Süddeutsche Zeitung

Ehrenamtliches Engagement:Hilfe im Unternehmen zahlt sich aus

Nicht immer können Mitarbeiter ihre volle Kraft einem Unternehmen widmen - weil sie kranke Angehörige pflegen oder selbst krank sind. Ein Coburger Autozulieferer hat ein "Netzwerk Pflege" in der Firma aufgebaut - und ist dafür ausgezeichnet worden.

Dietrich Mittler

Es war ein Moment, auf den sich Sibylle Metzler gefreut hatte: die Rückkehr der Eltern aus dem Urlaub. "Aber auf einmal ging es meiner Mutter richtig schlecht", sagt sie. Am Abend lag die gerade erst Heimgekehrte im Krankenhaus, und da war sie auf einer Seite schon komplett gelähmt - Verdacht auf Schlaganfall. Sybille Metzler würde diese Geschichte wohl kaum erzählen, hätte sie nicht ein versöhnliches Ende genommen. Ihre Mutter steht wieder fest auf eigenen Beinen. Und Metzler selbst hat durch dieses Erlebnis eine neue Aufgabe für sich entdeckt: Sie steht Kolleginnen und Kollegen bei, die plötzlich Familienangehörige pflegen müssen.

Metzler ist damit eine von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des in Coburg ansässigen Automobilzulieferers Brose Fahrzeugteile, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit ehrenamtlich im firmeninternen "Netzwerk Pflege" tätig sind. Der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BSD) hat Brose Anfang dieses Jahres mit dem Preis "Helfende Hände" ausgezeichnet. Damit ehrte der BSD erstmals ein Unternehmen "für sein innovatives und außergewöhnliches Engagement" - und das ausdrücklich nicht nur aufgrund der Blutspende-Aktionen, die die Firma ihren Mitarbeitern ermöglicht, sondern eben auch wegen des deutschlandweit vorbildlichen Projekts zur Unterstützung der häuslichen Pflege.

Das Netzwerk Pflege basiert auf drei Säulen: Da ist zum einen die Abteilung "Mitarbeiter- und Familienbetreuung", dann der "Werksärztliche Dienst" und schließlich die ehrenamtlich tätigen Kräfte, die bei Brose auch "Multiplikatoren" genannt werden - derzeit zwei Männer und vier Frauen. Verantwortlich für das Projekt ist Manfred Seemann, der Leiter der Mitarbeiter- und Familienbetreuung. Sein Berufsweg begann als Kfz-Mechaniker. Durch den Zivildienst kam er auf die soziale Schiene, machte eine Ausbildung als Sozialarbeiter und arbeitete lange Jahre für den Verein "Förderkreis Ahorn" mit einem Bürgerhaus sowie zwei Kinder- und Jugendhäusern - finanziert durch Michael Stoschek, den Vorsitzenden der Brose-Gesellschafterversammlung. Offensichtlich fand Stoschek Gefallen an Seemanns Organisationstalent und Tatkraft. 2008 bat er ihn, so etwas auch im Unternehmen aufzubauen.

Für Seemann war das so etwas wie ein Kulturschock. "Eine Firma ist etwas ganz anderes als das Gemeinwesen, und man muss akzeptieren, dass das Thema Betriebswirtschaftlichkeit eine Rolle spielt", sagt er. Da stellte sich natürlich die Frage: "Wie können wir Hilfe so anbieten, dass sie auch betriebsverträglich bleibt?" Fragen wie diese hielten ihn nicht davon ab, die Abteilung, die ursprünglich Personalstrategien entwarf, zu einem innerbetrieblichen Sozial- und Gesundheitsmanagement umzubauen.

