Süddeutsche Zeitung

Amerikanische Literatur:Sein, mein, unser Untergang

  • Bei Hanser erscheint eine Sammlung mit neunzehn Geschichten von T. C. Boyle aus den vergangenen Jahren.
  • "Sind wir nicht Menschen" erzählt von großen Themen, von Umweltkatastrophen, vom Artensterben, der Absurdität genetischer Reinheitsvorstellungen, von Migration und der Bedrohung planetarer Lebensgrundlagen.

Zufälligerweise ist es ausgerechnet die letzte Geschichte, die uns mit einem harten Knall in die Gegenwart katapultiert. Ein Arbeiter, Sohn mexikanischer Einwanderer, wird gewaltsam von der Polizei ins Gefängnis gebracht. Er hat die Maske nicht getragen, die andere vor dem blutigen Auswurf des Tuberkulosekranken schützen soll. Sofort hat man die Lage in China vor Augen und jetzt auch in Italien, leere Städte, niedergeschlagene Menschen, die Angst vor dem Coronavirus und die brachialen Maßnahmen, die dessen globale Ausbreitung verhindern sollen.

Wahrscheinlich hat es mit 9/11 begonnen, dass die medialen Bilder wirklicher Ereignisse immer öfter Katastrophenfilmen ähneln: Die Bilder, die uns aus China erreichen, die verbrannte Erde Australiens, der abgeholzte Regenwald, Fluten, Orkane, driftende Eisschollen. T. C. Boyle siedelt seine Geschichten auf dem schmalen Grat zwischen Realismus und Phantasmagorie an. Er unterfüttert sie mit dystopischen Elementen, die den Abstand zur Gegenwart verschwimmen lassen. Aber er ist kein Apokalyptiker. Er ist eher der Typ, für den es logisch ist, den Fernseher auszuschalten und in den Wald zu gehen. Ohne Smartphone.

Die amerikanische Neigung, sich in die Natur zurückzuziehen, also die Traditionslinie von Thoreau und Emerson, spielt eine große Rolle für den seit vielen Jahren in einem Haus von Frank Lloyd Wright in Montecito lebenden Schriftsteller. In Deutschland sieht man T. C. Boyle häufig als den Rockstar der amerikanischen Literatur, den wilden Mann, dessen Eltern Alkoholiker waren, der selbst mit LSD und Heroin experimentierte und lange in Los Angeles lebte. Dabei ist er längst ein moralischer Schriftsteller geworden. Die Bandbreite seiner Themen ist enorm, er kennt sich in den verschiedensten Milieus aus. Und er hat einen Kompass, der bei seinen Figuren schnell anspringt, wenn sie ihren Neigungen folgen. Sie scannen die Auswirkung ihrer Handlungen auf andere, auch auf Tiere und die Umwelt.

Also kommen sie ständig in Konflikte. Ein Studentenpaar, das mit dem offenbar an Neurodermitis erkrankten Baby für eine Zeit lang aufs Land zieht, gerät prompt in ein Haus, in dem es vor Ameisen nur so wimmelt. Das schwarze Getier scheint wie die grauenhafte Verwirklichung der Krankheitsmetaphorik. Kann man mit Insekten koexistieren, auch wenn sie derart lästig sind? Und bedeutet es etwas, dass es sich um argentinische Ameisen handelt? Die Nachbarn zumindest führen das herrlichste Bohème-Leben: halbnackt sitzen sie im Garten, die Füße auf den Stühlen, alle Stuhl- und Tischbeine in wassergefüllten Tomatendosen.

Wasser gibt es in dieser Geschichte immerhin genug, während "Was Wasser wert ist, weißt du (erst, wenn du keins mehr hast)" von fünfjähriger Dürre in Kalifornien erzählt. Mann und Frau baden nur noch einmal pro Woche, gemeinsam, und waschen danach ihre Kleidung in der Wanne. Dem Sohn legen sie nahe, die Semesterferien lieber am Studienort zu verbringen, bevor er sich zu Hause gedankenlos unter die Dusche stellt. Transgene Tiere und Kinder, die man bei einer Samenbank bestellt, bilden den Hintergrund der Titelgeschichte, "Sind wir nicht Menschen". In "Wiedererleben" wird eine Box, die per Laserstrahl die eigene Vergangenheit auf die Netzhaut projiziert, zum Zankapfel zwischen einem alleinerziehenden Vater und seiner Tochter. Während einer Sturmflut in Alaska erlebt ein Junge seine sexuelle Initiation, panisch und doch geborgen in der Dunkelheit einer Besenkammer seiner Schule.

