Süddeutsche Zeitung

Antisemitismus:Was Denkmäler und Architektur bewirken können

75 Jahre Gedenken an Auschwitz haben viele Menschen sensibilisiert: Ein uraltes Relief an der Wittenberger Stadtkirche soll verschwinden, weil es Juden verunglimpft. Die Hamburger wollen eine Synagoge wiederaufbauen.

Zu "Jetzt erst recht", 14. Februar, "Steinharte Schande" vom 5. Februar und "Künftig ein Ort der Versöhnung" vom 3. Februar:

Jüdische Mitbürger befragen

Die Richter, aber auch Journalisten der SZ und der evangelische Pfarrer in Wittenberg versuchen höchst intellektuell, die beleidigende Skulptur an der Wittenberger Stadtkirche einzuordnen als "Monument der Erinnerung" und geschichtlich bedeutsamen Hinweis. Es fehlt ihnen dabei am Wesentlichen: an Empathie und Gefühl. Sie argumentieren rational und vergessen, dass es Menschen gibt, die durch die Skulptur zutiefst beleidigt werden. Richtig wäre es, die betroffenen jüdischen Mitbürger zu fragen, wie sie die Sache empfinden und wie sie entscheiden. Dann würden Juden und deren Darstellung nicht von oben herab beurteilt von evangelischen Christen und Journalisten. Von Menschen, die sich selbst zu Historikern oder Traditionsbewahrern machen, dazu aber seit Auschwitz keinerlei Autorität mehr haben.

Es geht nicht darum, jemanden zu "verstören". Es geht um die Integrität von Menschen, deren Verwandte und Bekannte millionenfach ermordet wurden. Die Verantwortlichen könnten einmal das Denken vergessen und sich in die verletzten Seelen hineinversetzen. Mit Gefühl käme, kommunikativ und politisch gesehen, echter Kontakt zustande. So, und nur so würden Wertschätzung und Respekt deutlich. Es ist an der Zeit.

Christoph Teschner, Linden

Evangelische Kirche ist befangen

Der Stadtkirchengemeinde Wittenberg fällt es schwer, sich von einem antisemitischen Schmährelief an der Fassade ihrer Kirche zu verabschieden. Für das umstrittene Dokument könnte ein anderer Ort geeigneter sein. Auf den Anteil der deutschen Protestanten an der verunglückten deutschen Geschichte geschaut, erstaunt diese Tatsache nicht. Sie haben dem absoluten Gehorsam gegenüber jeder "Obrigkeit" das Wort geredet, egal wie demokratie-fern sie war, und haben aus Luther mit seinen antisemitischen Hasstiraden eine Kultfigur gemacht. Ein Zufall war es deshalb meines Erachtens nicht, dass die "Deutschen Christen" die Vergötzung des Terrorstaates betrieben und als geistige Brandstifter einen Hass erzeugten, der am Vorabend des Luther-Geburtstages die Leute anstachelte, dass Synagogen in Deutschland brannten. Es war der Auftakt des größten Verbrechens der Menschheit.

Von den Schatten dieser Geschichte sich gänzlich zu befreien, gelingt der evangelischen Kirche nicht. Die unzureichend aufgearbeitete eigene Geschichte holt sie immer wieder ein, wie sich jetzt an der Streitgeschichte um das Wittenberger Schmährelief zeigt. Die Bösartigkeit eines Schmähreliefs, das mit seiner Inschrift Luthers Judenhass bezeugt, lässt sich nicht mit einer unverständlichen Bodenplatte und einer Zeder besänftigen. Aufrichtiges Gedenken ist auf ein hässliches Relikt nicht angewiesen. Ein sakrales Gebäude verliert mit einer steinernen Hasspredigt seine Würde. Es wird dadurch entweiht. Ein antisemitisches Schmährelief verletzt die Würde des Menschen.

Lüder Stipulkowski, Dörverden

Beleidigung für alle

So wie jedes Hakenkreuz ein Symbol für den Nationalsozialismus ist, ist die "Judensau" ein Symbol für Verachtung und Diskriminierung der Juden. Sie ist ein Symbol des Antisemitismus. Wie soll da künftig ein Ort der Versöhnung entstehen, wenn die Juden durch die Darstellung im Vorfeld diskriminiert werden? Es ist eine Schande und eine Beleidigung für jeden Bürger, der sich gegen Rassismus ausspricht, dass es diese Plastik noch immer gibt. Empörend, dass ihr Erhalt überhaupt in Erwägung gezogen wird. Dank sei dem Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin, das sich dafür einsetzt, diesen Schandfleck zu entfernen.

