Süddeutsche Zeitung

Tastaturschreiben:Hauptsache, mit System

Profis im Zehnfinger-System schreiben nicht schneller als Autodidakten, hat die Informatikerin Anna Feit beobachtet. Worauf es beim Tippen am Computer wirklich ankommt.

Interview von Miriam Hoffmeyer

Tippen geht mit dem Zehnfingersystem am schnellsten - das galt viele Jahrzehnte als Selbstverständlichkeit. Doch nach einer Studie der Aalto-Universität in Helsinki schaffen viele Autodidakten im Freistil genauso viele Anschläge pro Minute. Die deutsche Informatikerin Anna Feit und ihre Forschungsgruppe an der finnischen Universität wollen auf Grundlage der Ergebnisse die ideale Tastatur entwickeln.

SZ: Hat bisher wirklich noch niemand untersucht, wie die Leute tagtäglich ihre Tastaturen bearbeiten?

Anna Feit: Kaum zu glauben, aber wir waren tatsächlich die Ersten. Es gab in den 1930er- bis 1980er-Jahren schon Studien zum Thema, aber oft nur mit professionellen Stenotypistinnen an Schreibmaschinen. Wir wollten wissen, wie die Leute auf modernen Tastaturen tippen. Und natürlich haben wir ganz andere Möglichkeiten zur Bewegungserfassung: Mit der Motion-Capture-Technik, bei der Kameras die Fingerbewegungen aufzeichnen, können wir auf Sekundenbruchteile genau verfolgen, welcher Finger sich wann an welchem Ort der Tastatur befindet.

Wer waren die Versuchspersonen?

Ganz normale Leute. Uns war wichtig, das ganze Spektrum der Geschwindigkeiten abzudecken. Von den 30 Teilnehmern hatte etwa die Hälfte das Zehnfingersystem gelernt, einige konnten es aber mangels Schreibpraxis nicht gut. Die anderen hatten sich das Tippen selbst beigebracht. Die schnellsten Teilnehmer schafften fast 90 Wörter pro Minute, die langsamsten 30. Was uns wirklich überrascht hat, ist, dass es fast keinen Unterschied zwischen den Gruppen gab. Einige Autodidakten waren mit sechs oder noch weniger Fingern genauso fix wie Zehnfinger-Profis.

Heißt das, man kann sich den Kurs im Tastschreiben schenken?

Ja, es kommt nicht auf ein bestimmtes Fingersystem an. Wichtig ist, dass man überhaupt ein System hat, damit man die Augen auf dem Bildschirm lassen kann und nicht eine Taste nach der anderen suchen muss. Schnelltipper halten ihre Hände ruhig und führen die Bewegungen parallel aus. Die Finger bereiten sozusagen schon den nächsten Tastenanschlag vor. Wenn man diese Fertigkeiten beherrscht, kann man auch mit weniger als zehn Fingern schnell tippen.

Sind 30 Probanden nicht viel zu wenige für so allgemeine Aussagen?

Nein, wir haben sie ja sorgfältig ausgewählt. Aber wir haben die Ergebnisse gerade noch einmal überprüft, mithilfe einer Firma, die kostenlose Tipptests im Internet bereitstellt. So konnten wir Daten von 160 000 Nutzern auswerten. Natürlich ohne Kamera, nur mit den Angaben, wie schnell sie waren und ob sie das Zehnfingersystem gelernt hatten oder nicht. Das Ergebnis war ähnlich: Auch Autodidakten erreichten Spitzengeschwindigkeiten.

Wie sind Sie als Informatikerin überhaupt zu diesem Thema gekommen?

Ich forsche im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion, da geht es darum, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu verbessern. Das Layout der Tastatur stammt bekanntlich noch aus dem 19. Jahrhundert. Eines unserer Ziele ist es, mit mathematischen Methoden die ideale Anordnung der Zeichen auf der Tastatur zu finden. Mich interessiert aber auch die Frage, ob man eine Methode entwickeln kann, mit der Autodidakten ihre Technik verbessern können, ohne ihre Gewohnheiten komplett über den Haufen zu werfen.

Ist die Computerlinguistik nicht bald so weit, dass wir gar nichts mehr schreiben müssen, sondern dem Computer alles diktieren können?

Diktieren ist gar nicht so leicht, wenn es nicht nur um Standardfloskeln geht. Normalerweise möchte man einen Text noch überarbeiten. Bei der Korrektur von Dokumenten per Sprachbefehl sind die technischen Probleme aber noch sehr groß. Außerdem ist Diktieren laut und stört eventuell die Kollegen. Deshalb glaube ich, dass wir die manuelle Texteingabe noch sehr lange brauchen werden.

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Quelle:
SZ vom 27.01.2018
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