In Boyles Storys kann man den Stand von Beziehungen daran ablesen, was der Partner oder die Partnerin mit libidinös besetzten Gegenständen anfängt. Landet das vom Himmel gefallene Drahtgeflecht im Mülleimer, obwohl es der Mann als Trümmerstück eines Satelliten geborgen hat? Fährt einer den Benzinschlucker weiter, weil er ihn von seiner Mutter geerbt hat, deponiert aber den Hund, der seiner Frau das Leben rettete, mitsamt dem Auto im Parkhaus? Der Erzähler von "Sic transit" nimmt es hin, dass er nachts, wenn ihn die Prostata aus dem Bett treibt, die Ziffern einer uralten Digitaluhr sieht, obwohl er die Uhrzeit lieber nicht wüsste. Aber seine Frau fühlt sich von der Uhr beschützt, die ihrer verstorbenen Mutter gehörte.

Der Tod ist ein starker Akteur in dieser Sammlung mit neunzehn Geschichten aus den letzten Jahren. Oft zieht er seine Strippen im Hintergrund. Wie eine Variation auf die Fragen der kantschen Ethik klingen die drei Fragen, die einem Schriftsteller einfallen, als er zur Beerdigung eines Freundes an den Hudson reist: "Wer sind wir? Wo sind wir? Warum sind wir?" Immer, wenn sie "stoned" waren, haben sie darüber diskutiert - also muss der Verstorbene jener Lester sein, dessen Familie im Zentrum der Geschichte "Tod in Kitchawank" stand, die auf Deutsch vor zwei Jahren in dem Band "Good Home" erschienen ist. Eine dichte und atmosphärenstarke Story, ein kondensierter Roman, wie viele von Boyles besten Geschichten. In dem neuen Band, den der Hanser-Verlag kompiliert hat, nimmt die Geschichte "Ein Tod weniger" Motive daraus auf - die Kraft des Kanufahrens, die Feier des Augenblicks, der Joker der Jugend. Ein weiteres Unglück bringt das mit einem morbiden Unterstrom unterlegte Geschehen endgültig zum Kippen. Das für eine Woche gemietete Haus wird zum "Haus eines Toten".

In der vielleicht raffiniertesten Geschichte des Bandes spielt ein ebensolches Haus eine Rolle, verwildert und mit formidablem Blick. "Sic transit" hat wie "Tod in Kitchawank" eine erzählerische Doppelstruktur. In der Nachbarschaft eines Geschäftsmanns ist das frühere Mitglied einer Rockband gestorben. Auf dem Weg zum Brötchenholen am Sonntagmorgen dringt er heimlich in das Haus des Toten ein. Aus einem Impuls heraus entwendet er einen Band Tagebücher, zufällig aus dem Jahr 1982. Er liest gebannt. All die üblichen Rock'n'Roll-Klischees, Groupies, Drogen, das wilde Leben. Doch dann tauchen überraschenderweise eine Ehefrau und eine drei Jahre alte Tochter auf, die am Russian River verschwunden ist.

Können Tagebücher lügen? Kann man von Lüge sprechen, wenn sich ein heimlicher Leser hinters Licht geführt fühlt? Und welche Rolle spielt überhaupt das Leben eines Einzelnen? "Die Antwort ist einfach: Er war Sie, er war ich, er war wir alle, und sein Leben war wichtig, überaus wichtig, das einzige Leben, das wir alle je gelebt haben, und als sich seine Augen zum letzten Mal schlossen, der letzte halb aufgegessene Karton mit Nudeln aus seiner Hand fiel, verschwanden wir alle, ausnahmslos alle, und jedes lebende Geschöpf und die Erde und das Licht der Sonne und unser gesamtes kollektives Dasein. Das war Carey Fortunoff. Das war er."

Die Welt, die T. C. Boyle beschreibt, ist an allen Ecken und Enden vom Untergang bedroht. Doch es gibt beinahe in jedem Moment so etwas wie eine Wahl. Es ist nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, das Weltbild des 1948 geborenen Schriftstellers ist nicht manichäisch. Aber die meisten Figuren lassen sich von etwas ansprechen, das man Verantwortung nennen kann - für sich, für andere, für Tiere, Natur, die Umwelt oder Umgebung. Womöglich ist es der Impuls, den sein amerikanischer Kollege Jonathan Franzen franziskanisch nennt.

"Sind wir nicht Menschen" erzählt von großen Themen, von den Umweltkatastrophen dieser Tage, vom Aussterben vieler Tierarten, der Absurdität genetischer Reinheitsvorstellungen, von Migration und der Bedrohung planetarer Lebensgrundlagen. Es ist ein Memento mori nicht nur für den Planeten, sondern auch für das einzelne Individuum. Mit jedem Tod geht eine ganze Welt unter, alles, was dieser Mensch - oder dieses Tier - jemals wahrgenommen hat. Melancholie und Euphorie halten sich in T. C. Boyles neuen Geschichten die Waage. Sie sind auf abgeklärte Weise radikal - als Realismus des Carpe diem.

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SZ vom 25.02.2020/khil
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