Süddeutsche Zeitung

Ellen Keys zweifelhafte Erziehungslehre:Wer Kinder schlägt, erzieht sich Sklaven

Was ist aus dem "Jahrhundert des Kindes" geworden, das die Autorin Ellen Key 1902 in ihrem gleichnamigen Buch ausrief? Ihr Werk nimmt aktuelle Debatten um die Kindererziehung vorweg. Es ist aber auch eine Kritik am Feminismus - und liefert Argumente für die Befürworter des Betreuungsgeldes.

Burkhard Müller

Die letzten zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg waren die große Epoche der Reform. Man trug das Reformkleid, man erfand das Reformhaus. Es gediehen die Frauenrechtsbewegung, die Freikörperkultur und der Wandervogel, es blühten Okkultismus, Sozialismus, Anarchismus und generell alles, was auf "-ismus" endet. Jeder glaubte, gerade seine Idee werde die vielbesungene Neue Zeit herbeizwingen. Dass das Leben nicht bleiben konnte, wie es war, schien offensichtlich; dass aber ein Zeitalter der Katastrophen seine Schatten vorauswarf, empfand keiner.

Reform musste am Ursprung ansetzen. Den neuen Menschen konnte es nur geben, wenn man ihn schon im frühesten Alter zu bilden begann. Wer die Welt ändern wollte, der musste zu den Kindern gehen. So versteht man den Titel eines Buchs, welches "Das Jahrhundert des Kindes" heißt und in Deutschland 1902 herauskam: Vom Kind aus musste man das Jahrhundert, das soeben begonnen hatte, umgestalten. Noch in unserer Gegenwart hat diese Autorin ihre Anhänger, was sich nicht zuletzt in einer lebendigen Sekundärliteratur niederschlägt.

Die Verfasserin war nicht die Einzige, die damals radikal neue Vorschläge zur Erziehung machte; auch andere, bis heute wirksame Pädagogen traten auf, Rudolf Steiner, Oberhaupt der Anthroposophen, der zum Ahnherrn der Waldorf-Schulen wurde, und Maria Montessori in Italien, deren Name bis heute für den von ihr begründeten Schultyp steht.

Niemand aber von all diesen Reformpädagogen machte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg so sehr von sich reden und sorgte für so aufgeregte Kontroversen wie die Schwedin Ellen Key (sprich "Kej"). Im Jahr 1846 als Tochter einer Adligen und eines Politikers geboren, trat sie für die Modernisierung aller Lebensverhältnisse ein und reiste unermüdlich als Rednerin durch Europa.

Wer das Kind begreifen will, das war ihr Glaubensbekenntnis, der darf es nicht als unvollkommenen Erwachsenen, der muss es als eigenes Wesen eigenen Rechts auffassen. Dazu gehört zuallererst, dass im Umgang mit ihm auf Gewalt verzichtet wird. Die am stärksten wahrgenommene einzelne Forderung ihres Buchs besteht in der bedingungslosen Absage an die körperliche Züchtigung.

Heilsames Feuer und Liebesentzug

"Schläge rufen die Tugenden des Sklaven, nicht die des freien Menschen hervor ... Prügel überliefern den Schwächeren, den Wehrlosen in die Hand des Stärkeren, und noch nie hat ein Kind in seinem Herzen geglaubt, was es mit seinen Lippen bejahte, wenn der Erzieher versuchte, es zu überzeugen, dass er es aus Liebe schlage, es schlage, weil er müsse! ... Mangelnde Selbstzucht, mangelnde Intelligenz, mangelnde Geduld, mangelnde Würde - das sind die vier Ecksteine, auf denen das Prügelsystem ruht."

Hier war Key Vorreiterin einer Haltung, die heute den Rang eines (fast) allgemeinen Konsens besitzt und sogar Eingang in die Gesetzgebung gefunden hat. Doch wie soll man ein Kind stattdessen lenken? Key wusste Rat. Ein Kind langt auf den heißen Herd? Soll es doch! "Warum lernt das Kind sehr bald, dass das Feuer brennt? Weil das Feuer es immer tut. Aber Mama, die einmal schlägt, einmal droht, einmal besticht, einmal weint, einmal versagt und gleich darauf erlaubt ... - sie hat nicht die kräftige Erziehungsmethode des Feuers!"

Ähnliches wie dem Feuer traut Key dem Liebesentzug zu, vorausgesetzt, er geschieht konsequent. "Ist das Kind nicht achtsam, so muss es daheim bleiben; oder es muss allein essen, wenn es zu spät zu den Mahlzeiten kommt." Und doch schreibt Key von der "Majestät" des Kindes, von der "Heiligung" des Heims, ein hoher Ton, den heutige Erziehungsratgeber eher meiden, der aber in dieser hochgestimmten Zeit so viel zu ihrer Wirkung beitrug wie das, was sie inhaltlich wollte.

