Süddeutsche Zeitung

Festival:Dem Tod auf der Spur

An diesem Dienstag beginnen die Hofer Filmtage, die als Herbstschau des deutschen Kinos gelten. Mehrere Beiträge aus Bayern beschäftigen sich mit dem Sterben

Umsonst ist der Tod nur im Leben, ebenjenes kostet er aber auch. In Hof stellen sich die Menschen in den kommenden sechs Tagen sogar freiwillig an für den Sensenmann: Bei den 53. Filmtagen trifft man auf Lebensmüde, Todesengel und Dahingeschiedene, die bayerischen Spielfilme im Programm beschäftigen sich allesamt mit dem Sterben.

Das ist wohl Zufall, grundsätzlich ist der Tod auf der Leinwand aber längst kein Tabuthema mehr. Nicht nur in Krimis wird gestorben, auch in Abenteuerfilmen, Dramen oder Komödien - ohne Humor halten die Zuschauer den Tod oft gar nicht aus. In Waldemar Oldenburgers "Vera" gibt es wenig zu lachen: Der Münchner Regisseur erzählt von einer Frau, die kranke Menschen auf ihrem letzten Gang im Leben unterstützt. Gleich zu Beginn des Films sucht Vera (Amanda de Gloria) eine alte Dame in ihrer Wohnung auf, die beiden nicken sich zu. Die Besucherin darf keine Spuren hinterlassen, also breitet sie ein Handtuch aus, zieht sich Gummihandschuhe an und rührt ein Pülverchen in ein Wasserglas. Das reicht sie der Frau, die ihr zulächelt und trinkt. Vera singt ihr ein Kinderlied vor, dann schließt die Dame für immer ihre Augen. Jenes Lied ist es auch, das die nächste Sterbekandidatin mit ihrer Sterbehelferin verbindet - und aus dem stillen Drama einen Thriller werden lässt. "Vera" ist Oldenburgers Spielfilmdebüt, der 36-Jährige stammt aus Kasachstan und kam als Kind nach Bayern, er studierte Wirtschaftsinformatik in Ingolstadt und macht seit einigen Jahren Filme. Dass er mit "Vera" nach Hof eingeladen wurde, dürfte eine Ermutigung sein für alle Filmemacher, die abseits von Filmhochschulen, Förderern und TV-Redaktionen Projekte realisieren.

Auch Michael Siebert ist ein Quereinsteiger: Der Münchner, Jahrgang 1980, arbeitet seit vielen Jahren in der Branche, meist als Kameraassistent für Kino- oder Fernsehproduktionen, nach Hof wurde er mit seinem Sterbedrama "Lebendig" eingeladen. Für die Hauptrollen konnte er Sophie von Kessel und Wolfram Rupperti gewinnen, die zwei todkranke Theaterschauspieler spielen, die ihre letzte Reise gemeinsam antreten und auf der Bühne ihre größten Rollen noch einmal erleben wollen. Einen Boandlkramer-ähnlichen Auftritt legt Eisi Gulp als Leichenfahrer in "Roland Rebers Todesrevue" hin, er philosophiert darin über perfekte Leichen und den adäquaten Übertritt in das Reich der Toten. "Ich fahr mit meinem Wagerl und mein Wagerl fährt mit mir. Darum trink ich auch ein Schnapserl, weil das ist mir lieber wie ein Bier", singt er. Das ist genauso irre wie es sich anhört, und wer die Filme des Landsberger Filmkollektivs rund um Roland Reber kennt, weiß in etwa, was auf ihn zukommt.

Der Regisseur zeigt seine Filme regelmäßig in Hof, überhaupt trifft man hier viele Stammgäste. Dominik Graf etwa, der dieses Jahr mit "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" einen neuen Film aus dem Münchner "Polizeiruf 110" vorstellt: Verena Altenberger ermittelt in ihrem zweiten Fall als Polizeioberkommissarin gegen ihre Kollegen, es geht um Insiderhandel an der Börse, an dem Polizisten mitverdienen wollen. Und wenn Geld, Gier und Krimi zusammenkommen, geht es auch um "Leben und Tod", wie der Ankündigungstext verspricht.

Viele Filmemacher sind bereits während ihres Studiums zu Gast in Hof. Die Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) schickt sieben Studierende nach Oberfranken, in ihren Kurzfilmen verhandeln sie ein breites Themenspektrum: Simon Pfister erzählt in "Beats" von einer Anschlagserie auf München, Natascha Zink thematisiert in "Abbruch" die Folgen einer ungeplanten Schwangerschaft, in den anderen Filmen geht es um schwule Sex-Dates oder gebrochene Herzen.

Um Herzensangelegenheiten kümmert sich auch der Autorenfilmer Werner Herzog, der in seinem Film "Family Romance, LLC" von japanischen Wahlverwandtschaften erzählt, die man mieten kann. Auch Edgar Reitz ist in Hof, wenngleich in ungewohnter Rolle: Die Kölnerin Anna Hepp stellt ihn in ihrem Dokumentarfilm "800 Mal einsam - Ein Tag mit dem deutschen Filmemacher Edgar Reitz" in den Mittelpunkt. Bei so einem kompakten Festival treffen junge Regisseure auf erfahrene Kollegen - auch deshalb kommen sie alle immer wieder.

53. Internationale Hofer Filmtage, Dienstag, 22., bis Sonntag, 27. Oktober, www.hofer-filmtage.com

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Quelle:
SZ vom 22.10.2019
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