Süddeutsche Zeitung

Trends:Wo ist die neue Arbeit, von der alle reden?

Auf dem Plan-W-Kongress diskutieren Expertinnen darüber, was sich hinter dem Schlagwort New Work verbirgt.

Alle kommen zusammen und jeder sagt, was er verdienen will. Das klingt utopisch, kann aber funktionieren, sagt Cordelia Röders-Arnold. In ihrem Start-up Einhorn Products hätten sie es vor einer Woche genau so gemacht. Die Einhörner vertreiben vegane Kondome und nachhaltige Produkte für die Menstruation - und das auch profitabel. Am Görlitzer Bahnhof, nicht weit vom Plan-W-Kongress entfernt, gibt es also ein Unternehmen, in dem jeder auf ein Flipchart schreibt, was am Ende des Monats auf seinem Konto landen muss, damit seine Arbeit ihn satt und zufrieden macht.

Plan W-Kongress

Der erste Plan W-Kongress fand am 5. und 6. Juni 2019 in Berlin statt. Frauen und Männer aus der Wirtschaft diskutierten die Themen Digitalisierung, Gerechtigkeit, Künstliche Intelligenz und New Work. Alle Artikel zum Thema finden Sie hier.

Ist das die New Work , von der alle reden? Oder wie sieht sie aus? Auch darum geht es auf dem Plan-W-Kongress. Mit Cordelia Röders-Arnold diskutieren Inga Höltmann, die eine Weiterbildungsakademie anbietet, Catharina Bruns, die Selbständige und Gründer berät, und Valerie Holsboer, die erste Frau im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Mit der Definition, das wird schnell klar, ist es nicht so einfach.

Valerie Holsboer will sich damit nicht aufhalten. Wie wandelt sich die Arbeitswelt? Wie arbeiten wir morgen zusammen? Auf diese Fragen gelte es, Antwort zu finden. Als Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsagentur hat sie darauf einen anderen Blick als ein Start-up, das ganz von vorne anfangen kann. "Ich sehe viele Unternehmen in einer Schockstarre", sagt Holsboer. Lange konnten sie sich Bewerber aussuchen, plötzlich müssen sie um Fachkräfte werben. Und die interessiert nicht nur das Geld, sondern auch, wie zusammengearbeitet wird, wie Freizeit- und Familienbedürfnisse mit dem Job vereinbar sind, und ob die Tätigkeit Sinn stiftet.

An dieser Stelle mischt sich Catharina Bruns ein. "Eigentlich diskutieren wir doch nur das New Office", sagt die selbsternannte Entwicklungshelferin für Selbständige. Im Arbeitnehmerland Deutschland würde die Debatte um New Work nie den Kontext der Festanstellung verlassen. Es geht um flexible Arbeitszeiten, um Homeoffice, um Bezahlung. Warum wird nicht echte Freiheit, also Gründertum, gefördert? "Wenn ich mich daran orientiere, was mein Chef, mein Unternehmensberater, mein Methodencoach sagt, dann ist das nicht neu", sagt Bruns. So bliebe New Work Marketing. Bruns will nicht jeden zum Gründer machen, aber dazu anregen, dass mehr Menschen unternehmerisch denken. Der Impuls müsse von den Beschäftigten ausgehen.

Inga Höltmann hat ein Beispiel das zeigt, dass auch die Arbeitnehmer an alten Mustern festhalten wollen: Ein Mittelständler aus Süddeutschland habe es ähnlich wie das Start-up Einhorn machen wollen. Seit Jahren machten er und seine Mitarbeiter Fortschritte, eigenverantwortlicher zu arbeiten. Aber beim Gehaltsthema war Schluss. "Er hat vorgeschlagen, die Gehälter offenzulegen, und von seinen Mitarbeitern ein klares Nein bekommen", sagt Höltmann. Denn mit dem Gehalt hänge eine sensible Frage zusammen: Wie viel ist meine Arbeit wert? Diese Frage untereinander zu diskutieren, ist nicht nur eine ökonomische, sondern vor allem eine soziale Herausforderung.

Strukturen und Hierarchien einfach umstoßen, das gehe nicht und das wollten die Leute auch gar nicht, sagt Valerie Holsboer von der Bundesarbeitsagentur. Ihr Vorschlag: "Sie müssen Biotope schaffen, die undurchseucht von der Tradition sind." In der Behörde versuchen sie es so: "Wir haben gemischte Teams rausgeschickt und fragen lassen, wie unsere Kunden uns künftig erreichen wollen, im Netz, zu Fuß? Führungskräfte unterschiedlicher Abteilungen bekämen jetzt die gleichen Ziele vorgeschrieben: "Damit sie sich nicht mehr die heiße Kartoffel zuschieben können." Ein bisschen New Work, ein bisschen alte Muster, das kann aber auch schiefgehen, warnt Inga Höltmann: Wenn Mütter von Zuhause arbeiten dürfen, Karrieren aber weiter davon abhängen, wer wie lange im Büro ist, verschlechtere das ihre Chancen im Beruf sogar. Für New Work gibt es keinen Baukasten, sind sich die Diskutantinnen einig.

Cordelia Röders-Arnold bringt das Publikum zum Schmunzeln als sie erzählt, dass Konzerne bei ihnen zur "Start-up-Safari" vorbeikommen, um zu sehen, was es dort abzuschauen gibt. Zu Einhorn wollen nämlich viele junge Leute, die die anderen nicht kriegen können. Manche Kandidaten müsste allerdings auch das Start-up enttäuschen, sagt Röders-Arnold: "Ich habe den Eindruck, viele junge Leute denken, dass wir gar nicht richtig arbeiten." Doch wenn man nicht nur Profit erwirtschaften will, sondern gleich noch die Welt ein bisschen besser machen, sei das manchmal sogar schmerzhaft schwierig.

Und wie hat es nun geklappt mit der Gehaltsverhandlung? Das sei noch ein langer Prozess, sagt die Einhornerin. Aber die erste Überraschung gab es schon. "Manche haben auch gesagt: Das was ich bekomme, ist gut und okay für mich."

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SZ vom 07.06.2019/berk
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