Süddeutsche Zeitung

Debatte:Spielen, was war

In der Dresdner Staatsoperette sollen im Silvesterkonzert UfA-Melodien gespielt werden. Man präsentiere nur, was war, sagt Dirigent Christian Thielemann.

Von Helmut Mauró

Dresden ist anders. Möglicherweise ist es die einzige Stadt der Welt, die ein eigenständiges Operettentheater bespielt. Es wurde über die Wende gerettet und konnte 2016 sogar einen Neubau in der Innenstadt beziehen, wo man nun dieser Kunstformfrönen kann, die wie kaum eine andere mit der engstirnigen, miefig-dumpfen und dunklen Seite der deutschen Kulturgeschichte verbunden wird. Wenn man schließlich im Saal der Staatsoperette sitzt, ist man nicht nur verblüfft über die Anstrengung, mit der hier die Operette am Leben erhalten wird, sondern auch darüber, wie sich auch das Publikum nach Kräften müht, mit Lachern die Maschine zu schmieren.

Völlig überraschend ist die Idee daher nicht, das glamouröse Silvesterkonzert in der Staatsoperette unter Leitung des alten und neuen Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Christian Thielemann mit Melodien aus UfA-Filmen zu bestücken. Thielemann sieht denn auch kein Problem dabei, wie in seinem am Donnerstag erschienen Interview mit der Zeit deutlich wurde. Man beschönige schließlich nichts, man präsentiere nur, was war.

Aber was war eigentlich noch mal genau? Dies: Die Ufa-Melodien stammen fast durchweg von den Operettenkomponisten der Dreißiger Jahre. Auch die dazugehörigen Filme wie "Es war eine rauschende Ballnacht" von 1939, "Frauen sind keine Engel" von 1942, "Die große Liebe" von 1942 oder "Die Frau meiner Träume" von 1944 würde man heute dem Genre Filmoperette zuordnen. Anders gesagt: Was andernorts befremden würde, ist hier also ein Ereignis: Ein ganzer Abend mit Ufa-Melodien, ein Winterfest der Filmmusik aus schlechteren Zeiten.

Auf dem Programmzettel stehen auch jüdische Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Ralph Erwin sowie andere Exilanten wie Hans May ("Ein Lied geht um die Welt") und Nonkonformisten wie Robert Stolz, aber die beim Dresdner Silvesterkonzert gespielte Musik stammt vielfach aus der Zeit des Nationalsozialismus (teils wurde sie damals unter Pseudonym veröffentlicht) und war oft Propagandamusik, mal subtil, mal ganz direkt. Sie untermalte etwa Durchhaltefilme, oft in Form von Historienschinken wie "Münchhausen", oder scheinbar unpolitische Sujets wie "Ich liebe alle Frauen" von 1935 mit dem Hit von Robert Stolz.

Das ist alles nicht neu, aber offenbar schon wieder vergessen. So schrieb Theo Mackeben in der NS-Zeit nicht nur Musik zu (vordergründig unpolitischen) Unterhaltungsfilmen, sondern auch Filmmusik zu Propagandafilmen wie "Patrioten" oder "Ohm Krüger". Franz Grothe, der im Mai 1933 der NSDAP beitrat, schrieb außer Filmmusik auch Durchhaltelieder. Das berühmteste davon "Wir werden das Kind schon schaukeln", komponierte er 1941, ein anderes, ebenso eindeutiges 1942 "Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist". Im selben Jahr wurde Franz Grothe auch stellvertretender "Fachschaftsleiter Komponisten" der Reichsmusikkammer, Sendegruppenleiter "Gehobenere Unterhaltungsmusik und Operette" beim Großdeutschen Rundfunk sowie künstlerischer Leiter des Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchesters.

Andere Fälle sind weniger eindeutig. Dem Schlagerkomponisten Michael Jary ("Roter Mohn"), der als Klassik-Dirigent reüssieren wollte, wurde die Ausreise verweigert, er arbeitete dann in Deutschland weiter, schrieb UfA-Evergreens wie "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern", "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n" oder "Davon geht die Welt nicht unter". Man hat ihm das nie übel genommen. Im Gegenteil: Noch 1987 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Ob man es sich aber so einfach machen kann, wie das Christian Thielemann in seinem Interview tat?

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SZ vom 29.12.2017
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