Süddeutsche Zeitung

Taschendesignerin Hindmarch über Organisation:"Wir können, wenn wir wollen"

Sie hat fünf Kinder, ein eigenes Unternehmen und 54 Läden in 17 Ländern: Die britische Taschendesignerin Anya Hindmarch verrät, wie sie das alles unter einen Hut bekommt - und warum sie trotzdem jeden Sonntagabend arbeitet.

Christine Brinck

Im Londoner Stadtteil Clapham liegt versteckt in einer alten Brauerei die Firmenzentrale der berühmten Taschendesignerin Anya Hindmarch. Eine hochschwangere Assistentin führt zu einem Sessel am Rande des Großraumbüros und bringt Tee. Fünfzig Mitarbeiter, hauptsächlich Frauen, gehen hier unaufgeregt ihrem Tagwerk nach. Hindmarch selbst ist offen, herzlich, zugänglich. Sie redet so schnell, als müsste sie dauernd die Zeit überlisten.

SZ: Haben Sie Freundinnen?

Anya Hindmarch: Klar habe ich die! Warum fragen Sie?

SZ: Haben Sie überhaupt Zeit für sie? Ihr Kalender ist so voll, dass wir nur mit Mühe dieses Interview reinquetschen konnten.

Hindmarch: Ich habe einen Ehemann, der mein bester Freund ist. Doch je älter man wird, desto bedeutender werden Freundinnen. Ich habe zwei. Wir sehen uns eher in New York oder Mailand oder Tokio, weil die eine auch dauernd unterwegs ist. Sie ist eben meine Ferienfreundin. Meine andere Freundin sehe ich Montag, Mittwoch und Freitag, morgens um 7.30 Uhr, wenn wir vier Meilen laufen.

SZ: Sie scheinen die Erfüllung des feministischen Schlachtrufes ,You can have it all!' zu sein.

Hindmarch: Finden sie?

SZ: Sie haben alles: gutes Aussehen, Familienleben, einen netten Mann, Kinder, 54 Läden, zig Millionen Umsatz. Erschüttert das nicht manch andere Frau in Ihrem Umfeld?

Hindmarch: Ich bin eher neidisch auf die Freunde von mir, die morgens ihre Kinder in die Schule bringen und ihre tiefen Geheimnisse kennen. Ich würde auch lieber um neun zum Fitnesstraining gehen statt um sieben. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin die glücklichste Frau der Welt, ich habe ein tolles Leben, interessant und kreativ, aber es ist stressbeladen. Ich arbeite viele Abende, oft am Sonntag. Ich bin blackberrysüchtig. Ich merke wie jeder, der von Meeting zu Meeting rennt, dass ich zu wenig Zeit zum Nachdenken habe. Traurigerweise habe ich mir Sonntagnacht nun ausbedungen, um durch meinen Kalender zu gehen, Artikel, die mir andere unter der Woche schicken, endlich zu lesen, zu überlegen, wann ich meine Nägel machen lasse. Montagmorgen kann ich meiner Assistentin einen Ordner geben und fange selber mit einem sauberen Schreibtisch an. Wenn ich das nicht am Wochenende kläre, würde ich die ganze Woche lang schwimmen.

SZ: Obendrein haben Sie fünf Kinder zwischen 22 und sieben Jahren.

Hindmarch: Der Jüngste hat uns die letzte Nacht wach gehalten, weil er Fieber hat und kotzen musste. Als ich meinen Mann kennenlernte, war er Witwer mit drei kleinen Kindern. Man muss sich sehr genau überlegen, wie man mit diesem Haufen Extraarbeit fertig werden kann.

SZ: Und? Wie kann man das?

Hindmarch: Zuallererst muss man zu Hause ein fabelhaftes Team aufbauen. Mit eigenen Kindern habe ich noch gewartet, die drei verwaisten Kinder mussten erst mal zur Ruhe kommen, sich an mich gewöhnen. Als ich dann schwanger war, trat mein Mann als Finanzvorstand in meine Firma ein. So konnte ich auch eine Weile nach der Geburt einigermaßen beruhigt zu Hause bleiben bei dem Baby. Ich glaube, der Grund, warum so viele Frauen ihre eigenen Firmen aufmachen ist, dass sie Flexibilität wollen. Sie wollen keine Männerklone sein, sie wollen, auch wenn sie arbeiten, am Leben ihrer Kinder teilnehmen, mal den Fahrservice übernehmen.

SZ: Klingt hübsch. Und verdächtig einfach.

Hindmarch: Ich will Ihnen nichts vormachen, wir arbeiten hier sehr hart, aber wir sind flexibel und können Arbeit und Mutterschaft verbinden. Hier in meinem Büro hatten wir im letzten Jahr zehn Schwangerschaften, nicht schlecht oder? Das ist vermutlich auch der Grund, warum Frauen wie ich nicht in Großbanken arbeiten. Ich hätte keine Lust, so zu tun, als ob es die Familie nicht gäbe. Und doch gibt es Zeiten, da weiß man nicht, wie man es schaffen soll, fünf Kinder in fünf verschiedenen Schulen, fünf Weihnachtsfeiern, fünf Geburtstagspartys, Sportfeste. Manchmal ist es einfach zu viel.

