Süddeutsche Zeitung

Literatur:Erst der Sturm, dann die Weißen

Lesezeit: 3 min

Bryan Washington ist einer der auffälligsten jungen Schriftsteller der USA. In "LOT" erzählt er traumwandlerisch gekonnt vom prekären Leben im East End von Houston.

Von Frauke Meyer-Gosau

Mit Bryan Washingtons Erzählungsband "LOT. Geschichten einer Nachbarschaft" in der Hand könnte man ohne Weiteres das East End von Houston, Texas, erwandern, von einer Story zur anderen, von der U-Bahn-Station zum Park, zu einer Mall oder auch, warum nicht, zu einem Parkplatz: Die Titel der Geschichten folgen dem Stadtplan. Ratsam allerdings erscheint ein solcher ein Spaziergang nicht unbedingt. Die Verbrechensrate im East End liegt fast 50 Prozent über dem Landesdurchschnitt, die Gewaltkriminalität sogar um mehr als 90 Prozent. Davon gewinnt man in den Geschichten selbst eine ziemlich genaue Vorstellung: "Hier werden geklaute Autos zerlegt", heißt es einmal, "und zwischen kaputten Waschsalons lungern die Abuelas wie Vogelscheuchen an den Ecken herum, kurz, es gibt keinen Grund herzukommen, es sei denn, du bist ein Kind von hier. Oder pleite. Oder du bist hier gestrandet wie Ma."

Von Houstons glänzender Fassade, seinen Ölmillionären und Nasa-Managern sieht man hier nichts. Im East End sammeln sich legale und illegale Einwanderer, Menschen aus Mexiko, Haiti, Thailand, Puerto Rico, Vietnam, Guatemala, Kuba oder Jamaika, Weiße sind in der Minderheit, und entsprechend zusammengewürfelt ist auch die Sprache, die hier gesprochen wird - ein Grundbestand an spanischen Vokabeln kann beim Lesen hilfreich sein.

Alltagsrassismus und jäh in physische Brutalität umschlagende Homophobie

Ein Stück Heimatliteratur der besonderen Art ist "LOT" also, und der selbst auch in Houston lebende, 1993 geborene schwule Autor Bryan Washington rückt den Alltagsrassismus der Bewohner des Viertels wie auch deren jäh in physische Brutalität umschlagende Homophobie in vielen seiner Erzählungen ins Zentrum.

In sieben lose miteinander verbundenen Geschichten erzählt Washington auch, wie die Beziehungsmuster einer jamaikanisch-mexikanischen Einwandererfamilie Gestalt annehmen. Der älteste, etwa 20-jährige Sohn Javi ist ein Großmaul und Nichtsnutz. Er handelt mit Drogen und bringt ansonsten seine Zeit im Bett mit Mädchen aus der Nachbarschaft zu. Später geht er zur Army und kommt bei einem Unfall um. Seine Schwester Jan hat das College absolviert, ist dann aber von einem "Whiteboy" schwanger geworden, inzwischen lebt sie mit ihrer Familie in einem anderen Stadtteil. Der Jüngste, dessen Namen Nicholás wir erst in der letzten Erzählung erfahren, ist der Ich-Erzähler: verträumt, gerade dabei, seine schwule Sexualität zu entdecken, und die Stütze seiner Mutter in dem Restaurant, das sie im Erdgeschoss ihres kleinen Hauses betreibt. Der Vater hat die Familie wegen einer weißen Frau aus einem besseren Viertel verlassen.

Wie überhaupt von hier weggeht, wer es nur irgendwie hinkriegt. Über Nicholás' Mutter heißt es: "Mas Tochter hatte sie verlassen. Ihr Sohn hatte sie verlassen. Ihr Mann hatte sie verlassen. Also konnte ich sie nicht auch noch verlassen." Und doch wird es die Mutter sein, die das Restaurant verkauft und zurück zu ihren Schwestern nach Jamaika zieht; der jüngste Sohn muss allein klarkommen. Man hat keinen Zweifel, dass ihm das gelingen wird, was mit der zupackenden und präzisen Art zu tun hat, in der er von seinem Viertel und seinen Leuten erzählt: Wer so wach ist, wird schon nicht untergehen.

Auch Bryan Washingtons Debütroman "Dinge, an die wir nicht glauben", der 2020 auf Deutsch erschien (und im Original "Memorial" hieß, benannt nach einer traditionsreichen Houstoner Mall), spielt in einem Restaurant und erzählt von jungen schwulen Schwarzen - allerdings gibt es in diesem Buch noch einen zweiten, exotischen Schauplatz, nämlich Osaka.

2019 stand er auf der Liste der fünf vielversprechendsten amerikanischen Autoren und Autorinnen unter 35

Diese Erzählungen nun sind früher entstanden und oft zunächst in namhaften Magazinen erschienen. 2019 brachten sie ihn schon auf die renommierte Liste der fünf vielversprechendsten amerikanischen Autoren unter 35 der National Book Foundation. Mit 25! Washington durchmisst im neuen Band ein geografisch und sozial eng umrissenes Territorium. Es steht etwa in einer Art East-Side-Story ein schwarz-weißes Liebespaar einem Chorus von Nachbarn gegenüber, die lange stumm mit Blicken verfolgen, wie die jamaikanische Schönheit Aja und der "Whiteboy" James ("Er hatte was") einander in ihrer glühenden Leidenschaft nicht mehr widerstehen können - dann hinterbringen sie es Ajas Ehemann Paul, und dessen Rache nimmt ihren Lauf.

In der Geschichte über junge Stricher, die ein fürsorglicher und nur wenig Älterer von der Straße aufliest und gegen einen geringen Betrag bei sich wohnen lässt, bis er sich mit Aids infiziert, implodiert am Ende die Wohngemeinschaft. In einer anderen Erzählung schließlich reden sich zwei Jungs ein, sie hätten ein Fantasiewesen namens "Chupacabra" gefangen, und versuchen, damit mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, um reich und berühmt zu werden - eine Pubertätsgeschichte mit einem fantastischen Finale.

Mit großem erzählerischen Selbstbewusstsein experimentiert Bryan Washington hier mit verschiedensten Stoffen, Perspektiven und Tonlagen. Im Jahr 2017 fällt der Hurrikan Harvey in die Stadt ein und reißt mit sich, was nicht mehr genug Widerstandskraft besitzt: Häuser, Bäume, Autos, Menschen. Danach beginnt in ersten Ansätzen die Gentrifizierung, auch Houstons East End wird sich verändern, mehr und mehr "Blancos" werden in die bald schmuck hergerichteten Häuser einziehen. "Irgendwann müssen Niggas nehmen, was sie kriegen", hat Nicholás' "Ma" ihrem Sohn als Lebensregel mitgegeben. Für diesen Autor aber mit seinen traumwandlerisch gekonnt erzählten Szenen aus den unteren Zonen der Gesellschaft trifft das ganz und gar nicht zu: Bryan Washington hat keinen Grund, bescheiden zu sein.

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Quelle:
SZ/masc/crab
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