Süddeutsche Zeitung

Comic:Helden, die "Servas" sagen

Seit dem Ende des Kalten Kriegs gibt es sowieso keine richtigen Gegner mehr, oder? Was ist mit dem Basilisken? Die "Austrian Superheroes" retten die Welt - auf Österreichisch.

Mittlerweile gibt es Superhelden, die offen homosexuell sind. Immer mehr Frauen. Persons of Color. Verschleierte Muslimas. Und jetzt auch noch Österreicher. Die "Austrian Superheroes" sind die ersten Superhelden, die "Servas" und "Oida" sagen. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie rettet man die Welt auf österreichisch?

Zwei grundsätzliche Wege kennen die ungeschriebenen Regelwerke des Genres, wie man zum Superhelden wird. Im ersten Fall steht der Held in einer Art mythologischer Beziehung zu dem Land, dem er entsprungen ist. Dieses Modell kannten auch die alten Germanen schon. Heutzutage funktionieren viele Helden aus dem arabischen Kulturkreis oder Afrika so. Im anderen Fall wird irgendein Normalo über Nacht zum Super-Normalo, etwa durch einen Unfall, oder nur dadurch, dass er sich ein Logo auf die Brust malt. Das wäre die amerikanische Variante, die im Comic die klassische ist. Der Traum von Aufstieg und sozialer Mobilität.

Die "Austrian Superheroes" sind eine Mischung aus beiden. Spielen wir mit dem Gedanken, sie als allegorischen Querschnitt der österreichischen Gesellschaft lesen zu dürfen: Der Anführer der Bande ist "Captain Austria", also quasi "Captain America", nur halt auf österreichisch. Unter dem Cape steckt ein junger Mann, der den braven Namen Kurt trägt und ansonsten "urspät" zu seinen Proseminaren an der Uni kommt. Von seinem Papi hat er die neuesten technischen Gadgets, zum Beispiel eine ausklappbare Satellitenschüssel im Arm. Besonders dicke ist er mit dem "Donauweibchen", einer Wiener Sagengestalt, die ganz aus Wasser besteht, was praktisch ist, denn dadurch ist sie immer nackt. Als Dritte stößt "Lady Heumarkt" dazu, eine der Kämpferinnen beim legendären "Catchen am Heumarkt". Als sie ein kleines, schüchternes Mädchen war, entwich einem nahegelegenen Labor eine Art Atomfurz. Fortan war sie groß, füllig und brach Männern die Arme. Ein Gleichnis auf die hormonellen Wirrungen junger Wienerinnen in der Pubertät? Der Schweigsamste im Bunde fällt eher wieder unter das mythologische Heldenmodell: Unter den Wächtern Wiens darf "Der Bürokrat" natürlich nicht fehlen. Er trägt einen Zweiteiler, einen Aktenkoffer und verschießt "graues, waberndes Zeug".

Wen diese geballte Portion österreichische Landeshauptstadt bekämpft und warum, ist eigentlich Nebensache. Viel entscheidender ist das Wo. Es geht gegen einen Basilisken, der übrigens auch eine Wiener Sagengestalt ist, aber um zum Tatort zu gelangen, fahren sie mit einem Zug der Österreichischen Bundesbahn - heldenhaft auf dem Dach. Die Comics halten sich nicht mit einer dramaturgisch allzu ausgefeilten Handlung auf. Wie Captain Austria Senior in einer Szene bemerkt, gibt es seit dem Ende des Kalten Kriegs sowieso keine richtigen Gegner mehr. Der Basilisk? Ach, komm! Die Spannung würde nur vom viel wesentlicheren Konflikt der Serie ablenken. Nämlich dem Aufeinanderprallen zwischen dem echt österreichischen Biermoder und dem "American Dream", in hautengen Klamotten über dem Gesetz zu schweben.

Stichwort Übermensch, war da nicht noch was? Richtig, auch wir Deutschen hatten ja unseren Mann aus Stahl. Er hieß "Hauptmann Deutschland" und sah aus, als hätte er sich einen Tunnel aus einem Leni-Riefenstahl-Film ins Marvel-Universum geboxt. Dort hielt man es 1991 für eine gute Idee, dem wiedervereinigten Deutschland eine eigene Heldengruppe zu spendieren: Die "Schutz Heiliggruppe", der außerdem "Zeitgeist" und - besonders glücklich benannt - "Blitzkrieg" angehörten.

Die BRD selbst sah sich von dieser SS-Truppe nicht angemessen beschützt. Daher beschloss man auf der Frankfurter Buchmesse 1991, aus "Hauptmann Deutschland" den "Freiheitskämpfer" zu machen. In den USA wurde er für die englische Fassung in "Vormund" umbenannt. Der ehemalige "Hauptmann" und jetzige "Freiheitskämpfer" hielt sich allerdings nicht lange. 1995 verschwand er wieder von der Bildfläche.

Vielleicht sitzt er ja gerade in einem Beisl in Graz und trinkt ein stilles Wasser. Und vielleicht raufen sich all diese Helden ja irgendwann zusammen, um endlich den verdammten Basilisken zu besiegen.

Bisher sind vier Ausgaben der "Austrian Superheroes" erschienen, weitere sind geplant. Zu beziehen online unter www.austriansuperheroes.com. Das Einzelheft kostet 4,90 Euro, der Sammelband 16,90 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3278761
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.12.2016
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.