Süddeutsche Zeitung

66. Filmfestspiele Cannes:Gemeinsame Mahlzeiten, sinnlicher als Sex

Wenn ein Mädchen entdeckt, dass es auf Frauen steht: Im Wettbewerb von Cannes erzählt der Franzose Abdellatif Kechiche eine sinnliche Geschichte von Liebe und Zufall. Dem stehen großartige amerikanische Überlebenstrips gegenüber, mit Robert Redford und Bruce Dern.

Wenn man es mal ganz genau nimmt, ist ein Filmfestival in der Größenordnung von Cannes eine ziemlich bizarre Angelegenheit: Tausende Menschen pilgern in einen überteuerten Badeort, und egal ob das Meer dann in der Sonne glitzert oder die Uferpromenade von einem Platzregen geflutet wird - sie ziehen sich in abgedunkelte Räume zurück und gucken Filme, bis ihre Augen brennen und die Sitzflächen jucken und schmerzen.

Aber dann werden, durch das Brennen und Jucken hindurch, doch Erfahrungen spürbar, die anders nicht zu bekommen sind, werden Strömungen sichtbar, die auf den verschiedenen Erdteilen entstanden sind und nun plötzlich zusammenlaufen.

Nachdem nun weite Teile des Programms des 66. Festivals von Cannes vorüber sind, macht sich der Eindruck breit, dass für das Kino heute klar ein Graben durch die Welt verläuft, sie in zwei Teile zerfällt: Der Chinese Jia Zhangke mit "Touch of Sin" über Gewaltexzesse, der Mexikaner Amat Escalante und sein "Heli" über eine Familie, die von Drogenkartellen terrorisiert wird, auch der Palästinenser Hany Abu-Assad, dessen "Omar" in "Un certain regard" zu sehen war - sie alle erzählen von kollabierenden Gesellschaften, in denen der Einzelne gar keine Möglichkeit hat, sich ein Eckchen bescheidenen Glücks aufzubauen.

Omar ist Teil eines Buddy-Trios, zwei Jungs stehen auf die Schwester eines dritten - und während sie sich in Terrorismus verstricken und sich von der israelischen Polizei instrumentalisieren lassen, ist irgendwann klar, dass ihre größten Feinde sie selbst sind. Dass das gesellschaftliche Klima aus Gewalt und Verrat auch den Verrat untereinander und jede Form der Korruption begünstigt - selbst auf einer ganz privaten Ebene.

Nun ist das Kino wieder im goldenen Westen angekommen: beim Franzosen Abdellatif Kechiche und bei den Amerikanern J. C. Chandor und Alexander Payne, die alle jeweils bei einem Individuum bleiben, in den Gesichtern forschen nach einem Quentchen Glück und Erlösung.

J. C. Chandor nimmt das am radikalsten, in seinem Film "All Is Lost" geht es tatsächlich nur um einen einzigen Menschen und seinen Kampf ums Überleben. Robert Redford spielt einen namenlosen Abenteurer: "Es tut mir leid", sagt er anfangs, noch bevor wir ihn sehen, "ich habe versucht, gerecht zu sein und zu lieben und bis zum Ende gekämpft." Das ist dann auch schon fast der gesamte Text des Films - mutterseelenallein schippert er durch den Indischen Ozean, seinem Schicksal entgegen.

Mit 76 Jahren hat Redford immer noch eine enorme physische Präsenz, und als Schauspieler ist er hier in einer Hochform, die ihm fast nie ein Regisseur abverlangt hat. Prämiert werden wird diese Tour de Force nicht, der Film läuft außer Konkurrenz. "All Is Lost" ist eine Metapher aufs Leben an sich - ein Schlag nach dem anderen trifft den Helden: Erst kollidiert seine kleine Jacht mit einem Container. Das Leck bekommt er noch erstaunlich findig in den Griff, aber das Funkgerät ist hin, und dann kommt ein Sturm, er zieht sich in seine Rettungsinsel zurück, in der er dann einem weiteren Sturm entgegentreibt.

