Süddeutsche Zeitung

"Die Lebenden reparieren" im Kino:Über den Tod hinaus

In "Die Lebenden reparieren" erzählt die französische Regisseurin Katell Quillévéré von einer Herztransplantation und zeigt doch das pulsierende Leben.

Der Film schlägt die Augen auf, zusammen mit dem 17-jährigen Simon, mit dem zärtlichen Blick, den er am sehr frühen Morgen auf seine neben ihm schlafende Freundin richtet. Dann wirft er sich durchs Fenster ins Dunkel der Nacht, auf dem Fahrrad und auf dem Skateboard geht es durch die menschenleeren Straßen von Le Havre, mit zwei Freunden zur Küste und auf dem Surfbrett in die Meereswogen. Der Sturm und Drang dieser ersten Bilder, der Bewegungsrausch in den Wellenröhren endet auf der Heimfahrt jäh mit einem Autounfall. Katell Quillévéré filmt das aber fast wie einen Traum, in dem die Landstraße vom Meer überflutet wird, als würde Simon sanft entgleiten, wie überhaupt alles an diesem Film im Fließen ist.

Der Schock lässt sich dann in den Gesichtern der Eltern (Emmanuelle Seigner und Kool Shen) ablesen, die im Krankenhaus langsam begreifen müssen, dass ihr Junge, der so lebendig aussieht, der sich warm anfühlt, dessen Herz schlägt und dessen Lunge atmet, in Wirklichkeit hirntot ist und nur noch künstlich von Maschinen am Laufen gehalten wird. Während sie noch mit der Unfassbarkeit dieser Situation ringen, müssen die Ärzte (Bouli Lanners und Tahar Rahim) einen Weg finden, um über Organtransplantation zu sprechen.

Es ist eine glückliche Fügung, dass die Verfilmung des 2014 veröffentlichten, gleichnamigen Romans von Maylis de Kernangal jetzt ein paar Tage nach dem 50. Jahrestag der ersten geglückten Herztransplantation in unsere Kinos kommt. Die vielschichtige, ebenso dokumentarische wie poetische Art, in der dieser Film die Widersprüchlichkeit des Themas anatomisch, ethisch, emotional, spirituell und philosophisch auffächert, macht ihn auch zu einem kraftvollen Plädoyer für die Bereitschaft, die Reste eines erloschenen Lebens per Organspende weiterzirkulieren zu lassen.

Nachdem die französische Regisseurin Katell Quillévéré in "Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" die bewegte Lebensgeschichte einer Teenager-Mutter über einen weiten Bogen von zwei Jahrzehnten hinweg entfaltet hat, begleitet sie jetzt den Weg eines Herzens im eng gesteckten Rahmen von 24 Stunden. Der Tod des Teenagers eröffnet einer fünfzigjährigen Mutter mit immer schwächer werdendem Herzen eine neue Chance - der Kreislauf des Lebens in seiner extremsten Form. Dabei verknüpft Quillévéré die sachliche Mechanik der Ereignisse mit den rohen Gefühlen der Betroffenen und den Rätseln der menschlichen Existenz.

Hier der Pragmatismus und die Präzision der Ärzte, die man in der Schaltzentrale für die Zuteilung der Organe sieht, bei den Abläufen im Krankenhaus, den Operationsvorbereitungen, dem Transport des Organs im Flugzeug und im Polizeiauto bis zur Entnahme und Einpflanzung des Herzens. Dort die Liebe, die Trauer, die Angst und die Zweifel, aber auch Demut und Scham, denn natürlich wissen die Ärzte, wie maßlos überfordert die Eltern von ihrer Bitte sind.

Niemand ist in diesem Film nur Statist, alle sind eingebunden in ein großes Fließen

Es gehört zur ergreifenden Stärke dieses Films, dass er für die wirklich wichtigen Dinge keine Worte braucht, weil sie sich in den feinsten Regungen der Gesichter abzeichnen: der grenzenlose Schmerz der Eltern, das Mitgefühl der Ärzte, die Tränen der Freundin. Immer wieder nimmt sich dieser so klar strukturierte Film Zeit für kleine Momente, die sich von der Dramaturgie der Handlung nicht vereinnahmen lassen - und gerade deshalb so viel über die Menschen erzählen: Die innige Nähe zwischen Simons Eltern, die in der Liebe zu ihrem Kind verbunden sind, obwohl sie schon längst getrennt leben. Eine Rückblende, in der Simon seine zukünftige Freundin überrascht, indem er so energisch in die Pedale tritt, dass er sie oben bei der Ankunft der Hebebahn noch einmal in den Arm nehmen kann.

Auch den Nebenfiguren am Rande gönnt Quillévéré solche intimen Momente: einer Krankenschwester, die das Drama um Simon miterlebt und allein im Aufzug den Gedanken an erotische Intimitäten nachhängt - oder dem Assistenzarzt, der in einer kleinen Pause dem Klang eines seltenen Vogels aus seiner maghrebinischen Heimat lauscht. Niemand ist in diesem Film nur Statist, alle sind eingebunden in den Fluss des Lebens. Dabei ist der ganze Film wie ein pulsierender Organismus strukturiert. Die langen Gänge des Krankenhauses, die Straßen und Tunnel und Wellenröhren, in denen Handkameras, Steadycams, Drohnen und Kran-Arme den Menschen folgen, werden zu Lebensadern. Und so wie in Quillévérés früheren Filmen ist es auch hier aller Tragik zum Trotz die Energie des Lebens, die triumphiert, die Kraft eines Herzens, das über den Tod hinaus weiterschlägt.

Réparer les vivants, Frankreich 2016 - Regie: Katell Quillévéré. Buch: Katell Quillévéré, Gilles Taurand, nach dem Roman von Maylis de Kerangal. Kamera: Tom Harari. Schnitt: Thomas Marchand. Musik: Alexandre Desplat. Mit: Emmanuelle Eigner, Tahar Rahim, Bouli Lanners, Anne Dorval, Kool Shen. Verleih: Wild Bunch Germany, 103 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 12.12.2017/cag
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