzüge zugänglich macht. Ein Wunder.

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