Süddeutsche Zeitung

"Identität" von Francis Fukuyama:Wie Fukuyama seine These vom Ende der Geschichte retten will

  • Das "Ende der Geschichte" machte den amerikanischen Politologen Francis Fukuyama Anfang der Neunzigerjahre berühmt.
  • Sein neues Buch "Identität" will die These von damals retten, die inzwischen von der politischen Wirklichkeit eingeholt wurde.
  • Doch der Versuch, Geistesgeschichte und politische Geschichte zu verschmelzen, mündet in eine Schlacht der Phantome und erweist sich als recht einfältige Operation.

In den Dreißigern lebte in Paris ein verarmter junger Russe von großer Gelehrsamkeit. An der École Pratique des Hautes Études hielt er Vorlesungen über Hegels "Phänomenologie des Geistes". Sie wurden schnell berühmt, weckten unter französischen Intellektuellen ein neues Interesse am spekulativen Idealismus und veränderten die Wahrnehmung der Hegel'schen Werke vor allem unter Philosophen, die Hegel nicht auf Deutsch lesen konnten. Alexandre Kojève rückte den Abschnitt über Herr und Knecht, der im Original gerade einmal zehn Seiten umfasst und einem Stadium des Übergangs zum absoluten Wissen von sich selbst gilt, in den Mittelpunkt nicht nur der "Phänomenologie", sondern des gesamten Hegel'schen Œuvres. Seitdem handelt dieses Werk, in den Augen überraschend vieler Menschen, von einem Motiv, das im spekulativen Idealismus nur in einem Übergang (der Herr ist das Wissen "an sich", der Knecht ist das Wissen "für sich") vorkam, aber nun als etwas Eigenständiges behandelt wird: nämlich von "Anerkennung".

Von Anerkennung, oder, was beinahe dasselbe sein soll: von Identität, handelt das jüngste Buch des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama. Das ist kein Zufall. Denn auch das Werk, mit dem Fukuyama auf der ganzen Welt berühmt wurde, der Essay vom "Ende der Geschichte" aus dem Jahr 1992, beruht auf der Anverwandlung eines Gedankens aus der Hegel'schen Philosophie, der dann von Alexandre Kojève verändert und verselbständigt wurde. So wie Hegel in seiner Rechtsphilosophie meinte, dass die Geschichte des Geistes in seiner eigenen Philosophie abgeschlossen werde, der wiederum im praktischen Leben der preußische Verwaltungsstaat entspreche, so erklärte Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, das Ende der Geschichte sei nun erreicht - in der liberalen, marktwirtschaftlich orientierten Demokratie.

"Identität" greift wieder auf auf Hegel und den spekulativen Idealismus zurück

Fukuyama hatte diese kompakte, auf eine "one great idea" hin orientierte Denkungsart von seinem Lehrer, dem Philosophen Allan Bloom übernommen, der wiederum bei Leo Strauss gelernt hatte, dem politischen Philosophen und Haupt der elitistischen "Chicago School" - der ein enger Freund Alexandre Kojèves gewesen war. Indessen verfehlten die politischen Ereignisse der vergangenen fünfundzwanzig Jahre den ihnen von Francis Fukuyama zugeschriebenen Zweck. Etwa in der Rückkehr Russlands zu einer autoritären Herrschaft, im Aufstieg Chinas, einem nunmehr zwar kapitalistischen, aber weder liberalen noch demokratischen Staat, oder im Vordringen nationaler oder religiöser Fundamentalismen.

"Identität" ist ein Versuch, die These aus den Neunzigern zu retten, wiederum im angeblichen Rückgriff auf Hegel und den spekulativen Idealismus. Gleich zu Beginn erklärt Fukuyama, von einem "Ende der Geschichte" stets nur in Form einer Frage gesprochen zu haben. Außerdem hätten seine Kritiker nicht verstanden, dass man "Ende" nicht temporal, sondern, wie bei Hegel, im Sinn einer systematischen Vollendung zu verstehen habe. Richtig ist an diesen Einwänden so viel, dass Fukuyama zwar behauptet, die Geschichte sei an ihr Ende geraten, selbst aber diese Aussicht eher trist findet. Doch gleichwohl: in der vermutlich zutreffenden Annahme, dass seine Leser nicht bei Hegel nachschlagen werden, führt Fukuyama nun ein verzögerndes oder vielleicht sogar aufhebendes Moment in seine Geschichtsphilosophie ein, eben jene "Identität": "Der globale Hang zur Demokratie, der Mitte der siebziger Jahre begann (...), ist in eine globale Rezession übergegangen."

Vor allem in Folge der großen Finanzkrisen der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre sei dieser "Hang" nämlich in die Hände partikularer Kräfte oder "Interessengruppen" übergegangen, deren deutlichster Ausdruck im Westen die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ausstieg Großbritanniens aus der europäischen Union sei.

