Süddeutsche Zeitung

Bücher des Monats:Große Errungenschaften

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Die deutsche Justiz im NS-Staat, die Rettung der spanischen Literatur und der Kopfschmuck von Cher: die Bücher des Monats.

Jens Balzer - Ethik der Appropriation, Matthes & Seitz

Die Kritik an kultureller Aneignung in der Popkultur ist von einem akademischen Nischengegenstand zu einem Reizthema geworden, das ganze Heere von Kolumnisten zuverlässig mit Stoff versorgt. Kurz gesagt besteht die Kritik darin, dass es eine Art von fortgesetzter kolonialer Enteignung sei, wenn sich weiße Künstler der Bildsprachen kolonisierter Kulturen bedienen. Diese Kritik wird von vielen gern als Einschränkung der Meinungsfreiheit verstanden und so geht es hin und her. Der Kulturtheoretiker und Popkritiker Jens Balzer hat sich das Phänomen der kulturellen Aneignung genauer angesehen, herausgekommen ist ein bedenkenswerter Essay.

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Omri Boehm - Radikaler Universalismus, Propyläen

Bei der Frage des Universalismus verlaufen die Konfliktlinien ganz ähnlich wie bei der kulturellen Aneignung. Während Teile der postkolonialen Schule davon ausgehen, dass aufklärerischen Denkschulen und ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit, Menschenwürde und Gleichheit der Eurozentrismus und Abwertung kolonialisierter Subjekte stets eingeschrieben ist, verteidigen andere den Universalismus als größte humanistische Errungenschaft der letzten 300 Jahre. Der Philosoph hat sich in diese Debatte mit einem vielbeachteten Essay eingeschaltet, in dem er zu einem radikalen Universalismus aufruft.

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Javier Marías - Tomás Nevinson, S. Fischer

Javier Marías gilt als Spaniens bedeutendster Schriftsteller der Nach-Franco-Ära. Seine Leistung ist keine geringe: Unter Franco verschwand der spanische Roman nahezu vollständig von der Bildfläche, die Meisterwerke der spanisch-sprechenden Welt kamen aus Lateinamerika, von Gabriel Garcia Marquez oder Maria Vargas Llosa. Javier Marías rückte die spanische Literatur wieder ins Zentrum des internationalen Interesses. Mitte September ist er überraschend gestorben, kurz bevor sein neuer Roman auf Deutsch erscheinen sollte, der jetzt auf einmal sein letzter ist und der dadurch besondere Bedeutung erlangt hat. Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler schreibt, "Tomás Nevinson" ist der würdige Abschluss eines großen Lebenswerks.

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Jennifer Egan - Candy Haus, S. Fischer

2010 wurde die amerikanische Schriftstellerin Jennifer Egan mit dem Roman "Der größere Teil der Welt" bekannt, der die Erzählformen des Serienzeitalters aufgriff und eine adäquate Sprache fand für die Orientierungslosigkeit der Post-9/11-Zeit. Der Roman wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und der Beifall war einhellig. Jetzt hat Egan eine Fortsetzung veröffentlicht. "Candy Haus" fängt auf ähnliche Weise die Themen eines Jahrzehnts in der Form eines Romans ein. Dieses Mal geht es um die digitale Revolution, um den Aufstieg neuer Tech-Visionen und ein kollektives Bewusstsein.

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Benjamin Lahusen - Der Dienstbetrieb ist nicht gestört, C.H Beck

Was passierte eigentlich am 8. Mai 1945 - fünf Jahre Krieg waren vorbei und nun war plötzlich Frieden? Ja irgendwie schon, aber die Menschen waren ja noch die gleichen wie vorher in der Hitler-Diktatur. Der Juraprofessor Benjamin Lahusen zeigt anhand bislang unausgewerteter Quellen, wie sich die deutsche Justiz vor und nach dem Ende des NS-Staats verhielt. Und er erklärt, wie die Betroffenen die Normalität des Dritten Reiches oft nahezu geräuschlos in die neue Normalität des Friedens überführten. Die stilistisch brillante Arbeit zeigt einmal mehr überdeutlich: Es gab keine "Stunde null".

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Christoph Schönberger - Auf der Bank, C. H. Beck

Der Deutsche Bundestag ist anders als andere Parlamente. Er ist irgendwie immer noch so wie damals im Kaiserreich. Zumindest was die Anordnung von Fraktionen und Regierung angeht. Der Verfassungsrechtler Christoph Schönberger hat sich nun die Regierungsbank genauer angesehen und nähert sich anhand von architektonischen Fragen der deutschen Demokratiegeschichte. In einer brillanten Studie schildert der Autor, warum sich die Regierung immer noch in einer "Aura einer überparteilichen Neutralität" sonnt und warum die "Randlage" der Regierungsbank im Plenum den Dialog mit den Abgeordneten behindert. Das Herz der Demokratie jedenfalls sieht man nach der Lektüre dieses Buchs mit anderen Augen.

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