Süddeutsche Zeitung

Eva Hermans "Eva-Prinzip":Vorlautes Kind, dummes Kind

Ja, auch sie ist ein Produkt der Emanzipation: Eva Herman zeichnet mit das "Das Eva-Prinzip" das Idealbild einer Gemeinschaft, die es nur geschafft hat, historisch zu werden. Mehr nicht.

Thomas Steinfeld

Manchmal braucht man ein vorlautes Kind. Es tritt in eine Runde von Erwachsenen und spricht: "Sagt doch, warum seid ihr denn alle so traurig?" Dann gucken sich alle an und suchen nach einer Antwort. Sie ist nicht so schnell zu finden, weil gerade über ernste Dinge gesprochen worden ist, über Renten, Versicherungen, Reproduktionsraten und darüber, wie es in dieser Gesellschaft in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Dem Kind dauert das Antworten zu lange. "Ich weiß", kräht es dazwischen, "Ihr seid so traurig, weil euch keiner mehr lieb hat". Das Kind hat einen Namen. Es heißt Eva Herman, ist siebenundvierzig Jahre alt und war bis vor kurzem Sprecherin der "Tagesschau".

So viel Kopfschütteln hat das Kind mit seinem Geplapper verursacht, dass sein Buch, genannt "Das Eva-Prinzip", in hunderttausend Exemplaren gedruckt werden musste. Das Kopfschütteln gilt vor allem der These, die Emanzipation der Frau sei nur vermeintlich eine Errungenschaft der westlichen, liberalen Gesellschaften gewesen. Die Frauen seien durch ihre zunehmende Selbstständigkeit nicht glücklicher geworden, ja, sie hätten an der Zerstörung all dessen mitgewirkt, was die Natur ihnen als Aufgabe zugeteilt habe: die Familie und die weiblichen Rundungen, die Kinder und die Sorge für den Mann, das Heim und den Blumenschmuck auf dem Esstisch.

Davon spricht das alte Kind, und man muss es reden lassen. Was hilft es, darauf zu verweisen, dass es in der Natur keine Planstellen für Hausfrauen gibt? Darauf, dass Brüste und breite Hüften zwar eine biologische Fähigkeit, keineswegs aber einen Mangel an Durchsetzungsvermögen oder gar Urteilskraft erkennen lassen? Oder darauf, dass Eva Hermans menschheitsumfassende Vision von der Familie historisch und geografisch sehr genau zu fassen ist: im Selbstbild - kaum in der Realität - des bürgerlichen Haushalts während der fünfziger und sechziger Jahre, ein Bild, das es vorher nicht gab und nachher nicht geben wird.

All diese Einwände können das alte Kind nicht treffen. "Aber seht ihr denn nicht, wie unglücklich die Menschen sind?", sagt es dann, und anschließend erzählt es von Simone und Ines und all den anderen unglücklichen, karrierebewussten, kinderlosen Frauen, denen sie begegnet und die sie immer "nachdenklich" machen. Indizienschlüsse sind schwer zu widerlegen. Versucht man es mit Gegenindizien, geht es gleich gar nicht.

Vorlaute Kinder wären nicht so erfolgreich, hätten sie nicht manchmal recht. Tatsächlich hat Eva Herman etwas über Emanzipation der Frau zu sagen: Dass ihre zunehmende politische, wirtschaftliche und soziale Selbstständigkeit keineswegs einen Anspruch auf mehr Glück umfasst. Im Gegenteil - Emanzipation kann auch heißen, dass die Verfügungsgewalt über die Frau dem Hausherrn entzogen und dem wirtschaftlichen Verwertungsprozess übertragen ist (in diesem lässt es sich allerdings leichter von einer Karriere träumen). Anders gesagt: Mit der Emanzipation der Frau verhält es sich so wie mit der Alphabetisierung der Gesellschaft. Letztere war untrennbar mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verbunden: Wer lesen und schreiben lernte, tat nicht nur etwas für sich, sondern machte sich zugleich zurecht für seine Benutzung durch den Staat. Allerdings käme niemand auf den Gedanken, mit der Wehrpflicht auch die Schulpflicht aufzuheben - und zwar nicht nur aus gesellschaftlichen, sondern auch aus persönlichen Gründen. Im selben Sinne sind Frauen, die über den Ertrag der Emanzipation nachdenken, selber ein (ganz und gar nicht verächtlicher) Ertrag der Emanzipation und nicht deren Widerlegung.

Eva Herman hat ein paar Figuren des öffentlichen Lebens zornig werden lassen, weil sie in ihrer Rolle als vorlautes Kind zurecht darauf insistierte, dass Emanzipation nicht glücklich macht. Die These überrascht aber nicht wirklich. Eher schon ist es erstaunlich, dass Menschen an solche Heilsgeschichten glaubten. Ärgerlich, richtig irritierend hingegen wird es in dem Augenblick, in dem das vorlaute Kind sich zur vorlauten Schulmeisterin aufwirft und seinerseits eine Heilsgeschichte diktiert: "Jetzt habt euch mal alle ganz doll lieb!" Und das heißt: ein Mann fürs Leben, zwei, drei, viele Kinder, ein gemeinsames Heim, "und wir erfahren, was Demut bedeutet, Zugewandtheit, Nähe, innige Liebe und vor allem Treue". Wie kommt Eva Hermann auf den Gedanken, dass ausgerechnet die Familie ein solches Glück begründen könne? Ein kurzer Blick in Familienromane, auch und gerade in diejenigen, die in den fünfziger Jahren spielen, könnten selbst alte Kinder schnell davon überzeugen, was es mit der Wirklichkeit des Familienglücks auf sich hat: Es ist bestenfalls eine andere Art des Unglücks.

Um aber vom Unglück etwas zu verstehen, müsste das vorlaute Kind ein paar Eigenschaften haben, die es nicht besitzt: Geduld, Vernunft, die Bereitschaft zum Zuhören. Das vorlaute Kind besitzt diese Fähigkeiten nicht, weil es vollauf damit beschäftigt ist, an sich selbst als Erlösergestalt herumzupolieren: "Der Schlüssel für ein Umdenken in der Gesellschaft sind wir Frauen. Wir besitzen tiefes Wissen, wie Bindungen und Gefühle entstehen, wie ein Netz der Geborgenheit gespannt wird, wie wir als Partnerin und Mutter zwischen den verschiedenen Bedürfnissen vermitteln können." Das ist mindestens so eitel, anmaßend und selbstgefällig wie das permanente Eigenlob der mit dem Staatsfeminismus befassten offiziellen Heldinnen der Emanzipation. Und mindestens so ignorant. So ist leider das vorlaute Kind auch ein dummes Kind.

EVA HERMAN: Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit. Pendo Verlag, München und Zürich 2006. 264 S., 18 Euro.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.211, Mittwoch, den 13. September 2006
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