Süddeutsche Zeitung

Eurovision Song Contest in Israel:Party, Politik und Polizei

Schon zwei Kilometer vor dem Eingang standen Bewaffnete, und die Isländer schwenkten "Palästina"-Bänder: Dieser ESC war politisch, auch Madonna setzte ein unabgesprochenes Statement.

Schon zwei Kilometer vor dem Eingang war alles abgesperrt: Die israelische Polizei zog am Samstagabend einen Sicherheitskordon rund um den Veranstaltungsort bei der Expo Tel Aviv und dem Eurovision-Dorf am Strand, bewaffnete Einsatzkräfte wurden postiert. Ob es eine konkrete Warnung vor einem Anschlag gegeben hatte, Demonstrationen verhindert werden sollten oder es sich schicht um eine Vorsichtsmaßnahme handelte, teilte die Polizei nicht mit.

Aber von den im Vergleich zu den Vortagen verschärften Sicherheitsmaßnahmen am Abend des Finales des Eurovision Songcontests ließen sich die Menschen nicht abhalten. Zehntausende strömten über die autoleeren Straßen zu den Veranstaltungsorten. Es herrschte Partystimmung - draußen wie drinnen. Musik- und Rauchschwaden waberten über das Gelände, in einem Teil des Eurovision-Dorfes fand das alljährliche Food-Festival statt. Es wurde gegrillt, bayerisches Bier gab es auch zu trinken. Beim "Bayern-Markt", wo es Weißwürste zu kaufen gab, herrschte geringer Andrang.

Die Massen stauten sich vor der riesigen Leinwand, auf der die Übertragung aus der Expo-Halle zu sehen war. Wer sich keines der rund 300 Euro teuren Tickets für die Liveshow leisten wollte oder konnte, kam hierher. Hier gab es die ungefilterten Reaktionen: Das deutsche Duo S!sters - Laurita Spinelli, 26, und Carlotta Truman, 19, bekam hier nur verhaltenen Applaus. Als "zu brav", empfand eine Gruppe israelischer Jugendlicher den Auftritt. Der israelische Sänger Kobi Marimi, auf Twitter als Mischung aus Borat und Freddie Mercury beschrieben, erhielt trotz Heimvorteil allerdings auch nur bescheidenen Beifall.

Madonna setzt unabgesprochen ein Zeichen

Das Finale wurden auch für politische Botschaften genutzt: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hatte seinem israelischen Landsmann aus der Ferne Glück gewünscht, seine Frau Sara fieberte in der Halle mit. An ihrer Seite war Patricia Marroquin, die Frau des guatemaltekischen Präsident Jimmy Morales. Es war eine spezielle Dankesgeste: Guatemala war als einziges Land dem Beispiel der USA gefolgt und hatte seine Botschaft ebenfalls nach Jerusalem verlegt.

Die Mitglieder der isländischen Gruppe Hatari machten während der Publikumsabstimmung dann auch ihre Ankündigung wahr, die Veranstaltung für eine Protestaktion zu nutzen. Sie hielten Schilder mit der Aufschrift "Palestine" in die Höhe - eine Aufforderung zur Gründung eines Staates für die Palästinenser. Zwei Tänzer aus Madonnas Crew trugen je eine Flagge auf dem Rücken: Ein Mann zeigte die israelische, eine Frau die palästinensische. Sie umarmten sich. Laut dem Veranstalter war dieses politische Signal "nicht abgesprochen" gewesen.

Am Vormittag des Finaltages hatte es noch eine Demonstration gegeben, durchgeführt von der Organisation Zochrot, die auf die Vertreibung der Palästinenser im Zuge der Staatsgründung Israels aufmerksam machen will. "Nicht stolz auf Apartheid" hieß es auf einem Schild einer Demonstrantin, die eine Madonna-Maske trug. Die Sängerin trat trotz Boykottaufforderungen am Abend live auf und verwies auf die verbindende Kraft der Musik. Sie trat mit Augenklappe auf - eine Referenz auf Mosche Dayan, den legendären israelischen Verteidigungsminister, wurde gemutmaßt.

Aber die meisten Besucher in Tel Aviv scherten sich nicht um die politischen Bezüge, sondern wollten schlicht feiern. Als das Voting um kurz nach zwei Uhr früh Ortszeit beendet war, ging die Party in Tel Aviv noch weiter - auch wenn Israel nur auf dem 23. Platz gelandet war. Nur wenige Dutzend Fans aus den Niederlanden waren extra angereist, aber die feierten dann den Sieg ihres Kandidaten besonders ausgiebig.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4452698
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/nor/jab
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.