Süddeutsche Zeitung

Fünf Favoriten der Woche:Der Luft beim Flimmern zusehen

Die Tage werden länger, die Freizeitmöglichkeiten aber nicht mehr: Wir empfehlen einen Barsimulator, Zombies aus Venezuela und die Alternative zum Sommerhit.

Von Autorinnen und Autoren der SZ

imissmybar.com

Für alle, denen der kleine Stich vor der geschlossenen Lieblingsbar nicht reicht, gibt es die Webseite imissmybar.com. Auf der kann man sich mit sieben Tonspuren die Geräuschkulisse eines sehr netten Abends zusammenmischen. Auf der Spur "Bartender Working" hört man Eiswürfel im Cocktail Shaker, "people talking" lässt sich mit "full room" verstärken und bei "serving drinks" schäumt ein Bier ins Glas. Ein Psychologe meinte neulich, dass man in der Pandemie auch um Kleinigkeiten trauern darf, selbst wenn es einem bessergeht als den meisten. Den Betreibern der Bar Maverick in Monterrey zum Beispiel, denn in Mexiko tobt Covid besonders grausam. Die haben die Seite aufgesetzt und kuratieren wöchentlich eine neue Playlist, auf die sie gerne Musik aus London setzen. Aus den Achtzigerjahren, oder auch von 2019. Da war aus heutiger Sicht sehr viel in Ordnung. Andrian Kreye

Flavio Pedota

Schwitzende, fiebernde, stöhnende Menschen, deren Augen blutrot anlaufen, bevor sie schlagartig zu Menschenfressern mutieren. Ein Biss, ein Blut- oder Schleimspritzer, der das grauenhafte Virus weiterträgt, bis Heere von Untoten durch die Landschaft rennen. Das alles kennt man zur Genüge, es gehört zu den Standards des Zombiefilms. Genauso wie ein Held, der sich durch eine Welt von marodierenden Horden schlagen muss, um vielleicht noch einen geliebten Menschen zu retten.

"Infección / Infection", das Spielfilmdebüt von Flavio Pedota mit Ruben Guevara, ist in dieser Hinsicht sehenswert, aber nicht außergewöhnlich. Besonders wird der Film, den Busch Media in Deutschland auf DVD, Blu-ray und Video-on-Demand herausbringt, durch sein Herkunftsland Venezuela. Ein Land am Boden, inzwischen diktatorisch regiert von Präsident Nicolás Maduro, das während der Dreharbeiten Machtkämpfe, Hunger, Unruhen und Massenflucht gesehen hat. Die Aufnahmen von Flüchtlings-Trecks, die der Film einschneidet, sind reales Dokumentarmaterial, nur in Wahrheit fliehen die Menschen nicht vor den Zombies.

Die Regierung im Film reagiert auf die Zombiekrise so, wie die herrschenden Sozialisten auch in Wirklichkeit: mit Leugnung. So hört man die Stimme von Maduro im Radio, sieht Fernsehbilder mit ihm und seiner Frau und dem Spruchband: "Die Revolution muss leben, wir werden gewinnen!" So effektiv und bitter kontrastiert Flavio Pedota Ruinenlandschaften in Venezuela mit revolutionären Durchhalteparolen (siehe auch unser Bild), dass seine politische Botschaft bei den Richtigen ankam - der Film wurde in Venezuela, schreibt der deutsche Vertrieb, als politisch missliebig verboten.

Beim Sehen mitten in der Pandemie stellt sich aber noch ein anderes, sehr seltsames Gefühl ein. Man ist auf einmal dankbar für die Eindeutigkeit und Klarheit, die ein Zombievirus mit sich bringt - Infizierte erkennt man fast sofort, Isolation ist möglich, Verbarrikadieren bringt was. Noch hat das Kino die teuflische Roulette-Funktion von Covid-19 nicht nachgebaut. Wenn manche Menschen krass mutieren und qualvoll sterben, andere das Problem aber einfach leugnen könnten, weil scheinbar gar nichts passiert - dann hätten auch die Untoten im Film eine neue Dimension des Schreckens erreicht. Tobias Kniebe

Cha Wa

Ist eine gefährliche Phase gerade wieder - musikalisch. Die Tage werden heller, länger und wärmer. Der Mensch geht raus. Er sucht die Leichtigkeit, Lebensfreude, Freiheit, die dem Winter gefehlt hat. Im schlimmsten Fall fährt er Cabrio. Vulgo: Sommerhit. Und weil da nicht einfach nur viel schiefgehen kann, sondern quasi zwangsläufig alles schiefgeht, ein eindringlicher Appell: Finger weg von allem, was andere gerade anbieten und direkt zu "My People" (Single Lock Records) von Cha Wa greifen. Latin-schwangerer Funk-Rock aus New Orleans. Mardi-Gras-Schwung. Brass-Wumms. Mit absoluter Präzision hingeschlampte Grooves. Große Percussion-Batterie. Die Bläser schnittig, aber nie zu auftrainiert. Anspieltipps: "Second Line Girl", "Bow Down" und danach (!) "Wildman". Jakob Biazza

Beethoven-Ballett

Bloß kein Beethoven-Ballett! Das gilt für neunundneunzig Prozent aller Choreografen, fällt die getanzte Annäherung an den Klassiker doch regelmäßig über- oder unterkomplex aus. Zur Handvoll Ausnahmen zählt der bald neunzigjährige Hans van Manen, dessen neoklassische Schöpfungen "Adagio Hammerklavier" und "Große Fuge" das Stuttgarter Ballett bis einschließlich Ostermontag streamt: zauberhaft getanzt, obwohl vom Goldcollier am Männerhals bis hinunter zum Spitzenschuh am Ballerinenfuß jede Körperlinie messerscharf gezeichnet wird. Van Manens zeitlose Abstraktionen rahmen Mauro Bigonzettis "Einssein" als einzige Uraufführung des Abends. Sie setzt verspieltere Akzente, handfeste Berührungen inklusive. Nachklang oder Vorbote glücklicherer Tage? Wir hoffen einfach mal auf Auferstehung. Dorion Weickmann

Benny Sings

Etwas gerade dann besonders gut zu machen, während man es eigentlich nur so nebenbei tut, das ist schwer. Es wirkt so schnell nur faul. Außer es handelt sich um die Kunst, am Pool zu liegen und mit zusammengekniffenen Augen der heißen Luft beim Flimmern zuzusehen. Oder man ist Tim van Berkestijn alias Benny Sings und macht auch auf seinem hinreißenden achten Album "Music" (Stones Throw) Lo-fi-R'n'B zum Der-heißen-Luft-beim-Flimmern-zusehen. Tiefenentspannt beschwingt. Was sagte Benny Sings gerade dazu, dass das Leben tragischerweise schleichend vergeht, während man mit Hinfallen und Wiederaufstehen beschäftigt ist? "Wenn man nicht zu den Schwerdepressiven zählt, lässt sich aber auch dieser ernüchternden Erkenntnis mit durchschnittlichem Tatendrang oder eben Funk begegnen." Jens-Christian Rabe

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