SZ: Flexibilität ist wichtig, aber wenn das Kind krank ist, kann Tokio trotzdem nicht warten. Oder doch?

Hindmarch: Na ja, es dreht sich alles um die Planung, und das ist anstrengend, weil das Planen viel Zeit kostet. Ich versuche meine Reisen so zu legen, dass ich montags losfahre, Tokio zwei Nächte, Hongkong zwei Nächte, so dass ich spätestens Samstagmorgen zurück bin. Mindestens die Wochenenden gehören der Familie. Zur Fashion Week in New York, die in den Trimesterferien lag, nahm ich drei Kinder mit. Nach Tokio muss ich während der Osterferien, also nehme ich auch da die Kinder mit. Das ist lustig, und ich kriege sie zu sehen. Solche Reisen gehen immer besser, je älter die Kinder werden. Die Reiserei bricht einem bisweilen das Herz, wenn man kleine Kinder hat. Muttergefühle und der Mutterinstinkt lassen einen eigentlich das Reisen hassen, aber es gehört nun mal zu meinem Geschäft.

SZ: Sie haben es von der Pike selber aufgebaut, oder?

Hindmarch: Ich habe mein Business mit 18 Jahren angefangen. Unternehmer sind in meiner Familie weit verbreitet. Auslöser war Margaret Thatchers England, Aufbruchstimmung überall. Ich fühlte mich aufgerufen loszulegen. Im Design, in der Mode geht es nicht nur um Schönheit, sie muss auch funktionieren, das ist mein Credo. Meine Taschen funktionieren, es gibt immer einen Haken für den Schlüssel, ein Fach fürs Handy, und viele Fächer oder kleine Täschchen, um Ordnung ins Chaos zu bringen. Ich habe bei meiner heranwachsenden Tochter beobachtet, wie gern kleine Mädchen alles in eigene Fächer sortieren. Reißverschlüsse haben bei mir immer kleine Quasten, die findet man auch im Dunkeln.

SZ: Neben Ihrem Design haben Sie auch noch ein paar Aufgaben für die Konservative Partei übernommen. Ich frag jetzt lieber nicht, wo Sie die Zeit hernehmen, aber was genau machen Sie für die Tories beziehungsweise Boris Johnson, den Bürgermeister?

Hindmarch: Ich sitze in einem Gremium, das sich mit der Präsentation Londons im Inland und Ausland beschäftigt. Die Olympischen Spiele sind auf der Agenda. Es geht auch um Verschwendung von Geldern, darum ist es gut, dass viele Leute aus der Privatwirtschaft dabei sind. Es ist spannend.

SZ: Sie haben Ihre eigene Firma, sitzen in politischen Gremien und sind Trustee der Royal Academy; all das haben Sie selber geschafft. Was halten Sie von der Frauenquote, die seit einiger Zeit überall in der westlichen Welt beschworen wird?

Hindmarch: Absolut nichts. Ich habe gerade an einer Tagung bei Goldman Sachs teilgenommen mit einigen Männern aus großen Firmen und einer Bankerin mit neun Kindern, tolle Frau. Ich hab denen erzählt, dass ich sehr weiblich orientiert sei, dass in meinem Büro mit 50 Angestellten letztes Jahr zehn Babys geboren wurden. Die Banken und Firmen sollten verstärkt das Ziel haben, Frauen in ihre Vorstände zu kriegen, das sollte aber ohne Quote funktionieren. Das Problem scheint zu sein, dass es nicht genug Frauen gibt, die für diese Arbeit geeignet sind. Sind sie aber mal an Bord, verändern sie die Dynamik in der Gruppe, bringen eine andere Sicht auf die Dinge, und die Männer erscheinen auch lieber zu den Meetings.

SZ: Trotzdem: keine Quote, keine Gleichberechtigung, sagen manche.

Hindmarch: Wir sind keine Männer, wir sind die Frauen, wir kriegen die Babys, und ich glaube, es ist auch so gedacht, dass wir uns um die Kinder kümmern. Wenn man aber nicht so eine Frau ist, dann macht man es anders. Doch um beim Beispiel Goldman Sachs zu bleiben: Dort fangen gleich viele Männer und Frauen an, und dann sinkt die Zahl der Frauen, wenn sie Babys kriegen. Sie haben die Wahl, und sie wollen sich um die Kinder kümmern. Ändern muss man die Regeln ihrer Rückkehr. Aber wir sind keine Männer, wir kriegen die Kinder. Wollen wir es anders, müssen wir Kompromisse machen und wie ich Sonntags am Abend arbeiten. Es ist eine persönliche Entscheidung. Fakt ist: Wir können, wenn wir wollen. Anya Hindmarch, 43, startete ihre Karriere mit 18 Jahren mit der Kopie einer Duffle Bag, die sie in Florenz gesehen hatte. Auf Anhieb verkaufte sie 500 Stück. Heute gibt es ihre Taschen, die ein kleines goldenes Schleifchen als Logo ziert, in 54 Läden in 17 Ländern.

Das komplette Interview lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung.

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Quelle:
SZ am Wochenende, 4./5.6.2011/holz
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