Süddeutsche Zeitung

Afghanistan:Guttenberg - Minister für Selbstverteidigung

Minister Guttenberg sagt live im ZDF, der Krieg in Afghanistan sei nicht zu gewinnen. Stunden später erklärt sich der Selbstverteidiger in Kundus.

Hans-Jürgen Jakobs

In diesen Tagen ist Karl-Theodor zu Guttenberg eher Selbstverteidigungsminister als Verteidigungsminister. An diesem Freitag ist er überraschend mit Parlamentariern zu einem Tagestrip nach Afghanistan geflogen, um mit den Soldaten in Kundus zu reden. Zivilisten sei "fürchterliches Leid" geschehen, sagt er im Frühstücksfernsehen.

Auch in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner am Donnerstagabend zuvor geht es um die Afghanistan-Expertise des einstigen Wirtschaftsministers, der im neuen Amt mit dem Wörtchen "angemessen" seine Probleme bekam. Im Einspieler heißt es, Guttenberg gerate in Bedrängnis - doch der jungenhafte Minister verzieht nur leicht spöttisch die Mundwinkel und lacht. Er lacht die Bedrängnis weg.

Dieser Baron aus Bayern jedenfalls behält auch in Momenten schwerster Moderatorenbelagerung die Contenance. Er sitzt ruhig auf seinem Stuhl, verhaspelt sich nicht, ignoriert Provokationen ("Lassen Sie es mich selbst sagen"), wird nicht rot, und sagt halt seelenruhig, dass er sich geirrt habe.

Nein, der Luftschlag von Kundus sei objektiv doch nicht militärisch "angemessen" gewesen, er habe sich geirrt. Es seien halt neue Dokumente dazugekommen. "Ich habe eine Fehleinschätzung vorgenommen", beichtet Guttenberg vor dem Fernsehpublikum, und es gehöre sich, das öffentlich zu machen. "Ich muss mich nicht dafür schämen", sagt der Minister mit dem Fehlurteil und bekommt Applaus. Eine Beichte kann telegen sein.

Da ist sie wieder, die Rolle des Ehrlichen, der nicht der Dumme sein will. Der Fehler macht, und dazu steht. Guttenberg verkörpert im Berliner Politikbetrieb die Rolle des Aufrechten, der auch unkonventionell sein will.

Im TV-Studio wirkt er zuweilen wie ein Examenskandidat, der mit Mut zur Lücke in die Prüfung geht und hofft, bestimmte Fragen würden ausbleiben. Hier hat einer Erfolg mit der Chuzpe, offensiv zu erklären, dass man kurz im Amt schon große Sprüche macht, obwohl es offensichtlich an der Ahnung gefehlt hat - und später sich halt wendet und das Richtige sagt. Im Übrigen findet er die Debatte manchmal hysterisch.

Selbst in der emotional aufgeheizten Atmosphäre bei Maybrit Illner hält Guttenberg die Rolle durch. Der Kandidat lernt Minister öffentlich, und keiner will ihm richtig böse sein. Im ZDF spricht er von einer "Neujustierung des Afghanistan-Ansatzes" durch die Amerikaner, und dass "endlich Raum für zivile Aspekte" vorhanden sei, was immer das heißt. Nun hat er auch eine neue gewaltige Erkenntnis: "Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Egon Bahr die Lage analysiert und was Jürgen Todenhöfer über Barack Obama denkt.

Guttenberg - wie ein kleiner Junge am Lagerfeuer

Vielleicht liegt es daran, wie überlegen Egon Bahr, einst außenpolitischer Stratege des Kanzlers Willy Brandt, die Lage analysiert. Gorbatschow habe die russischen Truppen nach sieben Jahren wieder rausgeholt aus dem Land am Hindukusch, was aber machen wir nach acht Jahren, fragt der SPD-Veteran. Selbst die Langatmigkeit seiner Ausführungen stört nicht, und irgendwann hört Guttenberg zu wie der kleine Junge am Lagerfeuer den großen alten Häuptlingen.

