Süddeutsche Zeitung

Phrasenmäher:Durch die Hintertür

Wer von Corona-Regeln behauptet, da komme der Impfzwang "durch die Hintertür", macht aus der Pandemiebekämpfung ein Schurkenstück. Über eine üble Phrase.

Von Harald Eggebrecht

Dass sich jemand ein Hintertürchen offenhält, kennt man aus Vertrags- und anderen Verhandlungen. Es klingt übrigens nie gut, wenn von Hintertüren die Rede ist. Sei es, dass jemand durch eben diese Öffnung im Haus geflohen ist oder sich verdrückt hat, was nach Feigheit klingt. Kaum ein Krimi, in dem daher die Hintertür nicht im Auge behalten oder gleich bewacht wird, um Fluchten zu verhindern. Umgekehrt wird es auch nicht besser: Wer durch die Hintertüre kommt, gilt als Überrumpler oder Einschleicher. Einbrecher nutzen im Allgemeinen eher den hinteren Schlupf an der Rückseite des Hauses als den von der Straße offen einsehbaren Haupteingang auf der Repräsentativseite. Dass nun im Zusammenhang mit den Corona-Bedingungen von 2G ständig behauptet wird, der vermeintliche

Impfzwang durch die Hintertüre drohe, nutzt diesen Verdächtigungsrahmen, den nahezu jede Hintertüre umgibt. Doch weder gibt es Impfzwang noch Impfplicht, sondern nur die Verleumdung, hier wollten sich Gesundheitsminister und andere Politiker wie Diebe ins Haus schleichen und quasi von hinten den Piks setzen. Das erinnert daran, dass es auch noch fragwürdige erotische Anspielungen gibt. Wie man sie dreht und wendet, die Hintertür hat im Gerede nahezu immer die Funktion des Unterstellens von Unlauterkeiten. Doch wer durch sie entwischt, dürfte für das Vorhandensein einer solchen Fluchtgelegenheit dankbar sein.

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