In Erziehungsdingen lässt sich bekanntlich besonders schwer einschätzen, welche Vorschläge die rückschrittlichen und welche die fortschrittlichen sind. Key fordert die Gesamtschule bis zum fünfzehnten Lebensjahr, um die Klassenunterschiede abzumildern; hierin steht sie dem heutigen linken Flügel der Gesellschaft nahe. Wenn sie sich aber entschieden gegen Kinderkrippen und Kindergärten ausspricht, weil von diesen "Fabriken" nur Schlimmes kommen könne, und selbst mit dem Elementarunterricht am liebsten die Familie betrauen würde, dürfte sie auf Zustimmung eher bei den Befürwortern des Betreuungsgeldes aus dem rechten Lager stoßen.

Sie nimmt als Sozialprophetin eine Zukunft vorweg, in der es keine Dienstboten mehr gibt, denn die Technik wird den Haushalt kolossal vereinfachen - aber da der beträchtliche Rest dann erst recht an der Gattin und Mutter hängen bleibt, sollte man ihr Erwerbsarbeit außerhalb des Hauses möglichst ersparen. So ähnlich sieht das die Mehrheit der CSU auch.

Die Debatten, die Key damals frisch anstieß, haben sich wenig verändert bis auf den heutigen Tag fortgesetzt. Key wirft der Frauenbewegung vor, dass ihr Ziel, den Frauen dieselben Rechte und Tätigkeiten wie den Männern zu öffnen, egoistisch gedacht sei, denn so gerate das Kind aus dem Blick und damit der eigentliche Daseinszweck weiblichen Lebens.

Privilegierte Minderheit

Keys Buch wird vom enthusiastischen Gefühl der Mission getragen. Dass sie sich dabei in Widersprüche verwickelt, liegt im Wesen ihres Gegenstands. Man kann ihn nicht anrühren, ohne sofort das Geflecht der ganzen Gesellschaft in Schwingungen zu versetzen. Sie will das Kind als Individuum akzeptiert, ja verehrt wissen - aber es handelt sich ihr dabei immer um "das" Kind, im unguten generischen Singular, und nicht um die Kinder, wie sie jetzt gerade leben.

Und obwohl sie das Ganze im Auge hat, lässt sich doch absehen, dass nur eine privilegierte Minderheit sich den geforderten Aufwand wird leisten können: Das Ideal von Aufbruch und Befreiung tendiert dazu, sich elitär längs vorhandener Strukturen zu realisieren. Mit allen pädagogischen Autoren teilt sie die flaue Zwischenlage des Vermittlers, der weder in der Theorie noch in der Praxis eigentlich zu Hause ist; sie "träumt" von der Schule der Zukunft - doch wie dies alles umzusetzen sei und wer dafür aufkommen soll, dazu äußert sie sich wenig.

Ihr steht die Entwicklung der Menschheit überhaupt vor Augen; diese soll durch züchterische Maßnahmen gehoben werden. Ihr erstes Kapitel nennt sie "Das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen". Ein Kind, noch ungeboren oder gar ungezeugt, kann natürlich niemals im Ernst eine solche Wahl ausüben; und Key meint denn auch, unter dem Deckmantel dieser menschenfreundlichen Formulierung, etwas ganz Anderes.

Psychisch und physisch optimierte Exemplare

Nur solchen Exemplaren soll die Fortpflanzung zugestanden werden, die in jeder Hinsicht, psychisch und physisch, optimiert sind; ausdrücklich beruft sie sich auf Nietzsches Übermensch und Darwins "survival of the fittest". Sie dringt auf Scheidung unglücklicher Ehen, sie verlangt die positive Einstellung zu einer ganzheitlich gedachten Sexualität, und mit all dem rennt sie heute offene Türen ein. Doch ebenso will sie unverblümt die Eugenik, die Sterilisierung und Beseitigung lebensunwerten Lebens, auch und gerade bei den Kindern.

Man staunt über die Rasanz des Umschlags. Die älteren Pädagogen haben ein Kind vielleicht geschlagen; aber sie ließen nie einen Zweifel, dass es dieses Kind und kein anderes war, das sie im Sinn hatten und in einem bestimmten Sinn leiten wollten. Key aber, die es zu schonen vorgibt, will es als Mittel zu etwas ganz Anderem benutzen.

Man hat ihr jüngst nachzuweisen versucht, dass sie Rassistin und Antisemitin gewesen sei. In der Tat hat ihr Denken eine Schlagseite in diese Richtung. Doch wie so vieles, das um 1900 angebrütet wurde und erst Jahrzehnte später auskroch, bietet es sich in jener Inkubationszeit noch in vergleichsweise harmloser Form dar. Wenn sie von "Rasse" spricht, meint sie keine bestimmte, sondern die Menschheit überhaupt. Mit Achtung spricht sie vom Alten Testament und der Ethik des Judentums - an dem sie die strengen rassenhygienischen Vorschriften rühmt.

Was das Jahrhundert, das sie für eines des Kindes hielt, dann tatsächlich für eines werden sollte, darüber blieb sie in gnädiger Unwissenheit, nicht zuletzt, weil sie 1926 starb, Bürgerin eines Staates, der die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht als Donnerschlag, sondern bloß als ein Wetterleuchten erlebte. Aber dass sie gerade ihre besonderen Schutzbefohlenen so leichten Sinns an eine totale Idee preisgab: das sollte man ihr schon verübeln.

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Quelle:
SZ vom 05.06.2012/mahu/gba
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