"Das Verlangen nach Anerkennung der eigenen Identität vereint als Leitmotiv vieles von dem, was sich heutzutage in der Weltpolitik abspielt", erklärt Fukuyama. Danach führt er aus, dass diesem Verlangen eine spezifisch bürgerliche Denkungsart zugrunde liege, wie sie überhaupt erst im ausgehenden 18. Jahrhundert hervortrete: im Auseinander eines Bewusstseins von Gleichheit, in dem ein freier Wille agiert, der sich die Welt als ein Ensemble von Möglichkeiten vorstellt, und einer vorhandenen gesellschaftlichen Lage, in der sich alle Möglichkeiten als höchst begrenzte erweisen. Aber ist dieses "Verlangen nach Anerkennung" überhaupt vernünftig, das heißt: den tatsächlichen Erfahrungen vieler Menschen angemessen?

Phantome von spukhaftester Gestalt

Offenbar wird es doch immer wieder enttäuscht, was ja Grund genug sein könnte, den Gedanken fallen zu lassen. Oder anders gefragt: Könnte es nicht sein, dass jenes Verlangen nichts anderes ist als eine psychologische Technik, mit dem Zweck, sich, wie Hegel gesagt hätte, als "abstrakt freies Subjekt" zu behaupten, obwohl und weil eben diese Freiheit praktisch immer wieder dementiert wird? Dass also das Verlangen nach Anerkennung und dessen notwendige Enttäuschung keine Gegensätze bilden, sondern zwei Seiten ein und desselben affirmativen Gedankens bilden - affirmativ, weil er die Ideologie des Wettbewerbs und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Hierarchien unangetastet lässt?

Nun ist Fukuyama, aller Hegel-Verweise zum Trotz, kein Dialektiker. Das "Verlangen nach Anerkennung" wird nicht nach Gründen, Verlaufsformen und Widersprüchen befragt. Stattdessen erscheint es als etwas so Evidentes und Unwidersprechliches, als wäre es in Stein geschlagen - und nicht in die warme Butter der schwankenden Urteile, die ein solches "abstrakt freies Subjekt" im Laufe der Tage und Jahre über die eigene Vortrefflichkeit fällt. "Identität", behauptet Francis Fukuyama, "erwächst vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt." Das kann nicht anders sein, wenn es keine anderen Maßstäbe für das "wahre innere Selbst" gibt als diejenigen, die dieses Selbst sich gesetzt hat. Eine Gesellschaft, in der jedem "wahren inneren Selbst" Genüge getan worden wäre, hat es deswegen nie gegeben. Es kann sie nicht geben.

Fukuyama meint indessen in den entsprechenden Enttäuschungen die Gründe einer "Politik des Unmuts" zu erkennen, wie sie sich in den vergangenen Jahren in den meisten demokratischen Staaten durchsetzte, ausgehend von neuen, rechtspopulistischen Bewegungen und getragen von der Überzeugung, die Bürger würden vom Staat und seiner "Elite" betrogen. Und nicht nur das: Auch die Islamisten sollen von einem unerfüllten Bedürfnis nach Anerkennung getrieben sein. Wäre es da nicht am einfachsten, der Staat, gleich welcher, würde seinen Fundamentalisten nachdrücklich mitteilen, bei ihnen handele es sich, in jedem Fall, um ganz wunderbare und einzigartige Menschen?

Und überhaupt: Wann hätte es so etwas tatsächlich einmal gegeben: einen Staat, der seinen höchsten Zweck nicht etwa in der möglichst erfolgreichen Behauptung seiner selbst erkannt hätte, sondern im Wohlergehen seiner Bürger? Und da es einen solchen Staat nicht gab, zu keinem Zeitpunkt der Geschichte: Warum fragt Francis Fukuyama nicht, welche Realität dem Bewusstsein, betrogen zu werden, überhaupt zugrunde liegt? Nein, dieser Versuch des amerikanischen Gelehrten, Geistesgeschichte und politische Geschichte zu verschmelzen, mündet in eine Schlacht der Phantome von spukhaftester Gestalt.

Von Alexandre Kojève hat Francis Fukuyama gelernt, wie man ein Element der philosophischen Tradition in ein Fundstück verwandelt, das man einer staunenden Öffentlichkeit als den einen, bislang in den dunklen Tiefen des Weltgeistes verborgenen, nun aber endlich gehobenen Schlüssel zum Verständnis der Welt präsentiert. In seinem jüngsten Werk aber demontiert er das Verfahren. Das "Ende der Geschichte" mag (vorübergehend) als ein solcher Schlüssel erscheinen, Reflexionskategorien wie "Anerkennung" oder "Identität" aber taugen nicht dazu. Nicht einmal Fukuyama selbst braucht sie, wenn er am Ende des Buches ein paar Maßnahmen vorschlägt, mit denen Staat und Demokratie der neuen fundamentalistischen Bewegungen Herr werden könnten.

So landet Francis Fukuyama bei den üblichen Einfällen: bei einer Stärkung der Außengrenzen, bei verbesserten Strategien zur "Assimilation" von Ausländern, bei der Schaffung einer "nationalen Bekenntnisidentität" auf der Grundlage von "Konstitutionalismus, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit". Wieso man einen bösartigen Nationalismus überwinden können soll, indem man ihn bestätigt, und wieso man für eine Operation von solcher Einfalt auf einen Hegel zurückgreifen muss, den es nie gab - das alles verbleibt im Reich der Geister.

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 240 Seiten, 22 Euro.

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SZ vom 07.02.2019/heka
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