Süddeutsche Zeitung

ESC-Kandidatin Ann Sophie:Steckt sie schon weg

Eine große Fangemeinde hat Ann Sophie nicht hinter sich. Trotzdem fährt sie für Deutschland zum ESC nach Wien. Und beweist damit fast noch mehr Mut als der zurückgetretene Sieger Andreas Kümmert.

Von Carolin Gasteiger

Ann Sophie kann nur hilflos mit den Achseln zucken, als Barbara Schöneberger sie als die Gewinnerin des deutschen ESC-Vorentscheides verkündet. Sie und nicht Andreas Kümmert, der mit seiner Absage die wohl spannendsten Minuten der deutschen ESC-Geschichte geliefert haben dürfte. Fast entschuldigend hebt die junge Frau die Arme, als wollte sie sagen: Ich kann doch auch nichts dafür, dass nun ich zum Finale des Eurovision Song Contests nach Wien fahre. In den Applaus mischen sich vereinzelt Buhrufe.

Aber dann, nach den ersten Takten ihres Lieblingssongs "Black Smoke", hat Ann Sophie sich wieder gefangen. Sie ist zurück auf der Bühne, da, wo sie sich am wohlsten fühlt. "I am me, when I am music", schreibt sie auf ihrem Twitteraccount.

Da hat jemand ein klares Ziel, und das schon von klein auf. Die Tochter eines Bankers wird in London geboren, wächst vorwiegend in Hamburg auf und geht mit 20 Jahren nach New York. Schon als Teenager will sie Sängerin werden. Sie absolviert eine zweijährige Schauspielausbildung am Lee Strasberg Institute und singt nebenher in Bars. 2012 erscheint ihre erste Platte.

In ihren Songs geht es um die Suche nach dem eigenen Ich ("Get over yourself") genauso wie um zerbrochene Liebe ("Black Smoke"). Ein bisschen Hymne, ein bisschen James Bond, solider Soul-Pop und ziemlich austauschbar. Für den ESC bedeutet das: Sie sieht nicht nur aus wie Lena Meyer-Landrut, sie klingt auch so. Aber: Ann Sophie steht gerne im Rampenlicht - und das dürfte seit dem spontanen Rückzug von Andreas Kümmert aus Sicht der Veranstalter und Vermarkter mindestens so wichtig sein wie musikalisches Können.

Auf der Bühne kokettiert sie, ein Augenzwinkern hier, ein sexy Hüftschwung da, dazwischen ein spontanes "Hannover!". Zu ihrem Song "Jump the Gun" trägt sie, wie schon beim Clubkonzert in Hamburg, einen roten rückenfreien Jumpsuit. Der Effekt? Als sie nach ihrem Auftritt in Hamburg die Wildcard für den ESC-Vorentscheid gewann, titelte Spiegel Online: "Zwölf Punkte für den Hosenanzug". Barbara Schöneberger nennt sie in Hannover schließlich "die Pippa Middleton des deutschen Vorentscheids".

Ann Sophie lässt diese Anspielungen an sich abperlen. Ebenso den ewigen, aber leider zutreffenden Vergleich mit der ESC-Siegerin von 2010. Als ein Journalist sie nach der Show auf Lena Meyer-Landrut anspricht, kontert die Sängerin mit einem wissenden Grinsen: "Menschen vergleichen immer." Sie selbst versuche aber, sich nicht mit anderen zu messen und könne aus diesem Grund nichts weiter dazu sagen.

"Megamutige" Entscheidung

Zweifelsohne: Schlagfertig ist Ann Sophie, und pragmatisch. In Hamburg, wo sie mit ihrer Hündin Ella lebt, sitzt sie gerade an einem Kinderbuchprojekt und wollte im April eigentlich ein Praktikum in der Unfallchirurgie absolvieren ("es geht im Leben ja auch um einen Plan B").

Vermutlich hatte Andreas Kümmert tatsächlich Recht, als er Ann Sophie attestierte, sie könne besser mit der ESC-Bürde umgehen als er selbst. Im ersten Moment ist sie zwar geschockt, aber statt in Tränen auszubrechen, behält sie die Fassung und umarmt Kümmert spontan. Nach der Show sagt sie noch: "Wenn sein Herz ihm das gesagt hat, ist das absolut richtig." Sie finde das "megamutig" von Kümmert.

Megamutig ist sie selbst aber auch. Und das fast noch mehr als Kümmert: Schließlich wird sie in Wien ein Publikum vertreten müssen, das nicht hinter ihr steht. Gerade einmal 21,3 Prozent der Anrufer stimmten laut NDR für Ann Sophie - für Andreas Kümmert waren es eindeutige 78,7 Prozent. Das sind fast vier Mal so viele Stimmen, verbunden mit einer klaren Botschaft: Die ESC-Fans hätten sich lieber das Ungewöhnliche gewünscht. Mal was anderes als eine Rampensau.

Aber die selbstbewusste Ann Sophie dürfte auch dieses schmerzliche Ergebnis gut verkraften. Als ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber die Presse bittet, am nächsten Tag doch bitte über Ann Sophie zu schreiben, ergänzt sie: "Fühlt Euch nicht gezwungen."

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