Süddeutsche Zeitung

Theologieprofessor:"Eine Mutter opfert sich auf"

Gespräch darüber, was der Weggang der Frauen für ihre Familien in Polen bedeutet.

Interview von Miriam Hoffmeyer

Sie wollen zu Hause alt werden und nicht ins Heim: Unzählige Senioren in Deutschland beschäftigen Frauen aus Polen und anderen Ländern Osteuropas. Das hat Folgen nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Herkunftsländer. Professor Bernhard Emunds von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt hat kürzlich für die Deutsche Bischofskonferenz eine Expertise zum Thema vorgelegt. Er fordert neue Weichenstellungen in der Pflegepolitik.

SZ: Warum kommt die große Mehrheit der Haushaltshilfen gerade aus Polen und nicht aus anderen osteuropäischen EU-Ländern?

Bernhard Emunds: Der wichtigste Grund ist die räumliche Nähe. Aber der christliche Background in Polen spielt auch eine Rolle. Viele deutsche Familien erwarten tatsächlich, dass eine Polin nicht nur wegen des Geldes, sondern auch aus christlicher Nächstenliebe zu ihnen kommt. Und da ist sogar etwas dran! In Polen gibt es bei Menschen mittleren Alters noch ein ziemlich traditionelles Frauenbild, wonach eine Mutter sich aufopfern muss. Viele Frauen arbeiten hier, damit ihre Kinder am westlichen Wohlstand teilhaben können. Und während sie hier sind, stellen sie sämtliche eigenen Bedürfnisse zurück. Das ist für die Deutschen natürlich sehr praktisch.

Wer kümmert sich um die Familien der Frauen, während sie hier arbeiten?

Wenn ihre Kinder noch zur Schule gehen, werden sie meist von einer Großmutter, Tante, Schwester oder Cousine versorgt, selten von den Vätern. Aber natürlich entsteht eine große Lücke, wenn die Mutter monatelang weg ist. Pflegebedürftige in den polnischen Familien werden zwangsläufig schlechter versorgt. Es gibt ländliche Regionen in Polen, in denen ein erheblicher Teil der mittleren Generation fehlt: Die Frauen arbeiten in deutschen Haushalten, die Männer auf dem Bau oder in Fleischfabriken. Kinder und Alte bleiben zurück, ganze Landstriche veröden.

Dann haben die Jobs in Deutschland, wenn man vom zusätzlichen Einkommen der Frauen absieht, nur negative Wirkungen?

Nein, es gibt auch positive Aspekte. Die meisten dieser Frauen waren in Polen längere Zeit arbeitslos. Dass sie nun ein eigenes Einkommen haben, stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihre Position auch gegenüber ihren Partnern. So werden Geschlechter-Stereotypen ein wenig abgeschwächt. Der Wirtschaft in den Herkunftsregionen helfen die Jobs in deutschen Familien aber nicht - im Gegenteil.

Warum ist das so?

Die deutsche Gesellschaft tut nichts für die Absicherung der Frauen gegen Arbeitslosigkeit, gegen Krankheit und im Alter. Ihr Arbeitsvermögen wird durch den Einsatz rund um die Uhr komplett verbraucht. Nach der Rückkehr sind sie erst einmal völlig erschöpft. Dazu kommt, dass viele dieser Frauen auf Kosten ihrer Herkunftsländer formal gut ausgebildet sind, ihre Qualifikationen in Deutschland aber nicht genutzt werden und weiter veralten. Sie haben hier auch keine Möglichkeit, sich weiterzuqualifizieren.

Was müsste sich ändern?

Ein gutes Modell wären Dienstleistungsschecks, wie es sie zum Beispiel in Belgien gibt, oder ein höheres Pflegegeld. Deutsche Senioren könnten solche staatlichen Gelder nutzen, um ihre Haushaltshilfen zu finanzieren. Die Zahlung wäre aber daran zu binden, dass die Frauen sozialversichert sind und arbeitsrechtliche Mindeststandards, vor allem Ruhezeiten, eingehalten werden. Im Idealfall, wenn die Frauen zwei Tage pro Woche frei hätten, könnten sie sich sogar in der Altenpflege weiterqualifizieren.

Das würde für den Staat sicher teuer.

Es würde etwas kosten. Aber arbeitsrechtliche Mindeststandards lassen sich nicht mit dem Schwert durchsetzen. Verbote werden im grauen Markt einfach umgangen, deshalb muss man Anreize schaffen. Im Vergleich zu anderen Ländern ist der Anteil der öffentlichen Ausgaben für Pflege in Deutschland noch sehr gering. Unser Staat muss sich davon verabschieden, die Probleme in der Pflege zu Billigstpreisen an andere Länder abzugeben.

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Quelle:
SZ vom 10.10.2015
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