Süddeutsche Zeitung

Deutschland Utopie:Der 16. Juni 2032

Ein Professor findet 1932 auf seinem Grundstück die Zeitmaschine von H.G.Wells. Und katapultiert sich in die Zukunft. Diese ist im Buch von Francis D. Pelton, was Europa oder den Sozialismus angeht, erstaunlich zeitnah.

Von Gustav Seibt

Ein utopischer Roman aus dem Jahr 1934, der mit der befriedenden Wirkung atomarer Vernichtungswaffen rechnet und der ihren ersten und einzigen Einsatz für 1946 vorsieht; der ein Europa zeigt, in dem Staatsgrenzen kaum noch eine Rolle spielen; der eine Wohlstandsgesellschaft samt vorangehendem Wirtschaftswunder zeichnet; der eine Welt entwirft, in welcher der Gegensatz von Kommunismus und Kapitalismus sich aufgelöst hat - ein solches Buch müsste, denkt man, berühmt sein.

Es gibt dieses Buch, aber bekannt ist es kaum ein paar Spezialisten, neu aufgelegt wurde es erst jetzt wieder. Der Name des Verfasser lautet Francis D. Pelton, aus dem Englischen übersetzt haben soll es ein Robert Holl. Es erschien 1934, und zwar in der Schweiz. Das Buch gab vor, vom Jahr 2032 zu handeln, darum lautet sein Titel "Sprung über ein Jahrhundert". Sein Inhalt ist unter der Verkleidung von Science-Fiction ein dialogisierter Traktat über eine andere Möglichkeit des 20. Jahrhunderts, die zum Zeitpunkt seiner Entstehung ziemlich das genaue Gegenteil dessen darstellte, was sich gleichzeitig beim Aufstieg von Nationalsozialismus und Stalinismus vollzog.

Es ist fast schade, dass diese Neuauflage nicht umhinkommt, den Namen des wahren Verfassers zu nennen. Denn es wäre ein interessantes Experiment, das Buch ohne solches Wissen zu lesen, als Text eines Unbekannten, gar Verschollenen. Aber es hilft nichts, man muss den Urheber dieser Fiktion nennen, auch wenn er nun seinerseits den meisten nur noch wenig sagen dürfte. Der Autor des "Sprungs" ist Franz Oppenheimer (1864 bis 1943), ein jüdischer Deutscher, der aus Berlin stammte und in Los Angeles starb. Er war einer der Begründer der jungen Disziplin der Soziologie in Deutschland, davor und daneben aber auch Mediziner und Volkswirtschaftler. Daher war sein Blick auf die Gesellschaft auch erfahrungsreicher als der eines bloßen Theoretikers. Er hatte als Armenarzt gearbeitet und wusste Bilanzen zu lesen, kannte sich in Börsen und Bankhäusern aus. Kurz nach dem Erscheinen seines Romans emigrierte er über Palästina nach Amerika.

Vor 1933 hatte er eine bedeutende Schülerschar beeindruckt, darunter Ludwig Erhard, den Vater der sozialen Marktwirtschaft, der ihn immer in Ehren hielt. Die junge Bundesrepublik widmete ihm sogar eine Briefmarke, und an Gedenktagen erinnert man sich an ihn, auch eine Ausgabe seiner Schriften liegt vor.

Der Roman enthält nicht nur die Vision einer europäischen Friedensordnung, sondern auch die eines Sozialismus mit marktwirtschaftlichen Elementen oder umgekehrt: einer sozialistisch regulierten Marktwirtschaft. Diese Teile sind bis in die Einzelheiten von Geldverkehr, Zins, Bankwesen, Eigentumsordnung so detailliert ausgearbeitet, dass man sich dazu den Kommentar eines Wirtschaftswissenschaftlers wünschen würde.

Auch eine Trockenlegung des Mittelmeers zur Erweiterung der Siedlungsfläche ist angedacht

Hier nur das Allerwichtigste: In Pelton/Oppenheimers Welt gibt es nur noch Kleineigentümer. Die Grundlage des Wirtschaftens sind Landparzellen, die jedermann hat, während - dank technischem Fortschritt - in den produzierenden und dienstleistenden Berufen nur noch zwanzig Stunden pro Woche gearbeitet wird. Das Geld ist strikt nach Goldstandard reguliert, Banken gibt es nur für wenige Risikogeschäfte, ansonsten hat jeder Bürger Anteil an einer Gesamtkasse für Konsum, Ersparnisse, Versicherungen. Die Zinsen sind niedrig, weil es keine Spekulation mehr gibt.

Trotzdem herrscht keine Staatswirtschaft, sondern Wettbewerb, aber - erstmals in der Geschichte - nur noch unter gleich Starken. Monopole, übermächtige Unternehmen gibt es nicht mehr. Die Schrecken der Konkurrenz zwischen wenigen Starken und Millionen Schwachen sind ebenso überwunden wie der kommunistische Terror.

Das hat viele Weiterungen, zum Beispiel die weitgehende Auflösung der Städte zugunsten von Gartensiedlungen oder genossenschaftliche Betriebsmodelle, vor allem aber hat es politische Voraussetzungen. Nach der Entdeckung einer Massenvernichtungswaffe durch einen deutschen Physiker, einigten sich Frankreich und Deutschland 1946 auf eine Vereinigung, indem sie ihre Grenzregion als "Lotharingien" zu einem zweisprachigen Zwischenreich mit offenen Grenzen machten. Erst damit wurde das "Unrecht von Versailles" geheilt. Die Polen fanden das so attraktiv, dass sie nachzogen und im Osten dasselbe taten.

So wächst ein Europa zunehmend selbständiger Regionen heran, in der die Menschen frei reisen können und viele Sprachen sprechen. Man fliegt, fährt Auto, telefoniert mit Bildgeräten, war schon auf dem Mond, der Staat ist nur noch ein Verwalter, die Politik geschieht am besten vor Ort, in Gemeinden, Gauen und Provinzen. Aber auch eine Trockenlegung des Mittelmeers zur Erweiterung der Siedlungsfläche ist angedacht.

All das erfahren die Leser, weil ein Professor Bachmüller 1932 zufällig auf seinem schwäbischen Grundstück die Zeitmaschine von H. G. Wells gefunden und sich am 16. Juni genau ein Jahrhundert weiter geschossen hat, am selben Ort, weshalb er sogleich erstaunte und erfreute Nachfahren trifft.

Man könnte lange fortfahren, die Details dieser in vielen Zügen urdeutschen, sogar patriotischen, ein bisschen sogar mystischen Technik-Garten-Fortschritts-Idylle aufzuzählen. Denn natürlich zeigt das Buch wie alle vergangene Zukunft tiefe Spuren seiner Entstehungszeit, so wenn es postuliert, besser als "Herrschaft" sei "Führung", weil diese das Einverständnis der Geführten voraussetze. Die neuen Führer aber werden in "Seher, Denker, Wecker und Ordner" aufgeteilt - man sieht förmlich einen Lichtdom dabei, durchbraust von Max-Weber-Sound. Am besten man liest das Buch selber und staunt, was schöpferische Vernunft im düstersten Moment der europäischen Geschichte ausdenken konnte. Es ist eigentlich unglaublich.

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Quelle:
SZ vom 28.11.2017
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