Süddeutsche Zeitung

Architektur:Der Meister des preußischen Stils

Karl Friedrich Schinkel übte weitreichenden Einfluss auf die Gestaltung der Residenzstädte und der einstigen preußischen Territorien aus. Heute werden seine Bauten gepflegt.

Von Johanna Pfund

Wer aus dem Museum Barberini tritt, kommt an einem Meisterstück nicht vorbei. Die Nikolaikirche gegenüber am Alten Markt ist eines der Hauptwerke von Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1840), der das Gebäude einst nach den Wünschen des Italien liebenden späteren Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. entwarf. Der Herrscher wollte mehr Petersdom, Schinkel aber gelang es, die Formen der klassischen Antike zu berücksichtigen. Dieser Neoklassizismus, der Schinkels Bauten charakterisiert, prägt bis heute die einstigen Residenzstädte Potsdam und Berlin, aber auch Schlösser, Herrensitze und Kirchen im gesamten Territorium des damaligen Königreichs Preußen; denn als Leiter der preußischen Baudeputation übte Schinkel weitreichenden Einfluss aus. Er schuf, wie der Historiker Christopher Clark schreibt, mit seinem geradlinigen Neoklassizismus einen eigenen preußischen Stil.

Schinkel war nicht nur Architekt. In seinen frühen Jahren arbeitete er als Bühnenbildner und der Malerei widmete er sich sein Leben lang. Zudem kümmerte sich der unermüdlich Reisende und Schreibende auch um die Innengestaltung mancher Bauten. Die Möglichkeiten dazu bekam er schon relativ früh. Im Alter von 34 Jahren wurde Schinkel zum Leiter der preußischen Oberbaudeputation ernannt. Das Jahr markierte auch das Ende der Befreiungskriege, die Preußen in den Jahren zuvor schwer beeinträchtigt hatten. Wie sehr, das lässt sich etwa darin ablesen, dass der Architekt bereits 1818 in Berlin das Denkmal für die Befreiungskriege schuf. Von 1820 an wirkte Schinkel zudem als Professor an der Bauakademie. Sein Einfluss auf nachfolgende Architektengenerationen ist nicht zu unterschätzen, so manche werden der sogenannten Schinkelschule zugerechnet.

In Potsdam entwarf der Architekt nicht nur die Nikolaikirche, sondern auch die Römischen Bäder, die später sein Schüler Ludwig Persius weiter plante, oder das Schloss Charlottenhof. In Berlin zeugen das Alte Museum oder das Schauspielhaus von seiner Ästhetik. Aber auch in die preußische Provinz wurde Schinkel als Leiter der preußischen Oberbaudeputation gerufen. Auf Rügen gestaltete er den Leuchtturm, diverse Schlösser wie Glienicke an der Stadtgrenze zwischen Potsdam und Berlin wurden von ihm einer klassizistischen Runderneuerung unterzogen.

Auftraggeber waren oft die führenden Köpfe Preußens, die die Reformen nach den Befreiungskriegen vorantrieben. Wilhelm von Humboldt, Diplomat und Reformer des preußischen Schulwesens, ließ sein Heimatschloss Tegel von Schinkel umgestalten. Ein weiterer einflussreicher Reformer, der die Dienste Schinkels in Anspruch nahm, war Karl August Fürst von Hardenberg, der gemeinsam mit Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein die Stein-Hardenbergschen Reformen für das Königreich verantwortet hatte. Als Dank für seine Dienste erhielt Hardenberg die Herrschaft Quilitz am Oderbruch, die er postwendend in Neu-Hardenberg - später einfach Neuhardenberg - umbenannte.

Dort, gut 70 Kilometer östlich von Berlin war Schinkel schon früh in seiner Karriere tätig gewesen. Er hatte bereits 1801 Pläne für den Wiederaufbau der abgebrannten Dorfmitte entwickelt, und kurz darauf die Fassaden der Kavaliershäuser umgestaltet. Die Kriege ließen die begonnenen Arbeiten an der Kirche stocken, erst 1817 konnte das Gotteshaus eingeweiht werden. In den folgenden Jahren widmete sich der Architekt im Äußeren wie im Inneren eingehend der Umgestaltung des Herrensitzes, die von den Grundzügen her - wie die Nikolaikirche oder die Römischen Bäder - bis heute erhalten ist. Wie in Potsdam oder Berlin, so schufen auch in der Provinz die Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné und Hermann Fürst von Pückler-Muskau den angemessenen grünen Rahmen für Schinkels Fassaden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schlössern Preußens blieb Neuhardenberg fast eineinhalb Jahrhunderte lang in der Hand der Familie. Da diese am Widerstand gegen Hitler beteiligt war, wurde sie noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs enteignet. Heute ist Neuhardenberg in Besitz einer Stiftung der Sparkassen-Finanzgruppe, die den einstigen Gutshof zu einem kulturellen Treffpunkt ausgebaut hat. Und selbst der Politik ist man treu geblieben. Vor Schinkels Fassade tagte bereits das Bundeskabinett, auch die CSU-Bundestagsfraktion hielt hier schon ihre Klausur ab. Schinkels klassischer Rahmen scheint Bestand zu haben.

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SZ vom 04.09.2020
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