Süddeutsche Zeitung

Die CDs der Woche - Popkolumne:Weißbrotstimmen im Schweinsgalopp

La Brass Banda schwelgen gediegen, Tim Bendzkos zweiter Platte fehlt Songwriter-Chuzpe und die Queens Of The Stoneage melden sich mit einem Wunderwerk zurück. Die Popkolumne - zum Lesen und zum Hören.

Von Max Scharnigg

Queens Of The Stoneage

Wer zufrieden ist, schreibt keine guten Rocksongs. Das Beste für eine eingeführte Band ist es deswegen, auf ihrem eigenen Gipfelgrat zu stolpern und ständig den Absturz vor Augen zu haben. Manche führen diese prekären Arbeitsbedingungen durch Alkohol und Drogen herbei, die Queens Of The Stone Age schafften es diesmal mit ständigen Personalstreitereien, einer krankheitsbedingten Depression von Josh Homme und einem ganzen Heer von Zulieferern, die dringend benötigte Existenzialität und Konzentration zu erzeugen. Mit "... Like Clockwork" (Matador) steht so am Ende eines sechsjährigen Durcheinanders ein Werk, das nicht nur die Fans zufrieden stellen dürfte.

Die Band flirtet über alle Grenzen des Genres hinaus, bändigt funkige Irrlichter wie "Smooth Sailing" genauso wie opake Piano-Zärteleien mit uralten Gitarren wie das schmelzende "The Vampyre Of Time And Memories". Es ist eine Wunderkammer, aber eine, bei der die DNA der Band immer gewahrt bleibt, zwischen allgemein wabernden Bowie-Schwaden und den Geschenken, die Elton John, James Lavelle, Alex Turner oder Dave Grohl mitbrachten. Die Band hat daraus ein sortenreines QOTSA-Album gemacht, mit Höhepunkten wie "My God Is The Sun", einem gerechten Brett, das so klingt als wäre es 1999 und Grunge noch irgendwo in der Ferne zu hören. Rock, der stellenweise vielleicht ein bisschen zu kalifornisch geraten ist. Aber wer will das am Anfang eines großen Sommers schon bemängeln?

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Als das Regelwerk beim deutschen Vorentscheid zum ESC knapp gegen die Publikumslieblinge La Brass Banda und für ein Plastik-Popderivat entschied, war das vermutlich das Beste, was den Musikern um Stefan Dettl passieren konnte. Welcher vernünftige Musiker will sich von dem Betrieb schon ganz auffressen lassen? Für Kenner des Gesamtwerks hat sich die Band mit dem vorliegenden neuen Konzeptalbum namens "Europa" (Sony) aber ein gutes Stück von ihren Ursprüngen entfernt. Instrumente, Produktion, Vielseitigkeit harmonieren ohne Zweifel auf einem beeindruckenden Niveau, die Rhythmusabteilung tackert exakt und immer geschmackvoll, die Trompete akzentuiert, führt, spielt sich um die Tuba rum.

Was etwas kurz kommt, ist das - zugegeben nicht ganz so akademische - Genre des musikalischen Schweinsgalopps. Also diese brachiale Freude der Älpler am konzertierten Durchdrehen, dank der früher regelmäßig das Büffet in die Luft flog. Die Band hat das perfektioniert. Diesmal hat sich eher gediegenes Schwelgen ("Griechenland") und irgendwie urban-smartes Loungeblasen wie bei "Schweden" durchgesetzt. Dettls Stimme ist meist eine weitere Tonspur, kein Lieferant für Botschaften, dabei hätte man so gerne irgendwas zum lauthals Mitfrotzeln gehabt. Das Rohe, Laute, Schnelle, das einst jeden Folklore-Vergleich sofort unhaltbar machte, es kesselt nur noch manchmal durch. Bei den Konzerten wird natürlich bestimmt trotzdem wieder schön der Stöpsel rausfliegen.

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"Ich will keine Winter mehr" fordert der Tim im Titelsong seines neuen Albums, und das ist eigentlich recht hübsch. Zumindest im Kontext des streichzarten Liedes, das wohl das ist, was man früher in der Zeitschrift PopRocky eine "zärtlich-kraftvolle Ballade" genannt hätte. Derlei beherrscht der Wuschelbarde auf seinem zweiten Album "Am seidenen Faden" (Sony) mit erschreckender Souveränität. Manchmal klingen die Melodien und Geigenarrangements dabei schon wie arge Komponisten-Bückware aus dem erstbesten Supermarktregal (etwa bei "Vergessen ist so leicht"). Das übersichtliche Popverständnis macht er aber mit seinem volksnahen Charme und der perfekten Weißbrotstimme wieder wett.

So ist hier eine wirklich familientaugliche Platte entstanden, auf der ständig die Liebe nur "einen Herzschlag entfernt" ist, Wünsche wahr werden oder die Dinge über den Wolken schweben - je vager Befindlichkeitsthemen angesprochen werden, desto größer ist eben die Menge der Menschen, die sich damit identifizieren werden. Aber das ist schon in Ordnung, Lieder über Jodmangel oder Altersarbeitslosigkeit kann ja jemand anderes singen. So süffig das alles ist, so sauber und gerade Bendzko seine Sätze in des Hörers Ohren faltet wie gebügelte T-Shirts - es fehlt dieser zweiten Platte ein bisschen Songwriter-Chuzpe. Statt eine ausgefeilte Produktion nach der anderen hinzuprunken, wäre ein Hauch Lo-Fi und etwas aufmüpfigeres Jungsein ganz gut gewesen.

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Quelle:
SZ vom 19.06.2013/noa
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