Süddeutsche Zeitung

Erntehelfer:"Pro kaputter Rübe ist ein Euro weg!"

Lesezeit: 2 min

Auf den Feldern fehlen die Saisonarbeitskräfte. Eine neue Plattform versorgt Landwirte mit Helfern, bislang haben sich schon fast 30 000 registriert. Was steckt dahinter?

Interview von Miriam Hoffmeyer

Pro Jahr arbeiten bis zu 300 000 Saisonarbeitskräfte auf deutschen Feldern, 90 Prozent stammen aus Rumänien und Polen. Wegen der Corona-Krise bleiben sie jetzt weg. Um Landwirte mit Helfern aus Deutschland zusammenzubringen, starteten der Bundesverband der Maschinenringe e. V. und das Bundeslandwirtschaftsministerium die Vermittlungsplattform "Das Land hilft". Bislang haben sich fast 30 000 Helfer registriert. Die ersten hätten sich schon beim Praxistest im Hopfengarten bewährt, sagt Verbandsgeschäftsführer Erwin Ballis.

SZ: Wie entstand die Idee zu der Plattform?

Erwin Ballis: Unsere Geschäftsstelle am Bodensee hat Mitte März spontan einen Facebook-Aufruf gestartet, weil die Landwirte so dringend Helfer brauchten. Sie wurden von Hilfsbereitschaft geradezu überrollt, 3000 Leute haben sich gemeldet! Da wurde uns klar, dass man das Problem systematisch angehen muss. Die Maschinenringe vermitteln ja nicht nur Landmaschinen an die Mitgliedsbetriebe, sondern auch Saisonarbeitskräfte, Arbeitsvermittlung ist unser Tagesgeschäft. Aber es war etwas völlig Neues für uns, eine Plattform auf die Beine zu stellen.

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Wie hat das so schnell geklappt?

Die Programmierer der Auftragsfirmen haben in Tag- und Nachtschichten gearbeitet, zwei Minuten vor dem Start wurde noch die Software aktualisiert. Dann waren sofort mehrere Tausend Interessenten auf der Plattform, jede Stunde wurden es 400 mehr. Die Landwirte, die jetzt ihre Gesuche einstellen, werden alle innerhalb von einem Tag mit Helfern versorgt.

Lässt die Begeisterung der Helfer auf dem Feld nicht schnell nach?

Bisher sind die Erfahrungen erstaunlich gut. Ich habe gerade mit einem Hopfenbauern in der Hallertau gesprochen. Um diese Jahreszeit muss man jeden Tag in Handarbeit Drähte für die Hopfenreben in die Erde stecken. Über die Plattform hatte der Landwirt 15 Helfer gefunden, aber er war skeptisch, ob sie tatsächlich kommen würden. Alle waren pünktlich um 7.15 Uhr da. Und, noch wichtiger, sie sind am nächsten Tag auch wiedergekommen.

Welche landwirtschaftlichen Arbeiten stehen in den nächsten Wochen in den verschiedenen Regionen an?

Hopfen wird vor allem in Bayern, Franken und am Bodensee angebaut. Jetzt geht langsam die Spargelernte los, da gibt es in ganz Deutschland viele Anbaugebiete. Auch bei Bio-Betrieben, wo viel Unkraut von Hand gehackt wird, erwarten wir bundesweit einen großen Bedarf. Die meisten Arbeiten in der Landwirtschaft beginnen Mitte April. Übrigens rekrutieren wir nicht nur über die Plattform Helfer, sondern auch über den Hotel- und Gaststättenverband, denn viele Kräfte in der Gastronomie sind ja gerade ohne Beschäftigung.

Sind die Arbeiten für landwirtschaftliche Helfer eigentlich leicht zu lernen?

Ganz trivial ist es nicht! Wir wollen demnächst Videoclips auf die Plattform stellen, um zu zeigen, wie zum Beispiel Spargelstechen funktioniert. Wer auf einem Zuckerrübenfeld hackt, muss sehr schnell erkennen, was Rübe und was Unkraut ist. Pro kaputter Rübe ist ein Euro weg! Die Arbeiten werden auf jeden Fall langsamer vorangehen als sonst, und die Leistungen werden auch nicht so gut sein wie bei erfahrenen Saisonarbeitern.

Was verdienen die Helfer?

Wir legen keine Löhne fest, die Verträge werden direkt zwischen Landwirten und Helfern abgeschlossen, wir bieten Unterstützung bei rechtlichen Fragen. Was klar ist: Die Betriebe können nicht viel mehr als den Mindestlohn zahlen. Natürlich gibt es Helfer, die sich 20 Euro Stundenlohn wünschen. Aber wenn die Landwirte ihnen erklären, um wie viel teurer die Produkte dann im Laden sein müssten, sehen das die meisten ein.

Bekommen die Leute so ganz neue Erkenntnisse über die Landwirtschaft?

Ja, das hoffen wir. Es ist toll, dass so viele helfen wollen - und es ist auch toll, wenn mehr Menschen wissen, wie viel Arbeit nötig ist, bis der Spargel auf der Ladentheke liegt. In der Krise liegt eine Chance, dass Landwirte und Verbraucher einander näherkommen.

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Quelle:
SZ vom 04.04.2020
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