"Es ist Krieg, um alles in der Welt", ruft Bahr, "und wir werden ihn nicht gewinnen."

Es ist der Tag der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Afghanistan-Kriegsherrn Barack Obama, und deshalb dürfen Bewertungen hierzu nicht fehlen. Bahr glänzt mit der Analyse, der US-Präsident ("Obama, ein Ausdruck der Hoffnung") habe sein Land erstmals aus dem Modell der Konfrontation in die Kooperation geführt, zum Beispiel mit Russland.

Der Bestsellerautor, langjährige Verlagsmanager und einstige CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer dagegen findet, Obama rede wie alle Kriegsherren. Jeder tote Afghane in diesem Krieg fördere den Terrorismus, und al-Qaida sei schon lange nicht mehr in Afghanistan. Das sei eine "Katastrophe". Erregt geht Todenhöfer den anwesenden Minister an: Es sei mit dem christdemokratischen Weltbild nicht vereinbar, angesichts von mehr als hundert verbrannten Menschen in Kundus überhaupt von "angemessen" zu reden. "Das macht mich krank!"

Aber auch diese Attacke steckt Selbstverteidigungsminister Guttenberg locker weg. Er habe nie von "moralisch angemessen" gesprochen. "Ich bin kein glühender Vertreter von Kriegen." Es gehe jetzt um eine Stabilisierung der ganzen Region. Und auf Todenhöfers Vorhalt, der Minister solle sich bei den Opfern von Kundus entschuldigen, erwidert Guttenberg fast trotzig: "Wer hat denn die Frage der Entschädigung in die Hand genommen?"

Schützenhilfe aus Hollywood

Schützenhilfe kommt von Ralph Moeller, einem jener deutschen Schauspieler, die es in Hollywood irgendwie geschafft haben, in seinemFall mit den Mitteln des Kraftsports. Moeller also ist von den Anti-Kriegs-Tiraden Todenhöfers so aufgebracht, dass es seinen athletischen Körper beinahe nicht auf dem Stuhl hält. Es wird stammtisch-laut im seriösen ZDF. Es sei doch eine Sache, als Journalist durch Kabul zu gehen und den Intellektuellen zu geben, so Moeller, oder als Soldat das Leben zu riskieren. "Das verbitte ich mir!" Dafür gibt es lauten Beifall.

Auch die Einlassungen eines Soldaten, der in Afghanistan war, kommen hörbar gut an. Der Mann lobt Guttenberg für seine Ehrlichkeit, endlich von "Krieg" zu sprechen, und befindet, die Truppe sei ganz auf Seiten jenes Oberst Klein, der den Befehl zum Bombenwurf auf den Tanklaster bei Kundus gab. Es seien ja hochrangige Talibanführer unter den Opfern gewesen, im Krieg müssten in solchen Fällen auch zivile Opfer in Kauf genommen werden. Die Stimmung bei den Soldaten: "Endlich geschieht mal was." Die Landser wollen offenbar den Krieg, den der Minister für nicht gewinnbar hält.

Irgendwie ist die Sache aus dem Ruder gelaufen. Angetreten als Boten der Demokratie, als friedliche Aufbauhelfer, die eine rot-grüne Bundesregierung dem Kriegstreiber George W. Bush zur Seite gestellt hat, erweist sich das Ganze als mörderische Gefahr, der nicht getrotzt werden kann. Das ist ein eher deprimierendes Fazit aus diesem TV-Talk, den Maybrit Illner überaus gekonnt über die Sendezeit bringt und der mit einer erneuten Wortmeldung Moellers endet: "Der Krieg in Afghanistan wird noch Jahre dauern. Wir werden dort keinen Frieden haben."

Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich in dieser Stunde ohne Blessuren selbst verteidigt. Er wartet den Untersuchungsausschuss ab. Und fliegt nach Kundus, um sich um alles selbst zu kümmern. Die Kameras bleiben eingeschaltet.

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