Lucia Schmidt, Wolfratshausen

Es geht in Hamburg nicht um Stil

Herr Briegleb hat leider in dem Artikel (über den Synagogen-Neubau in Hamburg) die Kontroversen der vergangenen Jahre um die Rekonstruktion verlorener Symbolbauten ein Stück weit missverstanden: Nie ging es dabei um eine "gute Moderne" gegen einen "bösen Historismus", sondern ausschließlich um ein dialektisches Verständnis von Erinnerung und Geschichte, das schon Karl Friedrich Schinkel bewusst war: dass durch eine exakte Wiederholung der verlorenen Gestalt das (grauenvolle) Geschehen weder "rückgängig" gemacht noch "überwunden" oder - was näherläge - "verdrängt" werden kann (und darf). Es geht hier nicht um Denkmalpflege, sondern um Erinnerungsarchitektur! Insofern ist Miriam Rürup zuzustimmen, dass auch im Falle der Hamburger Synagoge (wie im Falle des Berliner Schlosses, der Potsdamer Garnisonkirche oder auch der Schinkel'schen Bauakademie) Verlust und Bedeutung im Sinne einer "kritischen Rekonstruktion" reflektiert und erkennbar in einer Zukunftsperspektive der jüdischen Gemeinde aufgehoben sein sollten.

Prof. Dr. Adrian von Buttlar, Potsdam

Eine markige Trotzreaktion

Ach, handelte es sich doch um ein architektonisches Juwel oder wenigstens ein beachtliches Kunstwerk bei der ehemaligen Synagoge am Hamburger Bornplatz: Dann könnte man über eine Wiedergewinnung von charakteristischer Qualität nachdenken. So aber ist es revisionistische Sentimentalität, die vor allem der repräsentativen Größe des 40 Meter hohen Kuppelbaus geschuldet ist; und die platte Rekapitulation bedeutet ein fundamentales Misstrauen gegenüber gegenwärtiger Leistungsfähigkeit der Architektur.

Die von 1904 bis 1906 von Semmy Engel und Ernst Friedheim gebaute Synagoge fand schon in Fachzeitschriften damals keine Beachtung. Ihr Bauplan war aus zwei eigenständigen Entwürfen der beiden Architekten zu einem Kompromissplan kombiniert worden. Dessen neoromanische Formen wiederholten die Stilmerkmale der fast 50 Jahre alten Hamburger Synagoge an den Kohlhöfen (von 1859), anstatt mit Mut zeitgenössisch gültige Ausdrucksformen etwa des ausklingenden Jugendstils zu beachten. Dann wäre die Synagoge allerdings kein gewöhnliches Gebäude geworden, sondern ein Diskussionsgegenstand. Ein beachtetes Bauwerk, dem man seine Entstehungszeit unzweifelhaft hätte ablesen können und dessen man sich auch nach der Zerstörung mit Respekt erinnert hätte. Aber um die kulturhistorische Einordnung eines nicht ganz alltäglichen Hauses in seine wechselhafte Bedingtheit scheint es der Mehrheit der Akteure gar nicht zu gehen. Sie wollen nichts anderes, als mithilfe des (mit Verlaub fantasielosen) Wiederaufbaus eine markige Trotzreaktion gegen die verbrecherische Zerstörungswut damals zeigen. So moralisch gerechtfertigt dieser Gedanke ist, so wenig dauerhaft dürfte er sein: Die intakte Kopie wird bald ein Symbol scheinbar friedlicher Kontinuität sein, keines von aggressivster Disruption.

Will man an die Verbrechen erinnern, muss der Neubau Disharmonie deutlich zeigen. Gelungene Beispiele dafür: Alte Pinakothek, München; Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin; Militärhistorisches Museum, Dresden. Also: Mut zum Wettbewerb!

Dr. Dipl.-Ing. Dietrich W. Schmidt, Bauhistoriker i. R., Stuttgart

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Quelle:
SZ vom 25.02.2020
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