Süddeutsche Zeitung

Ágnes Heller:Eine der streitbarsten Stimmen Ungarns ist tot

Sie übernahm einst den Lehrstuhl von Hannah Arendt, zuletzt gehörte sie zu den schärfsten Kritikern von Viktor Orbán: Die Philosophin Ágnes Heller starb im Alter von 90 Jahren.

Die ungarische Philosophin und Soziologin Ágnes Heller ist am Freitagabend im Alter von 90 Jahren im Badeort Balatonalmadi am Plattensee gestorben. Dies bestätigte die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA), deren Mitglied sie war und in deren Ferienheim sie zu ihrem Todeszeitpunkt Urlaub machte. Ungarischen Medien zufolge starb sie beim Schwimmen im See.

Heller war 1929 in Budapest geboren. Als junges Mädchen überlebte sie im Budapester Getto den Holocaust und eine geplante Erschießung durch die faschistische Partei der Pfeilkreuzler.

1947 wurde Heller Schülerin des ungarischen Philosophen Georg Lukács (1885-1971) und schließlich seine enge Mitarbeiterin. Nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956 stellte sie den sogenannten real existierenden Sozialismus - der die sowjetische Herrschaft über Osteuropa und damit ihre Heimat Ungarn einschloss - in Frage und wurde zur Dissidentin. Es kam zu Reise- und Publikationsverboten, Hausdurchsuchungen und Bespitzelung. 1977 emigrierte sie nach diesen Repressionen des damaligen kommunistischen Regimes nach Australien und nahm dort eine Soziologieprofessur in Melbourne an. 1986 wurde sie zur Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York ernannt.

Nach der demokratischen Wende 1989 kehrte sie nach Ungarn zurück. Sie wurde zu einer wichtigen und streitbaren Stimme eines modernen Liberalismus. Dies brachte sie in entschiedene Gegnerschaft zur Regierung des seit 2010 amtierenden rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte sie vergangenes Jahr, dass Orbán das Land "ganz und gar zugrunde gerichtet" habe. Seine Politik sei auf Lügen aufgebaut, Ungarn sei unter ihm eine Diktatur geworden.

In sechzig Jahren hat Ágnes Heller mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Erst Anfang 2019 erschien ihr Buch "Paradox Europa" auf Deutsch. Zu ihren weiteren Werken zählen unter anderem "Eine kurze Geschichte meiner Philosophie" oder "Der Affe auf dem Fahrrad".

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