Süddeutsche Zeitung

"Der Angestellte" von Guillermo Saccomanno:Kafka on the rocks

Der Argentinier Guillermo Saccomanno ist nun erstmals auf Deutsch zu haben. Er erzählt in seinem Werk "Der Angestellte" eine eiskalte Endzeit-Parabel, gnadenlos gut übersetzt von Svenja Becker.

Das ist kein Buch für schwache Nerven. Und es hilft wenig, dass einem der beschriebene Albtraum wie längst geträumt vorkommt, mit offenen Augen vor der Kinoleinwand. Mehr noch als die Literatur wird der Film nicht müde, uns mit der Apokalypse bekannt zu machen. Terrorisierte Großstädte und verrohte Menschen. Mit seinem Roman "Der Angestellte" ist der argentinische Schriftsteller Guillermo Saccomanno erstmals auf Deutsch zu haben, gnadenlos gut übersetzt von Svenja Becker. "Als sie auf die Straße treten, sind die Hubschrauber im Nebel der Nacht kaum zu sehen, aber sie kreisen dort oben. Die Motoren, das Schnappen der Rotoren, sie sind nicht zu überhören: dunkle Stahlinsekten mit gelben, erwartungsvollen Augen.

Ein Scheinwerfer sticht durch den Nebel, nimmt sie ins Visier, dreht wieder ab. Die leeren Straßen des Zentrums, die Banken, eine Festung nach der anderen. In Eingängen und unter Vordächern immer wieder Schlafende zwischen Kartons." In Thomas Vinterbergs eher unterschätztem Film "It's All About Love" wird eine ähnliche Endzeitstimmung beschworen. Am Fuß der Rolltreppe liegt ein Toter, und die Passanten steigen einfach über ihn hinweg. So gleichgültig wirken sie dabei wie Saccomannos Figuren nach einem Anschlag, der zum Alltag gehört wie die Mittagspause. Höchstens, dass sie sich in einen Aufzug flüchten, um hysterisch zu lachen.

Gier nach Besitz

Doch während Vinterberg im Herzen seines Films eine romantische Liebe überwintern lässt, hat Saccomanno für solcherart Trost wenig übrig. Zwar schickt er den Angestellten, unglücklich mit seiner dicken Frau und der ebenso dicken Brut, in eine Affäre mit der Chefsekretärin, zwar lässt er ihn vom Verliebtsein und natürlich von der Liebe stammeln, aber gemeint ist etwas anderes: Besitz ergreifen, kalter Sex. Grell und spotartig leuchtet sexuelle Mechanik auf, mal ein bisschen SM, mal ein bisschen Fisting. Um drei Uhr früh schiebt der Angestellte seine Faust in ihre Vagina.

Die junge Sekretärin ist eine Schlampe. Auf Vorteil bedacht, lässt sie bevorzugt den Chef ran. Beim Kickboxen will sie Blut sehen. Sie jubelt, sie ist erregt. Eines Nachts, in einer Gasse, zieht sie ihrem Verfolger, dem Angestellten, eins über mit der Eisenstange. Aber wer nach Besitz giert, lässt sich davon nicht entmutigen.

Guillermo Saccomanno schreibt eine harte, wie gepflasterte Prosa. Kurze Sätze, atemloses Präsens; die Kapitel sind nie länger als sieben Seiten, manchmal nur eine halbe Seite. So konsequent ist er in Sprache und Inhalt, dass man sich schon nach etwas Inkonsequentem sehnt, nach Überraschung, etwas Lebendigem. Zum Teil, etwa wenn er Nachrichten im Fernsehen aufzählt, schwappt das Grauen so weit über, dass man stumpfe Augen bekommt. Trotzdem, das ist nicht einfach nur ein Action-Roman. Dafür ist die Erzähltemperatur zu niedrig. Für die Kälte muss man ihn bewundern.

Wie Kafka auf dem Höllentrip

Im Büro, wo sie hintereinander an Schreibtischen sitzen, wird ab und zu einer ausgetauscht. Über Lautsprecher erfahren sie, wer gehen muss. Und dann umstellt ein Sicherheitsteam den Gekündigten, damit er begreift, dass es vorbei ist für ihn. Dunkel spukt Kafka durch die Geschichte, ein Kafka auf einem apokalyptischen Trip. Völlig fertig erreicht der Angestellte sein Zuhause: "Er liegt rücklings auf dem Boden. Die Brut hat sich um ihn geschart, betrachtet ihn wie ein sterbendes Ungeheuer." Einmal, in der letzten U-Bahn, kriecht er auf allen vieren umher, knurrt und jault. Hat dieser erbärmliche Mensch, so wie bei Bulgakow, ein Hundeherz? Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat aus Kafkas Tagebuch: "Ein Erlebnis, das man wegen seiner äußersten Einsamkeit nur russisch nennen kann."

Dem Angestellten sitzt ein Kollege im Rücken, der russische Sprache und Literatur studiert. In einem unbedachten Augenblick gesteht er ihm die Liebschaft mit der Sekretärin. "Sich in ein Geständnis zu stürzen", sagt der Kollege, "ist die Essenz der russischen Seele." Dieser Kollege, offenbar ein guter Kerl, ist dann doch eine Überraschung. Aber seine Tage sind gezählt. Der Angestellte hat, indem er ihn ins Vertrauen zog, einen Fehler begangen; der Kollege weiß jetzt ein bisschen zu viel. Nach einer Denunziation wird er vom Chef beseitigt.

"Mitleid", sagt sich der Angestellte, "bringt einen nicht weiter." Spät nachts klingelt er an der Tür der Sekretärin. Zögernd lässt sie ihn eintreten. Auf dem Couchtisch stehen zwei Gläser mit einem Rest Brandy. Er verdächtigt den schönen Zigeuner, der ihm unten begegnet ist. Diese Schlampe. Aber egal. Er will mit ihr in ein neues Leben. Und weil er mit Schecks betraut ist und die Unterschrift des Chefs täuschend echt nachahmen kann, sieht er sie beide schon in Mexiko. Sie muss nur Ja sagen. Aber dann legt sich von hinten eine Hand auf seine Schulter.

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Quelle:
SZ vom 26.06.2014/nema
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