Süddeutsche Zeitung

Alternative Fotografie:Bilder aus der Flugzeug-Toilette

Die Selbstporträts von Nina Katchadourian sind in ihrer Anmutung flämischer als Vermeer im 17. Jahrhundert gemalt hat. Entstanden sind sie auf Langstreckenflügen - und nur mit Hilfsmitteln, die sich an Bord fanden.

Von Bernd Graff

Nina Katchadourian ist eine Frau mit zu viel Zeit. Nein, das stimmt natürlich nicht, das ist sie nicht. Denn sie hat eigentlich überhaupt keine Zeit, so beschäftigt ist sie. Doch womit ist Nina Katchadourian die ganze Zeit über beschäftigt? Mit Nothing-Things, mit unnützen Dingen, die aber wunderschön sind, und mit Fliegen.

Wenn man sich ihr Werkverzeichnis anschaut, dann sitzt diese Künstlerin aus Kalifornien ununterbrochen in Flugzeugen, immer müssen es wohl Langstreckenflüge sein, unter 14 Stunden steigt sie erst gar nicht ein. Eine dieser Reisen führt sie in jedem Jahr nach Pörtö, eine finnische Insel, wo ihre Familie seit Generationen den Sommerurlaub verbringt. Wie aber vertreibt man sich die Zeit auf einem mindestens 14-Stunden-Non-Stop-Flug, wenn man weder lesen, noch schlafen, noch Filme schauen möchte? Man werkelt.

Das jedenfalls ist Nina Katchadourians kreative Antwort auf die Ödnis dieses anscheinend stehend bewegten Raumes, der absolut beengt ist, zu viele Menschen aufweist und den man gemeinhin eine Flugzeugkabine nennt.

Ein Strohhalm wird zum Regenbogen

Sie stellt dazu Regeln für sich auf, nennt sie der Situation entsprechend: "Seat Assignment." Das heißt, sie darf für ihre kreativen Explosionen nur nutzen, was sie unmittelbar vorfindet, das sind - na klar - die Zeitschriften und Rettungsanweisungen in der Rückenlehne vor ihr, es ist ihre Kleidung, es ist das Essen, es ist ihr Smartphone.

Denn Nina Katchadourian fotografiert, was sie aus dem Material so bastelt. Und das ist erstaunlich: In der Serie "Landscapes" kombiniert sie Magazinfotos, auf die Snack-Krümel gestreut wurden - dazu ein Strohhalm, der die Szene wie ein Regenbogen überspannt. Eine Wollfluse macht aus dem Schnee bedeckten Berg einen rauchenden Vulkan, eine Zitronenscheibe wirkt wie die aufgehende Sonne über einem Golfplatz oder wie eine gigantische Fluss-Brücke.

Ganz ähnlich die Serie "High Altitude Spirit Photography", die auch mit dem Sonnenlicht spielt, das gezielt auf Stellen in Hochglanz-Magazinen positioniert wird und sie - zum Hochglänzen bringt: Sehr gelungen, der scheinbar göttlich leuchtende Fingerzeig, dem hier nicht Adam, sondern ein kleiner Hund folgt. Auch schön die Serie "Buckleheads". Das sind Porträts ihrer Sitznachbarn, gespiegelt in der Metallschnalle des Anschnallgurts.

Die Serie "Top Doctors in America" zeigt lächelnde Mediziner, die mithilfe von Brezeln und Orangenschalen zu Zombies umgebaut wurden, ganz ähnlich arrangiert sind die "Athletics", Sportler, die Höchstleistungen am Sandwich oder Popcorn zeigen. Doch keine ihrer Serien ist so ausgesucht köstlich wie die "Lavatory Self-Portraits in the Flemish Style", also Toiletten-Selbstporträts im flämischen Stil. Der Wahnsinn!

Hierzu hat die Künstlerin, die auch schon Spinnweben mit rotem Baumwollfaden reparierte, nur um festzustellen, dass Spinnen diese Reparaturen ablehnten, hierzu also hat Katchadourian ihren Sitz ausnahmsweise verlassen, um sich mit Nackenkissen bewaffnet auf der Bord-Toilette einzuschließen. Hier galt dasselbe: Nur benutzen, was vorhanden ist. Also hat sie sich mit den Abdeckpapieren für die Klobrille zu einer flämischen Magd aus dem 17. Jahrhundert umdekoriert, so wie sie Johannes Vermeer, Jan Steen oder Dirck und Frans Hals hätten malen können, oder früher Jan van Eyck: Hin-rei-ßend!

Sowohl in der Komposition wie in der Ausführung, einen flämischeren Gesichtsausdruck haben besagte Maler nie hinbekommen. Zur Stimmung dieser Bilder tragen aber nicht nur Blick und Geste (und natürlich die Papierdeko) bei, sondern vor allem das Licht. Es ist wie bei den Originalen aus Flandern. Hierzu erklärt die vielseitige Künstlerin, die auch schon Popcorn sprechen ließ, dass sie nur "Available Light"-Fotografie betrieben und ausschließlich mit ihrem Smartphone geknipst habe.

Wie gesagt: Mit Bord-Mitteln. Der Begriff erhält hier seine ursprünglichste Bedeutung zurück.

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