Süddeutsche Zeitung

Frankreich:Die Angst vor dem Singular

Im Wahlkampf geht es viel um die nationale Identität und den Stellenwert der Sprache. Gerade die Rechten pochen auf die Nationalsprache, am besten zentral verwaltet.

Das Thema Kultur, mit dem man als Wahlkandidat einst den politischen Gegner ausstechen konnte, ist zur Beschwörungsformel geworden. Jeder floskelt sich das Wort für seine Belange zurecht - sie soll Sozialunterschiede abbauen, Fremde integrieren, den Zusammenhalt fördern, die Wirtschaft ankurbeln - und passt dabei nur den Moment ab, wo der Gegner sich an dem Begriff verschluckt. Das ist zuletzt dem Kandidaten Emmanuel Macron passiert. "Übrigens gibt es gar keine französische Kultur", sagte er in einer Rede. Es gebe nur Kultur - vielmehr: Kulturen in Frankreich. Damit hatten die Rechten François Fillon und Marine Le Pen ihren idealen Angriffspunkt. Macron korrigierte am Ende seine Aussage mit der Bemerkung, alle kulturellen Einflüsse bräuchten sich in Frankreich nicht zu vermischen und Multikulturalismus sei nicht sein Ideal.

Er war dem erlegen, was man die Angst vor dem Singular nennen könnte. Von der Kultur wagen heute viele nur noch in der Pluralform zu sprechen. Literaturzeitschriften tragen den Namen "Literaturen" und das klassische Musikprogramm des französischen Staatsrundfunks heißt seit einigen Jahren "France Musiques". Auf der anderen Seite, bei den Konservativen und den Patrioten, gibt es aber eine symmetrisch entsprechende Angst. Auch sie setzen die französische Kultur gern in den Plural, indem sie nämlich diese stellvertretend für alle anderen Kulturen als Bollwerk gegen die fremde, vorwiegend amerikanische Einheitskultur verstehen.

Le Pen poltert, in Frankreich werde Französisch gesprochen. Punkt. Ende

Abgesehen von solchen Grundsatzgefechten unterscheiden sich die kulturellen Wahlprogramme der Kandidaten wenig. Seit 30 Jahren wird in Frankreich links wie rechts etwa dieselbe Kulturpolitik gemacht. Eine Kompetenzerweiterung des Kulturministeriums, eine Akzentverschiebung zwischen Erbpflege und Kreativitätsförderung, entschiedenere Exporthilfe für Kulturindustriegüter und eine angemessene Reglementierung für die Privatstiftungen als Konkurrenzakteure zum Staat sind die hauptsächlichen Streitpunkte zwischen den Kandidaten. Kulturpolitik ist auch in Frankreich eine administrative Klempnerarbeit des Verflüssigens und Kanalisierens geworden. So möchte Marine Le Pen die Regionen abschaffen und die Kultur wieder zentralstaatlich in die Hand nehmen.

Interessant ist aber, was der Kulturbegriff implizit jeweils an Botschaften über das nationale Selbstverständnis mittransportiert. Sprachpflege und Geschichtsunterricht bilden dabei die beiden Zentralaspekte. Fillon hatte schon vor seinem Primärwahlsieg die Vermittlung eines positiven "récit national" in der Grundschule gefordert. Junge Kinder durch kritische Betrachtung das Zweifeln an der eigenen Geschichte zu lehren, sei eine Schande, schimpfte er. Unterstützt werden soll diese positivere Geschichtsdarstellung durch eine Stärkung der französischen Sprache. Natürlich hat sich der Front National dieses Thema der "Francophonie", der französischen Sprachgemeinschaft, die von Mitterrand und Chirac so zielstrebig als Rahmen weltweiter Kulturenvielfalt in Position gebracht wurden, am resolutesten unter den Nagel gerissen. "Schluss mit dem Unterricht für Migrantensprachen an der Schule!", polterte Marine Le Pen in einer Fernsehdebatte: In Frankreich werde französisch gesprochen, Punkt, Ende. Fürs Erlernen des Französischen könne die Kenntnis der Herkunftssprache sehr hilfreich sein, fiel ihr Mélanchon ins Wort, sichtlich froh, gegenüber der Konkurrentin mit teilweise demselben Zielpublikum der Globalisierungsopfer einen Konfliktpunkt gefunden zu haben.

Bei der Frage, was denn das Spezifische am französischen Kulturverständnis ausmache, steht der Umgang mit der Sprache im Mittelpunkt. Macron schwärmt vom Französischen als der Sprache, die "die schönen Formulierungen der Akademie und die herbe Direktheit des Patois" glücklich miteinander verbinde. Diese Auffassung kommt von weit her. In seiner berühmten Preisschrift für die Berliner Akademie 1784 nannte Antoine de Rivarol als Gründe für die "Universalität der französischen Sprache" nicht primär deren Klarheit oder deren Wortpräzision, sondern deren Fähigkeit, das ganze Gesellschaftsspektrum von den vornehmsten bis zu den einfachsten Schichten in sich aufzunehmen und die Leute so sprechen zu lassen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Dieses Streben nach Universalität ist denn auch das, was manche in Frankreich mit der kulturellen Singularform wieder versöhnt. Durch seine Sprache sei Frankreich ein "pays-monde", ein Land, das die Welt in sich trage, erklärt Emmanuel Macron in einem gerade als Buch erschienenen intellektuellen Gespräch ("Macron par Macron", Verlag Le 1/Editions de l'Aube): "ein Land, in dem das Universale gedacht wurde", was nicht der Fall sei für China oder die USA. Ein Land, das reagiere, wenn die Weltkulturschätze in Timbuktu zerstört würden. Daran ist gewiss etwas Wahres. Der gegenwärtige Wahlkampf zeigt aber gerade auch, wie die Betonung des Singulären in Kompensation für Weltverlust umschlagen kann.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3443366
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.03.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.