Das basiert - offenbar das Prinzip Seemann - wieder auf drei Säulen: erstens die psychosoziale Beratung für Mitarbeiter und ihre Angehörigen. Da geht es um Probleme am Arbeitsplatz, persönliche Sorgen wie Partnerschaftsprobleme, Probleme der Kinder in der Schule, Burn-out, Alkohol und Drogen. Säule Nummer zwei ist das Thema Familien-Service. Darunter fällt etwa die betriebliche Kinderbetreuung, aber eben auch das jetzt ausgezeichnete Projekt Netzwerk Pflege. Säule Nummer drei ist das innerbetriebliche Gesundheitsmanagement, zu dem auch Fitness-Angebote zählen.

Hilfe, die sich auszahlt

Seemann war es, der Sybille Metzler in ihrer schweren Zeit zur Seite stand. "Ich habe jemanden gebraucht, der einfach nur mal zuhört", sagt die 44-Jährige heute. Sie ließ sich überzeugen, wie gut es doch wäre, wenn Mitarbeiter Mitarbeitern beistehen. "Sich in einem leistungsbezogenen Unternehmen zu outen, dass man jetzt jede Nacht aufstehen und den Vati einfangen muss, weil der seinen Schlaf-Wach-Rhythmus gewechselt hat, das ist schwer", sagt Seemann. Und so stand am Beginn die Überzeugungsarbeit - auch in Richtung Kollegen.

Esther Loidl, die Personalleiterin der Brose Gruppe, spricht von einer Win-Win-Situation. Die soziale Komponente, die bereits bei den sehr flexiblen und variablen Arbeitszeiten beginne, nutze letztlich auch dem Unternehmen - "selbst, wenn sich das nicht in Euros umrechnen lässt". Stehe ein Mitarbeiter unter familiär bedingten Belastungen, so wirke sich das ja auch auf das Arbeitsleben aus. Also glaubt sie an das Motto: "Regle deine Probleme, wir unterstützen dich dabei - und du kannst dich in der Zeit, in der du arbeitest, voll einbringen."

Dazu gehört auch, dass die Hilfe rasch ansetzen kann. Das Netzwerk von Brose schließt die sozialen Angebote der Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Rotes Kreuz voll mit ein. "Wir haben Verträge mit den lokalen Partnern und können deshalb unsere Mitarbeiter schnell vermitteln", sagt Loidl. Eine Schuldnerberatung ist so eben nicht erst nach drei Wochen Wartezeit möglich, sondern bereits nach wenigen Tagen. Brose sei dabei, dieses System Zug um Zug in all seinen Niederlassungen zu etablieren - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Es mache Spaß, bei Brose im Personalwesen zu arbeiten, betont Loidl: "Man hat hier die Freiheit, auch solche Wege zu gehen." Seemann sagt über den Firmen-Patriarchen Stoschek: "Ich erlebe ihn seit 30 Jahren als jemanden, der mit einem sehr hohen sozialen Engagement unterwegs ist."

Nun ist allerdings auch Brose keine Insel der Seligen. Geradezu legendär sind die Auseinandersetzungen mit der IG Metall. 2006 trat Brose aus dem Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie aus und ist seitdem ohne Tarifbindung. Michael Stoschek, 64, gilt nicht gerade als Mensch mit allzu großer Beißhemmung. Sein Zerwürfnis mit dem Coburger Oberbürgermeister Norbert Kastner füllt Zeitungsaufmacher, die geplante Verlagerung von Arbeitsplätzen vom Stammsitz Coburg nach Bamberg ordnen viele dieser intensiv gepflegten Männerfeindschaft zu. "Ein Haudegen alter Schule, eigenwillig. Einer, der ab einem gewissen Punkt nur noch in Freund oder Feind unterscheidet", so beschreibt ihn jemand, der ihn seit längerem journalistisch begleitet. Aber eben auch jemand, der anderen Menschen beistehen will: Nach dem verheerenden Brand in der Coburger Innenstadt stellten die Brose-Gesellschafter kürzlich den Opfern fünf Millionen Euro zur schnellen Hilfe bereit.

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SZ vom 12.06.2012/wolf
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