Süddeutsche Zeitung

Fotografie-Roman:Tod, Liebe, Krieg

Im Jahr 2010 tauchten Tausende Bilder auf, die die Fotografen Gerda Taro und Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg aufgenommen hatten. Die französische Autorin Isabelle Mayault hat jetzt einen Roman über diesen Fund geschrieben.

Von Nicolas Freund

Fotografien erzählen Geschichten, die ihres Motivs und ihre eigene. Sie existieren in einem gesellschaftlichen, kulturellen und oft auch politischen Kontext, der sich ändern kann und mit ihm die Geschichten. Die französische Journalistin Isabelle Mayault fühlte sich scheinbar berufen, eine solche vage Geschichte zu erzählen. 2010 erfuhr sie durch einen Zeitungsartikel von einer Ausstellung in New York mit Tausenden neu aufgetauchten Bildern aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Der Fund war damals eine Sensation, denn die bisher unbekannten Fotos stammten von den wegbereitenden Kriegsfotografen David Seymour, besser bekannt als Chim, Gerda Taro und Robert Capa. Von letzterem stammt, neben anderen ikonischen Werken, die umstrittene Aufnahme eines angeblich von einer Kugel getroffenen "sterbenden Soldaten" im Moment des Sturzes. Seymour und Capa gehörten außerdem zu den Gründern der Fotoagentur Magnum.

Die Fotosammlung, die als Mexikanischer Koffer bekannt wurde, hat eine eigene, lange Geschichte, die inzwischen fast die Geschichten der Motive aus dem Bürgerkrieg an den Rand drängt. Die Aufnahmen galten seit 1939 als verschollen, Capa hatte sie auf der Flucht vor den Nazis seinem Entwickler überlassen. Was genau mit den Bildern in den folgenden Jahrzehnten geschah, ist nicht ganz klar. Auf Umwegen sollen sie im Besitz eines Chilenen gelandet sein, dann beim damaligen mexikanischen Botschafter in Frankreich, der den Koffer - der eigentlich kein Koffer war, sondern nur aus drei Pappschachteln bestand - mit nach Mexiko-Stadt nahm. Eine Suche nach den Bildern, unter anderen von Capas Bruder Cornell, blieb lange erfolglos. Erst der Neffe des Botschafters erkannte den Wert der Aufnahmen und übergab sie schließlich 2007 dem International Center of Photography in New York.

Im französischen Fernsehen sprach Mayault von den blinden Flecken dieser Geschichte, die sie fasziniert hätten. Diese wollte sie ausfüllen und so hat sie um die Geschichte dieses Koffers eine Gruppe historischer und erfundener Figuren angeordnet, denen sie in ihrem Romandebüt acht kurze Kapitel widmet, die selbst oft nicht mehr als eine Reihe lose verbundener Schnappschüsse sind. In ihrer literarisierten Version der Geschichte wechselt der Koffer wegen eines Autounfalls den Besitzer, nachdem er durch eine Liebesgeschichte schon die Familie gewechselt hatte. Die erzählerischen Miniaturen sind lose Motiven aus dem Leben der drei Fotografen nachempfunden, der Bürgerkrieg scheint in den Unruhen in Mexiko 1968 wiederzukehren, der Unfall erinnert an den Tod Gerda Taros, die 1937 auch bei einem Unfall zwischen einem Panzer und einem LKW ums Leben kam. Ihr Verlust soll Capa sein Leben lang nicht losgelassen haben, der schließlich selbst 1954 in Indochina von einer Landmine getötet wurde.

Tod, Liebe und Kriege: Das Leben dieser Fotografen war romanreif. Mayault versucht mit ihrem Roman, diese Geschichte vom Krieg und von der Fotografie noch einmal neu zu erzählen. Sie spielt mit einer Art literarischer Darstellung der Fotografie, was aber vor allem dazu führt, dass sich der Text lange wie eine handlungslose Aneinanderreihung von Anekdoten liest, dem jede Spannung fehlt und der in Teilen ohne genaue Kenntnisse der historischen Personen und Ereignisse, auf die er anspielt, kaum nachvollziehbar ist. Mayaults Roman gelingt es, fast paradoxerweise, der Geschichte um den Koffer sehr viel hinzuzufügen, ohne ihr wirklich etwas hinzuzufügen.

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Quelle:
SZ vom 29.05.2020
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