Süddeutsche Zeitung

Die CDs der Woche - Popkolumne:Kunstvolle Klangruinen

Das neue Album von Xiu Xiu ist anstrengend, während man beim John Butler Trio nicht weiß, was es eigentlich will. Dagegen ist der Sound von Suzanne Vega eingängig und die Broilers treffen mit ihrem familienfreundlichen Hybridpunk einen deutschen Nerv. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.

Von Max Scharnigg

Xiu Xiu

Die Stelle, an der Jamie Stewart immer wieder hyperventilierend "Black Dick, Black Dick" stammelt, ist sehr anstrengend. Das restliche Album ist nur anstrengend, aber das ist allen Freunden der Formation aus Los Angeles ja unbedingtes Qualitätsmerkmal. Die Frage angesichts eines neuen Xiu-Xiu-Werkes wie "Angel Guts: Red Classroom" (Pias) ist also nicht so sehr ob, sondern nur wie düster verschroben es geworden ist. Das Bauchgefühl nach einigen Durchläufen sagt: sehr.

Effekte aus Gespensterfilmen treffen auf schreiende Ferkel, dumpf pochende Beats unterlegen das wilde Geschichtenerzählen Stewarts, das diesmal einen besonders triebhaften Einschlag hat - ein japanischer Vintage-Erotikfilm ist dann auch Namenspate und Mentor dieses Klang gewordenen Unheils. Xiu-Xiu-Platten funktionieren stets körperlich.

Am Ende hat man etwas Neues erfahren, an sich, im Ohr, irgendwo. Ein akustischer Tremor schüttert jedenfalls noch lange nach. Das Sperrige, hier wird's Methode. Es ist trotzdem relativ leicht, zwischen diesen kunstvollen Klangruinen schlecht drauf zu kommen.

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Suzanne Vega

So ziemlich das Gegenteil von Xiu Xiu ist Suzanne Vega, die 2014 ihr 30. Jahr im Musikgeschäft feiern darf. Für die neuen Songs auf "Tales From the Realm of the Queen of Pentacles" (Cooking Vinyl) hat sich die New Yorker Songwriterin sieben Jahre Zeit gelassen, was man ihren Liedern auch anhört.

Sie sind ohne Zweifel sehr sorgfältig komponiert worden, klingen harmonisch und selbstbewusst. Ihr ätherisches Folk-Zupfen der Neunzigerjahre hat sich zu einem angenehm lässigen Songwriter-Pop entwickelt, absolut eingängig, aber nie beliebig. Vega fühlt sich sehr wohl in dieser Produktion, das hört man deutlich, sie flüstert, jubelt, erzählt abgeklärt Träumerisches, aber drückt zwischendurch auch mal auf die Tube.

Ihr Sound erinnert heute an die ganz Großen: an die Go-Betweens, an Prefab Sprout und alle, die beim Singen noch eine Gitarre halten können und dann weder verbittert noch selbstverliebt wirken können. Das sind gar nicht so viele, schon gar nicht nach 30 Jahren in der Branche. Ein wunderbares Album für Vormittage, an denen der Hochnebel über der Stadt liegt.

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John Butler Trio

Puh, echt, Off-Beat auf Kuhglocken? Schnell mal aus dem Fenster schauen, ob draußen nicht doch noch 1997 ist. Nein, ist nur der ganz normale Anachronismus auf "Flesh & Blood" (Warner), einer neuen Platte, auf der das John Butler Trio einfach viele Instant-Referenzen beschwört.

Die Red Hot Chili Peppers, Gomez und die Dave Matthews Band schmeckt man da in den ersten zehn Minuten raus. Besonders das überengagierte Schlagzeug von Grant Gerathy und die Spielfreude von Gitarrenfetischist John Butler sorgen für gelegentliche Breitrock-Schmerzen.

Die dargebotene Vielfalt ist allerdings beeindruckend: Blues, Indie-Pop, Muckersound und Balladenzartheit in dichter Abfolge - also so ungefähr das, was rauskommt, wenn man Studiomusiker zu einer sehr langen Jamsession einsperrt und ihnen nichts als Mineralwasser zu trinken gibt. Besonders die ausufernden Instrumental-Einlagen nehmen viel Schwung raus. Am Ende ist sehr schwer zu verstehen, was das Trio eigentlich will. Aber man ist ja auch kein Gitarrenlehrer.

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Broilers

Punkrock aus Düsseldorf hat seit den Erfolgen der Toten Hosen den Ruf, auch ein Fall für die Charts zu sein und die Broilers bestätigen diesen Verdacht mit "Noir" (Universal) recht souverän. Wohltuend fällt auf, dass sie nicht in die Humorfalle tappen, für die Punk in der Nähe des kommerziellen Erfolgs so anfällig ist.

Nein, hier wird sehr ernsthaft musiziert, und zwar in einer Art, die man tatsächlich von den Toten Hosen gewohnt ist: Saubere Akkorde, nicht zu schnelles Schlagzeug, mehrstimmiger Gesang, dann Crescendo, das in einem Mitgröl-Refrain wie "Die Hoffnung stirbt nie" mündet.

Ist aber gut gemacht, vor allem weil zwischen diesem einfachen Erfolgsrezept auch immer wieder innige Miniaturen auftauchen wie das ruhige "Wo bist du, du fehlst". Eine gewisse Anfälligkeit für Hall und Pathos ist nicht zu überhören, etwas mehr Green Day und weniger BAP wäre wünschenswert. Die Tour der Band ist aber fast ausverkauft. Sie hat mit ihrem familienfreundlichen Hybridpunk also einen deutschen Nerv getroffen.

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Quelle:
SZ von 05.01.2014/mfh
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