Ein Satz, der als Erbe vielleicht genug ist

Abdellatif Kechiche porträtiert ein Mädchen auf dem Weg zum Erwachsenwerden - wie es mit allen Sinnen herauszufinden versucht, was das Leben für es ausmachen wird. In "L'Esquive" ließ er vor zehn Jahren eine Gruppe von Banlieue-Kids sich in "Ein Spiel von Liebe und Zufall" von Marivaux verstricken, nun setzt bei Adèle, gespielt von der grandiosen Neuentdeckung Adèle Exarchopoulos, ein Selbstfindungsprozess ein, als sie "La vie de Marianne" liest - es fehlt Marianne, sagt ihr Lehrer, etwas im Herzen.

Adèle entdeckt, dass sie auf Frauen steht. Knapp drei Stunden dauert "La vie d'Adèle", fürs Festival immer noch stark gekürzt - und wie Kechiche es schafft, dass die wie im Flug vorüberziehen, hat vor allem damit zu tun, dass er, obwohl er mit seiner großen Liebe zur Literatur - auch hier wird dauernd über Sartre debattiert und Egon Schiele gegen Klimt ausgespielt - zu den Intellektuellen des französischen Kinos gehört, sinnlich filmt wie kaum ein anderer.

Man sitzt am Tisch mit seinen Figuren, so war das auch schon in "Couscous mit Fisch", und in "Adèle" sind die Mahlzeiten, die Adèle lustvoll genießt, fast sinnlicher als die Sexszenen zwischen ihr und ihrer älteren Freundin Emma (Lea Seydoux). Die setzt das Mädchen immer mehr unter Druck, eine andere zu werden als es sein will: eine Intellektuelle.

Längst weiter als die Gesetzgebung

Nicht um eine Beziehung zwischen zwei Frauen geht es, sondern um die zwischen zwei sozialen Schichten. Das ist schon erstaunlich: während in Frankreich die neue Gesetzgebung zur Schwulenehe und zum Adoptionsrecht heftige Debatten auslöste, ist das Kino längst einen Schritt weiter: In "La vie d'Adèle" und Steven Soderberghs "Behind the Candelabra" über Liberace und seinen Lebensgefährten geht es nur um die innere Struktur dieser Beziehungen, die letztlich ebenso schwierig und unausgeglichen sind wie alle anderen auch.

Alexander Payne nimmt in "Nebraska" eine Vater-Sohn-Beziehung ins Visier, und das Ergebnis ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die Annäherung von George Clooney an seine Töchter in seinem vorigen Film "The Descendants", aber Payne findet auch hier zu einem lakonischen, tragikomischen Gleichgewicht.

David (Will Forte), Verkäufer in einem Elektronikladen in Billings, Montana, hat zu seinem leicht verwirrten Vater Woody (Bruce Dern) ein eher distanziertes Verhältnis - der alte Mann hat sich in den Kopf gesetzt, der Brief einer windigen Werbefirma aus Nebraska, die ihm eine Million verspricht, sei echt.

Als David sich in den Wagen setzt, um den Vater 1200 Kilometer weit dorthin zu kutschieren, tut er das eigentlich aus Genervtheit, damit Woody nicht immer wieder auf den Highway hinausläuft.

Ein Trip in Schwarz-Weiß beginnt, was sehr gut passt zu den ärmlichen Orten aus Woodys Kindheit, an denen sie vorbeikommen, in denen die Zeit stillgestanden hat, die Menschen älter wurden, aber nicht anders. Was auf dieser Reise an Aussprache zwischen den beiden zustande kommt, sind zwei Sätze - aber die sind genug.

Payne ist ein Meister im Weglassen - er weiß, dass sich die Vergangenheit nicht ändern lässt, dass es ein heiles, schmerzbefreites Familienidyll nicht geben kann. Auch nicht im Wohlstand. Was er mit der Million wollte, fragt David seinen Vater, der mit dem wenigen, das er hat, durchaus klarkommt. Ich wollte, antwortet Woody, euch etwas hinterlassen. Dieser eine Satz, das ist dann vielleicht Erbe genug.

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Quelle:
SZ vom 24.05.2013
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